<b>Das breite niederschwellige Angebot in Südtirol ist ein positives Signal – es gibt ausreichend Hilfe für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen.</b><BR />Bettina Meraner: Südtirol hat in diesem Bereich viele Personalressourcen zur Verfügung gestellt. Auf der anderen Seite ist die Zahl der suchtbedingten stationären Aufnahmen im Spital hier überdurchschnittlich hoch. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="976399_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum gibt es so viele Krankenhausaufnahmen mit Substanzkonsum als Erstdiagnose?</b><BR />Meraner: Wenn die Zahl so stark vom gesamtstaatlichen Schnitt abweicht, muss man einen Blick darauf werfen, wie eine Diagnose zustande kam. Die diesbezüglichen Daten kommen aus dem Krankenhausinformationssystem und beziehen sich auf die Entlassungsdiagnosen. Deshalb liegt es am behandelnden Arzt. Ein Beispiel: Ich werde wegen Wahnvorstellungen eingeliefert, habe zuvor aber auch Kokain konsumiert. Der Arzt muss entscheiden, ob er Kokainkonsum oder eine wahnhafte Störung als Erstdiagnose angibt. Die Daten zeigen, dass man hier eher dazu tendiert, die substanzbezogene Diagnose in den Vordergrund zu stellen. So kann es vorkommen, dass man davon ausgeht, dass der Substanzkonsum die psychische Störung ausgelöst hat – obwohl es sich bei ersterem um eine Gewohnheit, nicht um ein tatsächliches Störungsbild handelt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="976402_image" /></div> <BR /><BR /><b>Bedeutet das, dass es eine hohe Zahl an Personen gibt, deren psychische Erkrankung als Drogenkonsum „abgetan“ wird?</b><BR />Meraner: Der Patient könnte unabhängig vom Drogenkonsum an einer psychischen Störung leiden, allerdings kann der Substanzkonsum die Symptome verändern. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass die Symptome einer psychischen Störung durch den Drogenkonsum hervorgerufen werden, sobald der Stoff den Körper verlässt, lassen die Symptome einer psychischen Störung auch nach. Das ist nun vermehrt der Fall, weil die Konzentration der Wirkstoffe im Rauschgift gestiegen ist. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62674975_quote" /><BR /><BR /><b>Können Substanzen auch psychische Störungen auslösen?</b><BR />Meraner: Es gibt substanzinduzierte psychische Störungen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind. So könnten die Substanzen ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn auslösen und damit eine psychische Störung „lostreten“, die ohne Drogenkonsum vielleicht nicht so akut gewesen wäre. <BR /><BR /><b>Aus dem jährlichen Bericht ans Parlament geht auch hervor, dass Kokain zu den am häufigsten beschlagnahmten Substanzen gehört. Ist Kokainkonsum in Südtirol nach wie vor ein großes Problem?</b><BR />Meraner: Man muss auch bedenken, dass wir ein Durchzugsland für Drogenhandel sind, darum ist nicht das ganze beschlagnahmte Rauschgift für unser Land bestimmt. Aber die Anfragen in unserem Dienst haben massiv zugenommen, 2 Drittel der Hilfesuchenden kommen, weil sie Probleme mit Kokain oder Crack haben. Crack ist eine speziell verarbeitete Form von Kokain, es wird meist erhitzt und inhaliert. Alles, was inhaliert wird, erreicht schneller das Gehirn – verlässt aber auch den Körper sehr rasch. Aus diesem Grund ist die „Down-Phase“ bei Crack noch intensiver als bei Kokain, je schneller der Zyklus zwischen Konsum und „Down-Phase“ desto schwieriger wird es für Betroffene, die Suchtspirale zu durchbrechen. <BR />