<b>Vor bald 13 Jahren erschien Ihr erfolgreiches Buch „Weil i di mog“ für eine gelingende Partnerschaft. Diesmal geht es um Paare mit Kindern, und der Titel klingt nach „mittendrin – im Stress, im Schlamassel, in der Krise“. Ist das Ihr Ausgangspunkt für das Buch?</b><BR /><BR />Toni Fiung: Ja, bei der Begleitung von vielen Paaren habe ich gemerkt, dass sich da etwas in den Familien radikal verändert hat. Ich merke, wie sehr Paare gefordert sind durch die Aufgabe, Eltern zu sein und gleichzeitig das Berufsleben unter einen Hut zu bringen. Südtirol ist ein teures Land, wer hier mit einer Familie leben will, muss im Normalfall viel arbeiten. Eltern sind gerne Eltern, aber ich merke auch, wie sie oft müde sind. Auch die Erziehung ist anspruchsvoller geworden, schließlich wollen Eltern den Kindern das Beste geben.<BR /><BR /><b>Das wollen Eltern nun mal.</b><BR /><BR />Fiung: Leider ist dieses Beste bei vielen Paaren zu viel des Guten und vor allem bleibt die Beziehung oft auf der Strecke. Aber nur wenn es dem Paar gut geht, geht es auch den Kindern gut. Dann fühlen sie sich gehalten und geborgen, was für das Leben enorm wichtig ist. Und wenn Eltern nur mehr müde sind, keine Kraft haben und vor allem auch sich nichts mehr Gutes gönnen, dann leiden die Kinder. Zudem fehlt die Energie, um Konflikte auszutragen oder schöne familiäre Momente zu gestalten. Das Anliegen dieses Buches ist, den Eltern zu sagen: Vergesst euch nicht als Liebespaar! Wir hatten unlängst im Haus der Familie eine schöne Veranstaltung für Eltern mit kleinen Kindern. Ich habe so in die Runde hineingefragt, wie es den Eltern geht. Durch die Bank war die Antwort: Wir finden zu wenig Zeit für uns als Paar, fühlen uns manchmal überfordert, wir sind viel Papi und viel Mami, aber kaum noch ein Paar. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1313559_image" /></div> <BR /><b>Das kann auf die Dauer für die Partnerschaft gefährlich werden und wird auch den Kindern nicht guttun. Was kann hier helfen?</b><BR /><BR />Fiung: Eltern brauchen sicher mehr Hilfe von der Gesellschaft, sie müssen unterstützt werden. Mich überrascht dieser Trend, dass immer mehr Paare keine Kinder wollen. Eine Gesellschaft mit wenigen Kindern ist eine sehr arme Gesellschaft. Es liegt in unserer Verantwortung, dass es junge Menschen gibt, die gerne Kinder haben. Hier brauchen wir politische Unterstützung, auch finanziell. Aber auch Paare selbst haben Verantwortung, es darf nicht alles auf die Gesellschaft abgeschoben werden. Sie müssen ihre Prioritäten setzen und herausfinden, welche Werte sie leben wollen. Ob sie zum Beispiel den Kindern all das bieten müssen, was andere haben, etwa beim Urlaub, im Freizeitprogramm. <BR /><BR /><embed id="dtext86-74699328_quote" /><BR /><BR /><b>Wie können Eltern den Druck auf Partnerschaft und Familie etwas herausnehmen?</b><BR />Fiung: Eines ist die gesellschaftliche Unterstützung, die ich schon angesprochen habe. In der Familie braucht es oft gar nicht so viel. Die Phase mit kleinen Kindern dauert nicht ewig, sie ist absehbar. Kinder werden selbstständig, irgendwann verlassen sie das Haus. In dieser überschaubaren Zeit mit kleinen Kindern hilft es, auch auf etwas zu verzichten, zum Beispiel, dass man nicht in vollem Umfang die eigenen Bedürfnisse, die eigenen Hobbys leben kann. Auch finanziellen Verzicht finde ich hilfreich. Eltern müssen Kindern nicht alles bieten. Das beste Kapital für ihr Leben sind Zuwendung, Kraft, Sicherheit, Stabilität. Das gilt vor allem in der ersten Phase. Wichtig aus meiner Sicht ist die bestmögliche Ausbildung, die sich das Kind wünscht.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1313562_image" /></div> <BR /><BR /><b>Eltern sollten also auch heraus aus dieser Vergleichsfalle.</b><BR /><BR />Fiung: Ja, das ist tatsächlich eine Falle! Leider wird diese Haltung den Kindern schon sehr früh vermittelt. Wenn sie zum Beispiel Sport betreiben oder ein Instrument spielen, wird sofort geschaut: Wer ist der oder die Beste? Das kann für Kinder schrecklich sein. Kinder sollten bei Sport oder Musik nicht leisten müssen, sondern sich selbst finden dürfen. Das tut einer Familie und vor allem der Entwicklung eines Kindes nicht gut, wenn ständig bewiesen werden muss, dass jemand gut ist. Eltern können Fähigkeiten und Talente fördern, dann wird das Leben zeigen, was das Kind kann. Leider vergleichen oft auch Eltern: Schau, was andere Kinder alles können, wie gut sie in der Schule sind, was sie studieren. Das bringt nicht weiter, sondern schürt nur Zweifel bei den Eltern selbst. Das ist eine Negativspirale und macht unglücklich.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74699329_quote" /><BR /><BR /><b>Man hört oft von Paaren, die sich getrennt haben oder geschieden sind, dass sie sich in der Kinderzeit auseinandergelebt haben. Wenn dann die Kinder aus dem Nest sind, ist auch die Ehe oder Beziehung am Ende. Was sind Alarmzeichen für dieses Bröckeln in der Partnerschaft?</b><BR /><BR />Fiung: Ich vergleiche das gerne mit dem Grundwasser. Es ist da, damit man Wasser hat und man sich Wasser holen kann. In einer Paarbeziehung sollte dieses Grundwasser – das Grundgefühl – positiv sein. Das kommt zum Ausdruck, wenn wir die Nähe genießen, wenn wir uns freuen, dass wir heimkommen, eine Zeitlang zusammen sind. Wenn dieses gute Klima nicht mehr da ist, dann wird es stiller, man redet nicht mehr viel und konzentriert sich häufig auf die Arbeit oder auf die Kinder. Ich habe oft gesehen, dass Eltern dann dieses Manko über die Kinder kompensieren. Sie konzentrieren sich auf einen Sohn, eine Tochter. Sie haben damit zeitweise Erfolg, denn sie sehen die Kinder, was sie alles tun, wie sie sich entwickeln. Aber irgendwann muss sich das Kind loslösen und dann bleibt eine sehr enttäuschte Mutter, ein enttäuschter Vater zurück. Das ist für die Eltern selbst oft sehr kränkend und verletzend. Auch deshalb sollten sie als Paar immer wieder schauen, wie das Klima zwischen ihnen ist, ob es zum Beispiel Wertschätzung und Dankbarkeit im Alltag gibt. <BR /><BR /><b>Und was hilft, wenn in der Beziehung schon der Wurm drin ist?</b><BR /><BR />Fiung: Vor allem die Krise offen ansprechen. Ich beobachte, dass sich heute öfter Paare eingestehen, dass es ihnen nicht mehr gut geht, dass sie ein Problem haben. Diese Offenheit ist zum Glück kein Tabu mehr. Dann gibt es manchmal auch ganz praktische Lösungen, etwa ein befreundetes Paar, zu dem man Vertrauen hat und das nicht anderen davon erzählt. Es tut einem Paar gut, wenn es irgendwo offen reden kann. Das nimmt den Druck. Im familiären Bereich ist das schwieriger, denn bei Eltern oder Geschwistern besteht die Gefahr, dass die sich mit dem eigenen Sohn oder dem Bruder verbünden. Offen über die Schwierigkeiten reden zu können, ist ein erster wichtiger Schritt. Der nächste ist sicher, dass man fachliche Hilfe holt wenn man merkt, dass es alleine nicht zu schaffen ist. Es gibt Angebote der Beratung und der Therapie. Da helfen Fachpersonen wie Psychologen, Psychotherapeuten und Coaches, die solche Situationen gut auffangen können. Ganz wichtig ist aber auch die Prävention, zum Beispiel die Kurse zur Ehevorbereitung. Da reden Paare viel miteinander, was später im Eheleben das Um und Auf ist. <BR /><BR /><embed id="dtext86-74699660_quote" /><BR /><BR /><b>Ehevorbereitung ist das Stichwort für die letzte Frage: Sie sind da seit Jahrzehnten tätig. Welche Trends zeichnen sich ab? Hat der Hochzeitsmonat Mai noch diesen Status?</b><BR />Fiung: Die Kirche ist in einem großen Umbruch und sämtliche Feiern – vor allem sakramentale Feiern – erleben eine starke Veränderung. Für viele Menschen ist das sakramentale Verständnis, das die Kirche und die Theologie haben, eine fremde Welt. Viele wünschen sich eine Segnung, wünschen sich eine liebevolle Zusage der Liebe Gottes und sie nehmen es auch ernst. Daher gehen die kirchlichen Eheschließungen langsam, aber stetig zurück, auf der anderen Seite haben wir eine große Zunahme der freien Trauungen. Das ist die Herausforderung für die Seelsorge: Wie können wir den Menschen vermitteln, was bei einer kirchlichen Trauung geschieht? Und welches Glücksgefühl bringt es, wenn ein Paar sagt: Ich bleibe – mit Gottes Hilfe – bei dir bis ans Ende des Lebens?