Montag, 23. November 2020

„Wenn man jetzt nicht aufsperrt, werden die Leute protestieren“

Über 3000 Infizierte sind dank des landesweiten Screenings in Isolation. Reicht das, um zu einem annähernd normalen Leben zurückzukehren, um Geschäfte und Gastronomiebetriebe wieder zu öffnen? STOL hat Biostatistiker Markus Falk gefragt.

Biostatistiker Markus Falk sagt: „Wenn die Gäste wollen, dass ihre Bar oder ihr Gasthaus offen ist, dann müssen sie sich an die Hygieneregeln halten.“
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Biostatistiker Markus Falk sagt: „Wenn die Gäste wollen, dass ihre Bar oder ihr Gasthaus offen ist, dann müssen sie sich an die Hygieneregeln halten.“ - Foto: © APA / GEORG HOCHMUTH
STOL: Beim landesweiten Corona-Screening hat man sehr viel weniger Infizierte gefunden, als ursprünglich befürchtet. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht?
Markus Falk: Es entspricht genau dem, was man sich erwarten konnte. Deshalb ist es eine gute Nachricht. Wir sind immer von 10.000 Infizierten ausgegangen, die man in der Massentestung entdeckten musste: davon etwa 6000 symptomatische, 4000 asymptomatische. Uns war es wichtig, die Asymptomatischen zu finden. Die Symptomatischen sind nämlich entweder bereits bekannt oder werden noch bekannt werden: wenn sie Symptome entwickeln und sich dann an den Hausarzt wenden. Beim Test hat man 3200 Asymptomatische gefunden. Man ist also ganz nah dran an dem, was wir uns erwartet hatten.



STOL: Ist es dann noch gerechtfertigt, den Lockdown beizubehalten? Oder ist es nur noch eine Frage von Tagen, bis es Lockerungen geben kann?
Falk: Die 3000 Infizierten, die man gefunden hat, hätten das Infektionsgeschehen weiter befeuert. Jetzt sind sie identifiziert. Das führt dazu, dass es zu einem rapiden Abfall der Infektionszahlen kommen wird. Das war ja auch der Sinn der Aktion. Das Problem ist: Es reichen wenige Infizierte, um insgesamt eine Welle auszulösen. Die aktuelle Welle geht auf 125 Fälle vom September zurück. Es hat also nur anderthalb Monate gebraucht, bis aus diesen wenigen Fällen ein Riesenproblem geworden ist. Damals gab es aber sehr viel mehr Kontakte als heute.

STOL: Wann sollte man also aufsperren?
Falk: Diese Woche sollte man noch abwarten. Aber spätestens in der nächsten Woche kann man aufmachen. Das gilt sowohl für die Geschäfte als auch für die Gastronomiebetriebe. Man wird aber besonders vorsichtig sein müssen.

STOL: Die Vorsichtsmaßnahmen hätten eigentlich im Sommer bereits eingehalten werden müssen. Trotzdem hat es im September einen neuen Anstieg der Infektionszahlen gegeben. Werden die Maßnahmen diesmal besser greifen, weil die Menschen den Ernst der Lage erkannt haben?
Falk: Wenn man jetzt nicht aufsperrt, werden die Leute protestieren. Man sollte proaktiv an das Thema herangehen und den Menschen eindringlich nahelegen, dass sie darauf achten müssen, die Hygieneregeln zu beachten. Man muss für die Gastronomie eine Lanze brechen. Es gibt unglaublich viele Betriebe, die sich bereits im Sommer sehr bemüht haben, vorsichtig zu sein. Das wurde von der Kundschaft aber nicht immer gedankt. Man muss den Gästen klarmachen: Wenn sie wollen, dass das Lokal auch noch in 2 Wochen geöffnet ist, müssen sie sich an die Hygieneregeln halten.

kn