<b>Gratulation zum Verdienstkreuz: Wie fühlt es sich an, mit 50 Jahren bereits mit der dritthöchsten Ehrung des Landes Tirol ausgezeichnet worden zu sein?</b><BR />Joachim Kerer: Ich höre diese Frage in den letzten Tagen oft, weil viele mit dieser Auszeichnung Alter verbinden. Was für mich stimmt, ist, dass jemand mit zunehmendem Alter mehr Zeit und Chancen hat, etwas für den Nächsten zu tun. Es ist aber nicht zwingend notwendig. Ich war überrascht, aber ich fühle mich nicht zu jung für diese Ehrung.<BR /><BR /><b>Wird die Verleihung, sobald sie mitgeteilt wird, begründet?</b><BR />Kerer: Nein. Ich habe Mitte Juli ein Mail des Amtes für Zeremoniell, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit erhalten – mit einem Brief des Landeshauptmannes als Anlage, in dem er mir zur Nominierung der Verleihung des Verdienstkreuzes gratulierte. Ich habe die Mitteilung unterwegs am Handy gelesen und dachte mir, dass es eine Spam-Mail ist. Auch als ich am Abend den Anhang öffnete, war mein erster Gedanke: „Wer pflanzt mich hier.“ <BR /><BR /><b>Sie sind Präsident der Sozialgenossenschaft Renovas und der Kolpingfamilie Brixen. Sie stehen dem Sozialunternehmen Guggenberg vor und sind Präsident des Brixner Altstadtkomitees. Fehlt etwas in der Liste?</b><BR />Kerer: Ja. Zudem bin ich im Verwaltungsrat der Sozialgenossenschaft Mensa Brixen und im Vorstand Gastronomie des Handels- und Dienstleistungsverbandes hds. Hier repräsentiere ich die Landhausbar und das Schloss Rechtenthal, beide von Renovas geführt, die Kolping-Mensa und die Mensa in der Industriezone – alles Sozialbetriebe. Weiters bin ich Mitglied der hds-Ortsgruppe Brixen und des Kindergartenbeirates, obwohl mein Jüngster schon elf Jahre alt ist. Mein erster Impuls auf die Frage um Mitarbeit ist immer: Ja. Wenn es Sinn macht, dass ich dort bin, leiste ich gerne meinen Beitrag. <BR /><BR /><b>Sie führen beruflich einen IT-Dienstleistungsbetrieb und sind Vater von vier Kindern. Wie geht sich das zeitlich alles aus?</b><BR />Kerer: Ja, das ist eine Herausforderung. Mir ist bewusst: Wenn sich meine Frau Veronika nicht um das familiäre Ganze kümmern würde, wäre das in dieser Form nicht möglich. Ich habe mich oft gefragt, ob ich – im gegenteiligen Fall – mein Innerstes Ich so ändern könnte, um auf das Ehrenamt zu verzichten. <BR /><BR /><b>Können Sie Ihr soziales Engagement quantifizieren?</b><BR />Kerer: Das ist schwierig, vieles läuft oft parallel. Es gibt Monate, in denen ich sehr intensiv in meiner Arbeit bin. Dann gibt es Wochen, in denen ein relevanter Teil meiner Zeit – ich sage bewusst nicht Freizeit – dem Ehrenamt gewidmet ist. Weniger als zehn Stunden pro Woche sind es nie, manchmal 40 Stunden und mehr.<BR /><BR /><b>Generationsübergreifendes Wohnen, die Integration benachteiligter Personen, der Einsatz für Kirche und Gesellschaft, das Organisieren eines Groß-Events: Ihr soziales Engagement deckt viele Bereiche ab. Welcher macht am meisten Spaß, welcher bringt sie am meisten zum Denken?</b><BR />Kerer: Das was mich motiviert – und da unterscheide ich nicht zwischen Arbeit und Ehrenamt – ist das dem Nächsten Helfen. Das zeichnet meinen Beruf aus, mit dem ich Probleme am PC löse. Die Tätigkeit bei Kolping ist sehr breit. Adolph Kolping hatte es sich zum Ziel gesetzt, die zu unterstützen, die am meisten Hilfe bedurften – damals die Gesellen. Er hat aber auch gesagt: Die Nöte der Zeit werden euch zeigen, was ihr zu tun habt. Kolping versucht, mit offenen Augen zu erkennen, was die Gesellschaft braucht und dort anzusetzen. Die Bezeichnung Kolpingfamilie – für mich ein wünschenswertes Bild der Familie – könnte nicht treffender sein: Das wichtigste Element der Gesellschaft ist die Familie. Von ihr geht alles nach außen, aus ihr entwickelt sich Gesellschaft. <BR /><BR /><b>Was ist das Sozialunternehmen Guggenberg?</b><BR />Kerer: Hinter der noch jungen GmbH-Form des Sozialunternehmens steht die Idee der Sozialarbeit ohne Gewinnabsichten. Die Guggenberg GmbH ist eine Zusammenarbeit zwischen Kolping und der Genossenschaft b*coop. Hier treffen – die Kolpingfamilie Brixen feiert demnächst 170 Jahre – solide Wurzeln und eine vielleicht nicht mehr ganz jugendliche Struktur auf eine junge Bürgergenossenschaft, die nur so sprüht vor Ideen. Hier entsteht viel Potential, um Gemeinschaft zu fördern.<BR /><BR /><b>Die Sozialgenossenschaft Renovas hat die Integration von benachteiligten Personen in die reale Arbeitswelt zum Ziel.</b><BR />Kerer: Renovas verfolgt den Leitspruch „Es ist normal verschieden zu sein“ und „Jeder gibt 100 Prozent, aber SEINE 100 Prozent“. In ihren Strukturen schafft Renovas den Rahmen dafür.<BR /><BR /><b>Und wie passt das Altstadtfest in dieses soziale Gefüge?</b><BR />Kerer: Das werde ich öfters gefragt. Die goldene Regel ist, dass nur Vereine aus Brixen und die etwas für die Allgemeinheit leisten, mitwirken dürfen. Mit den Einnahmen aus dem Fest finanzieren sie ihre Tätigkeit. Wer beim Fest etwas konsumiert, stützt damit wieder die Gesellschaft.<BR /><BR /><b>Zurück zur Frage: Was macht am meisten Spaß?</b><BR />Kerer: Das eine nicht mehr oder weniger als das andere. Alles deckt sich mit dem, was mir gefällt. Ich bin überzeugt, dass die Sorgen der morgigen Generationen, das gemeinsame Leben sein wird. Ob in Hinblick auf neue Mitbürger, darauf, dass unsere Gesellschaft immer mehr vereinsamt, der Wohlstand eigentlich kinderfeindlich ist – die daraus entstehenden Thematiken werden an der Tagesordnung stehn. Es wird neue Formen für das menschliche Zusammenleben brauchen. Das Haus Guggenberg zeigt eine auf: Nur der kriegt hier eine Unterkunft, der bereit ist, für die Gemeinschaft etwas zu tun. <BR /><BR /><b>In Hinblick auf die soziale Brüchigkeit – müsste hier die Politik mehr eingreifen?</b><BR />Kerer: Die Entscheidungsträger haben einen gewissen Spielraum. Aber tun müssen wir… Ich habe während meines Wirtschaftsstudiums Adam Smith kennengelernt. Ich finde, seine Metapher der „invisible hand“, der unsichtbaren Hand, steckt in vielen Dingen. Je mehr du regulierst – Stichwort Subventionen –, desto mehr förderst du den Rückgang der Eigeninitiative. Und das kann nicht das Ziel sein. Das erklärte Ziel muss sein, Motivation und Antrieb für ein Handeln zum Wohle der Gesellschaft zu schaffen. Beginnen muss es in der untersten, wichtigsten Ebene, die die Pyramide trägt. Und das ist die Gesellschaft. <BR /><BR /><BR /><b>Wer hat Ihr soziales Denken so geprägt? Ihr Vater Helmut, der 2009 das Verdienstkreuz erhalten hat? </b><BR />Kerer: Ja. Mein Vater hat das Ehrenamt, das Vereinswesen, und das sich für den Nächsten Einbringen gelebt. Und er war Kommunalpolitiker. Die wichtigste, bürgernächste Politik ist für mich die Gemeindepolitik. Auch meine Mutter hat mir den Einsatz für den Nächsten vorgelebt. Ich bin überzeugt, dass den Menschen drei Elemente prägen: Vererbung, das, was er im Elternhaus als Kleinkind erlebt, und sein Netzwerk. Auch hier hatte ich Glück. <BR /><BR /><b>Was nehmen Sie von der Auszeichnung mit? </b><BR />Kerer: Ansporn und Motivation, so weiterzumachen. Das zweite ist Bestätigung, dass mein Tun gesehen wird. Mein nachhaltigster Wunsch wäre, dass ich Vorbild sein kann für andere.