Überquellende Wohnungen, versperrte Türen, Gerüche, die man lieber verdrängt – das sogenannte Messie-Syndrom ist sichtbar, aber selten verstanden. Hinter der Anhäufung von scheinbar Wertlosem verbergen sich komplexe psychische Mechanismen, die für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen sind. Wir haben den Arzt, Psychiater und Primar Dr. Roger Pycha zu diesem Phänomen befragt, das bislang nur wenig im Fokus stand.<BR /><BR /><b><BR />Herr Dr. Pycha, der Begriff Messie-Syndrom ist vielen geläufig. Was versteht man fachlich darunter?</b><BR />Dr. Roger Pycha: Unter dem Messie-Syndrom oder der „Hortungsstörung“ versteht man das zwanghafte Ansammeln von Gegenständen, die eigentlich weggeworfen gehören, in einer Weise, die den Lebensvollzug der Betroffenen stark beeinträchtigt. Meistens geschieht das im Verborgenen, in Wohnungen oder kleinen Behausungen, in denen Papiere, Folien, Karten und andere Dinge gesammelt werden. Betroffene sind kaum mehr in der Lage, etwas wegzuwerfen. Die Gegenstände vermüllen, altern, beginnen zu riechen - es entstehen unhygienische Zustände und mit der Zeit auch massiver Platzmangel. All das wird von den Betroffenen selbst meist nicht wahrgenommen – aus unterschiedlichen psychischen Gründen können oder wollen sie sich nicht von den Dingen trennen.<BR /><BR /><BR /><b>Ab wann spricht man nicht mehr von Unordnung oder Sammelleidenschaft, sondern von einer psychischen Störung?</b><BR />Dr. Pycha: Das Messie-Syndrom ist bislang keine eigenständige, offiziell definierte Krankheit. Das soll sich jedoch mit der Erneuerung des ICD-11 (International Classification of Diseases) Katalogs ändern. <BR /><BR /><i><b>Anmerkung d. Redaktion:</b> Der ICD-11 ist die 11. Ausgabe der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Er dient weltweit als verbindliche Grundlage für die Diagnose und Einordnung von körperlichen und psychischen Erkrankungen. Der neue Klassifikationskatalog bringt zahlreiche Überarbeitungen und präzisere Definitionen, insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit. Seine Einführung war ursprünglich früher geplant, wurde jedoch verschoben und soll nun ab 2027 verbindlich angewendet werden. Mit dem ICD-11 werden auch bisher wenig beachtete Störungsbilder, wie die Hortungsstörung, erstmals als eigenständige Erkrankungen anerkannt.</i><BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73701394_quote" /><BR /><BR /> Von einer Erkrankung spricht man spätestens dann, wenn der Lebensvollzug der Betroffenen nachhaltig beeinträchtigt ist und das auch für andere sichtbar wird – etwa wenn Familienmitglieder belastet sind oder Besucher nicht mehr in die Wohnung können.<BR /><BR />Von einer Sammelleidenschaft unterscheidet sich das klar: Sammler bewahren in der Regel wertvolle Gegenstände auf, die wenig Platz beanspruchen. Beim Messie-Syndrom hingegen verkommen die Dinge, ihr Zustand wird nicht mehr wahrgenommen, sie werden trotz Gestank oder Verfall nicht entsorgt.<BR /><BR /><BR /><b>Was weiß man heute über die Ursachen des Messie-Syndroms?</b><BR />Dr. Pycha: Nach dem neuen Diagnosekonzept wird das Messie-Syndrom den Zwangsstörungen zugeordnet. Wir gehen davon aus, dass die Wirklichkeitswahrnehmung der Betroffenen eingeschränkt ist und sie ein eigenes inneres Wertesystem entwickeln. Das Behalten und Bewachen der Gegenstände bekommt darin eine große Bedeutung. Das Verhalten bewegt sich zwischen Zwang und Wahn: wahnhaft, weil für andere völlig wertlose Gegenstände einen enormen subjektiven Wert erhalten, und zwanghaft, weil sich Betroffene nicht mehr von diesem Sammelverhalten lösen können.<BR /><BR />Zudem gibt es neue, noch nicht belegte Hypothesen, etwa im Zusammenhang mit Trauer. In seltenen Fällen ziehen sich Menschen nach einem Verlust stark zurück und beginnen, Gegenstände der verstorbenen Person zu sammeln und umzuschichten, bis diese ihr Leben regelrecht verstopfen. Auch das kann eine pathologische Trauerreaktion sein, die in ein Messie-Verhalten münden kann.<BR /><BR /><BR /><b>Wie kann eine Behandlung aussehen?</b><BR />Dr. Pycha: Da es sich um eine neue Krankheitsdefinition handelt, gibt es noch keine klar etablierten Behandlungskonzepte. Die Therapie muss jedenfalls zweigleisig erfolgen: Einerseits muss das vermüllte Umfeld gereinigt werden, Wohnungen müssen ausgeräumt und wieder bewohnbar gemacht werden. Andererseits müssen die Betroffenen psychologisch – und gegebenenfalls auch psychiatrisch, etwa mit medikamentöser Unterstützung – dabei begleitet werden, eine geordnete Umgebung auszuhalten.<BR /><BR /><BR /><b>Wohin können sich Angehörige von Betroffenen in Südtirol wenden?</b><BR />Dr. Pycha: Ansprechpartner sind die Zentren für psychische Gesundheit oder die psychologischen Dienste. Wichtig ist, den Hintergrund des Verhaltens zu erkennen. In manchen Fällen handelt es sich etwa um eine langandauernde Anpassungsstörung – das wäre ein vergleichsweiser günstiger Fall, da er mit Psychotherapie gut behandelbar ist.<h3> Künstlerische Reise in das Messie-Syndrom</h3>Am morgigen Freitag um 10.00 Uhr wird in der <b>Kleinen Gallerie in Bozen</b> in der Passage am alten Rathaus Nr. 8 eine Ausstellung mit dem Titel <b>„Messie-Syndrom. Die Kunst des Verstehens: zwischen Objekten, Emotionen und innerer Freiheit“</b> eröffnet. <BR /><BR />Es ist eine immersive Erfahrung geplant, die symbolisch die Dynamik der pathologischen Anhäufung nachbildet und es den Besuchern und Besucherinnen ermöglicht, sich respektvoll und ohne Vorurteile den emotionalen Erfahrungen anzunähern, die mit diesem Zustand einhergehen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1281801_image" /></div> <BR /><BR /> An der Gestaltung der Erfahrung war eine Kunsttherapeutin beteiligt, um durch die Sprache der Kunst einen emotionalen und reflektierenden Kontakt zu fördern. <BR /><BR />Die Veranstaltung ist Teil des Projekts „Vite Sommerse“, das von BSB und dem Verein „La Strada - Der Weg“ mit Unterstützung der Autonomen Provinz Bozen realisiert wurde und mit dem Ziel ins Leben gerufen wurde, ein größeres Bewusstsein für das Messie-Syndrom zu schaffen.<BR /><BR /><i>Die Ausstellung ist bis zum 3. März von 10.00 bis 12.00 Uhr zu sehen.</i>