Welche Risiken diese Situation für das Wohl des Kindes bergen kann und welche Gegenmaßnahmen es gibt – darüber sprach STOL angesichts der morgigen Tagung „Elterliche Ablehnung“ in Bozen (Festsaal der Gemeinde, Beginn 14.15 Uhr) mit dem forensischen Psychologen Michele Piccolin.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1240110_image" /></div> <BR /><b>Was kann dazu führen, dass ein Kind einen Elternteil ablehnt?</b><BR />Michele Piccolin: Elterliche Ablehnung bedeutet, dass ein Kind stark feindselig gegenüber einem Elternteil reagiert. Dies kann auf direkter negativer Erfahrung mit diesem Elternteil fußen – wie Vernachlässigung oder Misshandlung –, aber auch das Ergebnis des mehr oder weniger bewussten Einflusses des anderen Elternteils sein. Solche Dynamiken treten häufig in konfliktreichen Familiensituationen wie z. B. bei Trennungen auf, wenn das Kind zum Ventil für emotionale Konflikte der Erwachsenen wird.<BR /><BR /><b>Und was ist die „Eltern-Kind-Entfremdung“?</b><BR />Piccolin: Der Begriff „Eltern-Kind-Entfremdung“ oder „Elterliches Entfremdungssyndrom“ (PAS) wurde in den 1980er-Jahren vom Psychiater Richard Gardner geprägt. Er beschreibt ein Szenario, in dem ein Elternteil sein Kind so manipuliert, dass es den anderen Elternteil ohne wirklichen Grund ablehnt. Heute spricht man eher von Entfremdungsverhalten oder dysfunktionalen Ablehnungs- bzw. Bündnisdynamiken. <BR /><BR /><b>Welche Risiken bestehen für Minderjährige?</b><BR />Piccolin: Die Forschung hat gezeigt, dass es bei Kindern, die über längere Zeit intensiven elterlichen Konflikten und Polarisierungsdynamiken ausgesetzt sind, zu Veränderungen in den neurobiologischen Stresskreisläufen kommen kann – mit Auswirkungen auf das Gehirn im Bereich der Amygdala und im präfrontalen Kortex. Das Kind oder der Jugendliche kann emotionale Verwirrung, Schuldgefühle, Ängste, geringes Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten beim Aufbau gesunder Beziehungen – auch bis ins Erwachsenenalter – entwickeln.<BR /><BR /><b>Woran erkennt man eine solche Situation?</b><BR />Piccolin: Einige Hinweise sind: die Ablehnung des Elternteils ohne angemessene Gründe, die Wiederholung von Argumenten, die vom anderen Elternteil „übernommen“ wurden, die Leugnung positiver Erinnerungen an den abgelehnten Elternteil, eine symbiotische Allianz mit dem „bevorzugten“ Elternteil. Es ist aber mit Bedacht vorzugehen: Die Ablehnung kann auch gerechtfertigt sein, z. B. bei wirklich schädlichem Verhalten. Jeder Fall erfordert eine gründliche psychologisch-forensische Beurteilung.<BR /><BR /><b>Was kann man tun, damit es gar nicht so weit kommt?</b><BR />Piccolin: Wichtig ist frühzeitiges Eingreifen bereits in der ersten Phase der Trennung, mit Familienmediation und Unterstützung der Eltern. Das Kind muss durch gezieltes Zuhören und genaue fachliche Bewertung geschützt werden. Sowohl Eltern als auch Kind brauchen psychologische Unterstützung, um eine ausgewogenere Kommunikation wiederherzustellen. Wichtig sind auch kohärente Gerichtsentscheidungen, die die Kontinuität der Beziehung zu beiden Elternteilen fördern, sofern keine Risiken für das Kind bestehen. <BR /><BR /><b>Welche Botschaft möchten Sie Eltern in Trennung mitgeben?</b><BR />Piccolin: Eine Trennung sollte nie auf dem Rücken des Kindes ausgetragen werden. Kinder müssen das Gefühl haben, beide Elternteile lieben zu dürfen. Diese emotionale Freiheit zu schützen bedeutet auch, ihr sich entwickelndes Gehirn zu schützen.<h3> Die Tagung</h3>Die Tagung „Elterliche Ablehnung“ findet am morgigen 20. Oktober im Festsaal der Gemeinde, Gumergasse 7 in Bozen statt (ab 14.15 Uhr). <BR /><BR />Neben dem Psychologen Michele Piccolin nehmen teil: Richter Francesco Rinaldi, Kinder- und Jugendpsychiater Giovanni Camerini, die klinische Psychologin Francesca Siboni, Rechtsanwältin Cristina Lazzerini, Familienmediatorin Barbara Masia sowie die Psychopädagogin und Sozialassistentin Tatiana Amato. Organisiert wird die Tagung vom Verein Elisabetta Paolucci und der Südtiroler Psychologenkammer.