Schwitzen ist eine lebenswichtige Funktion des Organismus, um die Körpertemperatur bei hoher Umgebungstemperatur oder bei Anstrengung durch Abdunstung des Schweißes zu senken, erklärt Dr. Ivo Tarfusser, der seit 30 Jahren das internationale Zentrum für Hyperhidrose in der St.-Anna-Klinik in Meran leitet. Auch Stress und Angst können mitunter zu einer erhöhten Schweißproduktion führen. Wer allerdings ohne erkennbaren Grund oder Ursache weitaus mehr schwitzt, als es der Organismus erfordert, der leidet unter einem übermäßigen, krankhaften Schwitzen, einer Hyperhidrose. Etwa ein Prozent der Menschen sind davon betroffen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-65013043_quote" /><BR /><BR />Die Hyperhidrose kann den gesamten Körper betreffen (generelle Hyperhidrose). „Die Ursache dafür kann unter anderem eine zugrundeliegende Krankheit sein, zum Beispiel eine Störung der Schilddrüsenfunktion, und sollte daher diesbezüglich abgeklärt werden“, erklärt Dr. Ivo Tarfusser. Der gebürtige Meraner ist Spezialist für Allgemein- und urologische Chirurgie. In Stockholm und Göteborg wurde er bereits in den 1980er-Jahren mit dem Problem der Hyperhidrose konfrontiert und spezialisierte sich auf deren innovative minimalinvasive Behandlungsmethoden. Seit damals gilt er als einer der anerkanntesten Spezialisten für die Behandlung von Hyperhidrose.<h3> Sehr häufig genetische Veranlagung</h3>In sehr vielen Fällen findet sich jedoch keine offensichtliche Ursache, es besteht lediglich eine genetische Veranlagung für übermäßiges Schwitzen aufgrund einer Hyperaktivität des vegetativen Nervensystems, das für die Schweißbildung verantwortlich ist. Dies gilt insbesondere für jene Formen der Hyperhidrose, die einzelne Körperregionen betreffen. Am häufigsten ist dies der Fall bei den Achselhöhlen („axilläre Hyperhidrose“), bei den Händen („palmare Hyperhidrose“), bei den Füßen („plantare Hyperhidrose“) oder im Gesicht („kraniofaziale Hyperhidrose“).<BR /><BR />Gefährlich wird übermäßiges Schwitzen nur, wenn der Flüssigkeitsverlust nicht durch Trinken ausgeglichen wird. Dann droht eine Dehydration. Je nach Ausprägung des Krankheitsbildes kann sich eine Hyperhidrose aber auf den Alltag des Betroffenen sehr negativ auswirken. „Übermäßiger Handschweiß erschwert beispielsweise jegliche manuelle Tätigkeit im Berufs- oder Privatleben“, sagt der Facharzt. Im Extremfall können Betroffene ihre Arbeit nicht mehr ausüben und vermeiden soziale Kontakte weitgehend. Die Lebensqualität kann deshalb entscheidend beeinträchtigt werden. Bei ständig tropfnassen Füßen kommen zusätzlich eine überempfindliche Haut und vermehrte Pilzinfektion hinzu. <h3> Mehrere Behandlungsmöglichkeiten</h3>Bei leichteren Fällen von Hyperhidrose können dermatologische Anwendungen – Deos und Antitranspirantien – helfen. Eine isolierte axilläre Hyperhidrose (übermäßiger Schweiß in den Achselhöhlen) wird heute vor allem mit dem Spritzen von Botulinumtoxin (Botox) oder durch Mikrowellen, mit denen die Schweißzellen verödet werden, behandelt. <h3> Iontophorese</h3>Vor allem bei Schweißhänden und -füßen ist die Leitungswasser-Iontophorese eine Behandlungsmethode. Dabei wird Gleichstrom durch die betroffenen Hautstellen geleitet. „Aber keine Angst“, beruhigt Dr. Ivo Tarfusser. „Die Therapie ist schmerzfrei, man taucht seine Hände oder Füße mehrmals wöchentlich für rund eine Viertelstunde in ein Wasserbad, durch das Strom geleitet wird.“ Das Kuriose dabei: „Wir wissen nicht genau, warum die Behandlung wirkt, der Strom beeinträchtigt aber wohl die Impulsübertragung in die Schweißdrüsen. Man könnte sagen, der Befehl zum Schwitzen kommt einfach nicht mehr an“, erklärt der Experte. <h3> Sympathektomie</h3>Während eine Leitungswasser-Iontophorese lebenslang regelmäßig durchgeführt werden muss, ist eine Sympathektomie eine Ein-für-allemal-Lösung: Dabei wird der sogenannte sympathische Grenzstrang, eine Kette von Nervenknoten (Ganglien) des sympathischen Nervensystems, die an der Wirbelsäule entlang vom Hals bis in den Bauchraum zieht, chirurgisch unterbrochen. „Die Unterbrechung – durch Durchtrennung oder Kompression – erfolgt in Höhe der Ganglien, die die Schweißdrüsen in den von Hyperhidrose betroffenen Körperstellen anregen“, erklärt Dr. Ivo Tarfusser. Zur Behandlung von übermäßigem Schwitzen der Hände, Achselhöhlen oder im Gesicht wird der Grenzstrang an einer bestimmten Stelle im oberen Brustraum unterbrochen – man spricht von der transthorakalen Sympathektomie, kurz ETS. Für Schweißfüße wird die Unterbrechung in Höhe der Lendenwirbelsäule vorgenommen - lumbale Sympathektomie, kurz ELS. <BR /><BR />Sowohl die ETS als auch die ELS werden heute mit Hilfe eines Endoskops, also minimalinvasiv durchgeführt. „Es genügen 2 oder 3 Schnitte mit einer Länge von einem halben Zentimeter, um eine kleine Kamera und die nötigen chirurgischen Instrumente einführen zu können“, sagt Dr. Tarfusser. „Der Eingriff dauert pro Körperseite rund eine halbe Stunde und wird in Vollnarkose durchgeführt.“ Aus der Klinik entlassen werden können die Patienten meist am Tag nach der Operation, die postoperativen Schmerzen sind relativ gering.<BR /><BR />In über 98 Prozent der Fälle können Schweißhände und Schweißfüße erfolgreich chirurgisch behandelt werden. Und in den allermeisten Fällen stellt die Operation eine endgültige Lösung dar. Bei der ETS wird neben der Schweißhände auch eine oft gleichzeitig vorhandene axilläre Hyperhidrose mitbehandelt. „Das Operationsrisiko ist dabei sehr niedrig, wenn auch mit einem leicht bis mäßiggradigem, sogenannten kompensatorischen Schwitzen am Rumpf als Folgeerscheinung gerechnet werden muss“, sagt der Facharzt. Häufiger und meist intensiver trete diese Nebenwirkung nach Behandlung von Kopfschweiß auf, weshalb diese Form der Hyperhidrose nur in schweren Fällen chirurgisch behandelt werde.