„Jeder kann sich am besten selbst fragen, inwieweit er oder sie das eigene Menschenbild von jungen Leuten ändern sollte“, sagt die Expertin. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="950176_image" /></div> <BR /><BR /><b>Der Begriff Adultismus ist in Südtirol wenig geläufig. Worum geht’s hierbei?</b><BR />ManuEla Ritz: Ja, ich habe gehört, dass im Gegensatz zu Deutschland dieser Begriff kaum benutzt wird. Umso gespannter bin ich auf die Diskussionen zur Thematik. Es geht um das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Adultismus beschreibt diese Machtungleichheit und die Diskriminierung jüngerer Menschen allein wegen ihres Alters. Diskriminierung ist ja dann gegeben, wenn wir Personengruppen festlegen und die Meinung vertreten, gewisse Gruppen seien klüger oder besser als andere. <BR /><BR /><b>Wie äußert sich dieses Machtgefälle im Alltag?</b><BR />Ritz: Wichtig ist wahrzunehmen, wie man Kindern und Jugendlichen begegnet und sich ihnen gegenüber verhält. Klar, grundsätzlich sind Erwachsene der Auffassung, es gehe doch um Fürsorge, Liebe, Begleitung und Erziehung. Allerdings tritt ein Machtunterschied oft auf subtile Weise zutage, etwa durch das Verhalten oder die Art der Gesprächsführung. Das offenbart dann das Menschenbild, das wir von Heranwachsenden haben. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="950179_image" /></div> <BR /><BR /><b>Erwachsene sollten also ihr Verhalten gegenüber Heranwachsenden stärker reflektieren?</b><BR />Ritz: Man kann sich einfach überlegen, ob man eine erwachsene Person genauso behandeln würde. Ob man sie so ansprechen würde, etwas von ihr fordern würde, ihr mit der Hand über den Kopf fahren würde oder etwas aus der Hand nehmen würde wie man es bei Kindern für selbstverständlich hält. In der Eile werden Kinder oft nachgezerrt, dabei können sie einfach nicht schneller vorankommen. Es gilt also das, was ich als erwachsene Person regle oder verbiete, gut zu begründen. Vieles lässt sich aus einem Gefühl der Verantwortung oder Schutzbedürfnis heraus erklären, oft aber sind ungleiche Machtverhältnisse im Spiel. <BR /><BR /><b>Umgekehrt betrachtet, lässt sich dieses Machtgefälle auch am anderen Ende der Altersskala beobachten, oder?</b><BR />Ritz: Das ist richtig. Wenn man 70 oder 80 Jahre überschritten hat, so wird man selbst oft zum Opfer von Diskriminierungen. Teilweise nehmen das die Betroffenen selbst kaum wahr, was aber nichts daran ändert, dass Ageismus bzw. Altersdiskriminierung weit verbreitet und schädliche Auswirkungen auf die Betroffenen hat. Auch hier gilt das Prinzip: Durch den Gebrauch von negativen Stereotypen und Vorurteilen tritt ein Machtgefälle zutage. Man nimmt älteren Menschen dadurch Selbstbestimmung. <BR /><BR /><b>Wie gelingt es, diese Verhaltensmuster zu durchbrechen und Brücken zwischen den Generationen zu bauen?</b><BR />Ritz: Zunächst einmal muss die Person, die für dieses Gefälle verantwortlich ist, von ihrem hohen Ross heruntersteigen. Der Erwachsene muss zuhören und verstehen lernen, worum es überhaupt geht und was die Betroffenen beschäftigt. <BR /><BR /><b>Setzt das auch voraus, dass man versucht, sich in die Lebenswelten von heranwachsenden Generationen besser hinzuversetzen?</b><BR />Ritz: Ja, klar, recht deutlich tritt der sogenannte Generationenkonflikt bei der Klimathematik zutage. Wir haben es mit einer jungen Generation zu tun, welche sich Sorgen um die Zukunft macht und das natürlich thematisieren will, sehr wohl auch mit neuen Ideen daherkommt. Von den Erwachsenen dagegen kommt vielfach eine abwehrende Haltung, die Jungen werden oft verteufelt oder für dumm erklärt. Ich glaube aber, das Brückenbauen funktioniert besser, wenn man es auf die persönliche Ebene herunterbricht. <BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Ritz: Jeder kann sich am besten selbst fragen, inwieweit er oder sie das eigene Menschenbild von jungen Leuten ändern sollte. Ich kann als Mutter daheim oder als Lehrerin in der Schule am besten damit beginnen, diese Brücken zu bauen. Durch Zuhören und verantwortungsvolles Verhalten.<BR /><BR /><b>Andererseits sind die Heranwachsenden von heute in einer sehr vorteilhaften Lage, da sie spielend in die Digitalisierung und die modernen Kommunikationstechnologien hineinwachsen. Dieser Trumpf dürfte das erwähnte Machtgefälle etwas ausgleichen ...</b><BR />Ritz: Ja, das erinnert mich an einen Gesprächskreis mit jungen und älteren Semestern. Ich habe den moderiert, wobei die älteren Semester eindeutig den Raum dominiert haben. Irgendwann aber ging es um die neuen Technologien und Einstellungen am Handy, das hat die jungen Leute interessiert und so ist ein echter Dialog entstanden. Auch das ist eben wichtig: Die verbindenden Themen anzusprechen, die richtigen Fragen zu stellen. Und wenn Erwachsene beispielsweise Aussagen wie „Du bist unfair“ zu hören bekommen, dann ist auch das ein Brückenangebot. Auch auf Vorwürfe gilt es einzugehen, anstatt diese als Nörgeln oder Beleidigung abzutun.