<b><BR />Herr Hellrigl, beginnen wir ganz grundsätzlich: Wie läuft eine Suchaktion in Südtirol ab? Nach welchem Schema wird vorgegangen?</b><BR />Thomas Hellrigl: Am Anfang jeder Suchaktion steht immer eine offizielle Vermisstenmeldung. Die Alarmierung sämtlicher Rettungskräfte erfolgt ausschließlich über die Landesnotrufzentrale. Erst wenn dort eine Suchaktion formell eröffnet wird, rücken wir als Einsatzkräfte aus. Wie bei jedem Einsatz gibt es auch hier eine klare Einsatzleitung, die für die Gesamtkoordination verantwortlich ist. Entscheidend ist dabei, wo die Person vermisst wird: Findet die Suche im Dorf oder in der Stadt statt, liegt die Einsatzleitung sehr häufig bei der Feuerwehr. Die Bergrettung hingegen ist ausschließlich für Einsätze im alpinen Gelände zuständig. <BR /><BR /><BR /><b>Entscheidet die Einsatzleitung auch, welche weiteren Rettungskräfte hinzugezogen werden?</b><BR />Hellrigl: Ja, das ist im Ablaufprotokoll eindeutig geregelt. Die Einsatzleitung legt fest, welche Organisationen oder spezialisierten Einheiten zusätzlich alarmiert werden. Das können weitere Rettungsstellen, Suchhundestaffeln oder besondere Spezialeinheiten sein. Wird etwa eine Person in einem Bach vermisst, wird in der Regel die Canyoning-Rettung hinzugezogen, häufig auch die Wasserrettung. Der Ablauf folgt also einer klaren Struktur, bleibt aber flexibel genug, um auf die jeweilige Situation reagieren zu können.<BR /><BR /><BR /><b>Bei so manchen Suchaktionen sind über 100 Rettungskräfte im Einsatz. Wie wird eine derart umfangreiche Suche koordiniert?</b><BR />Hellrigl: Vor Ort wird grundsätzlich ein kleines Lagezentrum eingerichtet. Wenn die Feuerwehr die Einsatzleitung innehat, befindet sich dieses meist in der Feuerwehrhalle. Dort kommen die Entscheidungsträger zusammen, arbeiten mit Karten und Lageplänen und koordinieren die Maßnahmen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268688_image" /></div> <BR />Wir als Bergrettung greifen zusätzlich auf digitale Hilfsmittel zurück. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73272973_quote" /><BR /><BR /> In Gebieten ohne Mobilfunkempfang verwenden wir kleine GPS-Geräte. Jedes Bergrettungsmitglied erhält eines für den Rucksack, auch die Suchhunde werden damit ausgestattet. Auf diese Weise lassen sich Suchflächen exakt definieren und dokumentieren – die Suche verläuft dadurch sehr strukturiert und konzentriert.<BR /><BR /><BR /><b>Worin unterscheiden sich Suchaktionen im alpinen Gelände von jenen im urbanen Raum?</b><BR />Hellrigl: Im urbanen Bereich ist das Suchen oft einfacher: Du durchsuchst diesen Block, du das Parkhaus, du diesen Straßenzug. Im alpinen Gelände ist es viel schwieriger. Die Suchflächen sind deutlich größer, das Wegenetz ist weit verzweigt, im Winter kommen riesige freie Flächen dazu. Außerdem ist das Gelände oft schwer zugänglich und auch die Bergung ist wesentlich aufwendiger als im Tal.<BR /><BR /><BR /><b>Welche technischen Mittel kommen bei Suchaktionen zum Einsatz?</b><BR />Hellrigl: In den letzten Jahren haben wir uns stark auf den Einsatz von Drohnen spezialisiert. Sie sind mit hochauflösenden Kameras ausgestattet, mit denen wir große Gebiete systematisch absuchen können. Theoretisch können wir auch Wärmebildkameras einsetzen, das ist aber anspruchsvoll, weil man darauf jedes Wildtier sieht. Bewegung hilft bei der Unterscheidung.<BR /><BR /><BR /><b>Ab wann wird entschieden, eine Suche erfolglos abzubrechen? Gibt es dazu bestimmte Kriterien?</b><BR />Hellrigl: Eine allgemeine Regel gibt es da nicht. Klar ist: Abgebrochen wird, wenn die Person gefunden wird. Außerdem wird ein Einsatz beendet, wenn er für die Rettungskräfte nicht mehr vertretbar ist – etwa bei extrem hoher Lawinengefahr. Das entscheidet die Einsatzleitung.<BR />Oft kommen im Laufe der Suche Informationen dazu, die eine Fortsetzung erschweren oder unmöglich machen. Wenn man davon ausgeht, dass jemand verunfallt ist, sucht man so lange wie möglich. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73276184_quote" /><BR /><BR /><BR /> Im Gletscherbereich kann es sein, dass jemand in eine Spalte stürzt und im Eis bleibt. Dann muss eine Suche ergebnislos beendet werden.<BR />Man muss aber auch sagen: Die meisten Suchaktionen lösen sich relativ rasch auf, weil die vermisste Person wieder auftaucht.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Rolle spielen Handys bei der Suche nach Vermissten?</b><BR />Hellrigl: Eine sehr große Rolle. Wir verfügen über ein Gerät namens „Live Seeker“, das auf Drohnen montiert werden kann. Damit können wir Handys orten – auch dann, wenn sie keinen Empfang haben. Das Gerät täuscht eine Mobilfunkzelle vor, in die sich das Handy einwählt. Voraussetzung ist natürlich, dass das Handy eingeschaltet ist. So können wir das Gebiet eingrenzen, in dem sich die Person befindet.<BR /><BR /><BR /><b>Wie ist das Prozedere, wenn eine vermisste Person tot aufgefunden wird?</b><BR />Hellrigl: Die Übermittlung der Todesnachricht ist gesetzlich Aufgabe der Behörde – und das ist auch gut so. Zuerst stellt ein Arzt den Tod fest. Danach werden persönliche Gegenstände gesichert, um die Identifikation zu ermöglichen. Sobald die Behörde die Leiche freigibt, übernehmen wir die Bergung. Damit ist unser Einsatz abgeschlossen.