<BR /><b>Was macht ein Psychoonkologe?</b><BR />Dr. Huber: Die Patienten in allen schwierigen Situationen unterstützen, etwa anfangs im Diagnoseschock. Damit sie diesen überwinden und wieder handlungsfähig werden, wenden wir verschiedene Notfalltechniken an. Wichtig ist, dass die Betroffenen gut informiert sind und wissen, wie die nächsten Handlungsschritte aussehen. Es geht darum, dass sie lernen, Stress zu managen, Angst zu kontrollieren und Ressourcen zu aktivieren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73324899_quote" /><BR /><BR /><b> Wie geht man mit einer Krebsdiagnose um?</b><BR />Dr. Huber: Die Betroffenen versuchen, die Informationen zu begreifen und mit den Fakten umzugehen. Die Therapie gibt die nächsten planbaren Schritte vor. Die Patienten brauchen Orientierung und Handhabbarkeit. Es ist wichtig, in kleinen Schritten zu denken und nicht zu weit vorauszudenken. Die Frage „Wie lange lebe ich noch?“ ist da oft eher blockierend. Gegen Ohnmacht hilft Handlungskontrolle, etwa durch Fragen wie „Was ist heute machbar und was morgen?“. Angst, Ohnmacht, Panik sind normale Reaktionen auf so ein nicht-normales Ereignis. Wenn Patienten in Panik geraten, sollen sie lernen, ihre Emotionen auszudrücken und zu regulieren und immer wieder Kraft zu finden, um die Therapie durchzuhalten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270125_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was hilft ihnen, um Kraft zu finden?</b><BR />Dr. Huber: Sich auf Lebensqualität konzentrieren, statt auf Krankheit und Symptome. Auf innere und soziale Ressourcen setzen. Innere Ressourcen heißt, z. B. zu lernen, zuversichtlich zu sein. Professionelle Informationen geben Sicherheit. Äußere Ressourcen können Menschen sein, die einem guttun. Menschen, die zuhören oder den Patienten zur Visite begleiten. Auch innere Glaubenssätze können Hoffnung und Zuversicht geben. Das Ziel besteht nicht darin, Ängste zu besiegen, sondern sie handhabbar zu machen. Eine Möglichkeit für Patienten im Krankenhaus Bruneck ist der Austausch in den drei Patientengruppen, z. B. in einer schreibtherapeutischen Werkstatt. Das bestärkt, denn es geht darum, wie man trotz Krankheit aktiv sein kann.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73327225_quote" /><BR /><BR /><b>Aber auch die Angehörigen werden unterstützt?</b><BR />Dr. Huber: Unbedingt, denn man muss stets das gesamte Familiensystem berücksichtigen. Bei einer Erkrankung leidet die ganze Familie mit. Die Angehörigen fühlen sich oft ohnmächtig und hilflos. Partner und Kinder werden deshalb oft zu den Sitzungen eingeladen, in denen wir über die Bedürfnisse eines jeden Einzelnen sprechen.<BR /><BR /><b> Was, wenn das Behandlungsziel nicht mehr „Heilung“ heißt, sondern „Erhalt der Lebensqualität“?</b><BR />Dr. Huber: Wenn es keine kurativen Therapiemöglichkeiten mehr gibt, wird eine palliative Behandlung angeboten. Wir versuchen auch da, Menschen gut psychologisch zu begleiten. Auch der palliative Weg ist ein kostbarer, lohnender Teil des Lebens. Es geht nicht darum, dass man nichts mehr machen kann, sondern darum, dem Patienten ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen und die Symptome unter Kontrolle zu halten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73327228_quote" /><BR /><BR /><b> Wie oft kommen die Patienten zur Beratung?</b><BR />Dr. Huber: Etwa 60 Prozent der onkologischen Patienten haben einen Bedarf an Begleitung und nehmen sie auch in Anspruch. Die Häufigkeit ist sehr unterschiedlich. Wenn ein Patient z. B. eine Phobie, wie antizipatorische Übelkeit vor der Behandlung, entwickelt, werden mehr Sitzungen durchgeführt. Aber auch bei Abschluss der Therapie wenden sich Patienten an uns, weil die Erkrankung sie stark verändert hat und sie darüber sprechen möchten. Ständiges Thema ist die immer wieder aufflammende Rückfallangst.<BR /><BR /><b>Was müsste sich Ihrer Meinung nach noch verbessern?</b><BR />Dr. Huber: Wenn ich einen Wunsch hätte, dann wären es mehr Ressourcen. Wir sind Psychologen mit einer speziellen Ausbildung im Bereich Psychoonkologie und betreuen auch Patienten anderer Bereiche im Krankenhaus, z. B. Herz-, Rheuma- oder Schmerzpatienten. Die Zahl der Patienten, die psychologische Unterstützung brauchen, hat zugenommen. Der Stellenplan ist jedoch stets derselbe geblieben. Wir haben deshalb derzeit nur knappe Ressourcen.<BR /><BR /><b>Am Ende eine persönliche Frage: Was schenkt Ihnen Kraft?</b><BR />Dr. Huber: Ich überprüfe mein berufliches Handeln mit einem Supervisor. Auch der Austausch mit Kollegen tut mir gut. Wie meine Patienten muss auch ich immer wieder schauen, wo ich Lebensfreude und Zuversicht tanke. Meine Kraftquellen sind meine Familie, meine Hobbys, die Natur und Bewegung, mein Glaube. Nicht zuletzt gibt es mir Kraft, zu sehen, dass meine Arbeit Sinn ergibt.<BR /><h3> Hintergrund: Hilfe finden Betroffene landesweit</h3>In jedem Südtiroler Krankenhaus gibt es Psychoonkologen, die Betroffenen zur Seite stehen. „Unsere Hauptaufgabe ist die Betreuung von onkologischen Patienten und deren Angehörigen – von der Verdachtsabklärung und Diagnosemitteilung bis zum Therapieende“, sagt Dr. Anton Huber, Psychologe am Krankenhaus Bruneck. Für viele ist danach auch der Weg zurück in den Alltag schwierig – oder ein Rückfall. „Manche Patienten betreuen wir jahrelang“, weiß Dr. Huber.