Donnerstag, 05. Oktober 2017

Wenn Wölfe Menschen angreifen und auch töten

"Es ist völlig falsch, dass es in den letzten 150 Jahren in Italien keinen Wolfsangriff auf Menschen gegeben hat", unterstreicht Benedikt Terzer vom Südtiroler Jagdverband. Der Jurist berichtigt damit eine Aussage aus dem Wolf-Dossier der Eurac und führt weitere Beispiele an, bei denen es zu Wolfsangriffen auch mit Todesfolge gekommen ist. Terzer spricht sich gegen Panikmache, aber ebenso gegen eine Verharmlosung des Wildtieres aus.

Der Jurist Benedikt Terzer ist Direktionsassistent im Südtiroler Jagdverband.
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Der Jurist Benedikt Terzer ist Direktionsassistent im Südtiroler Jagdverband.

"Die Botschaft, dass es in Italien seit mehr als 150 Jahren keinen Wolfsangriff auf Menschen gegeben habe, kursiert inzwischen leider auf allen möglichen Kanälen", so Terzer. Es sei richtig und positiv, dass sich eine Forschungseinrichtung wie die EURAC mit Thema Wolf auseinandersetzt (STOL hat berichtet), in diesem Sinne sei das Dossier der EURAC auf jeden Fall zu begrüßen.

Dass Wölfe niemals Menschen attackieren, ist eine Wunschvorstellung

Aber: Allein im Jahr 2017 hat es in Italien (Piemont) zwei wissenschaftlich nachgewiesene Wolfsangriffe auf Menschen gegeben. Über einen dieser Angriffe hat die Online-Ausgabe der Zeitung „La Repubblica“ berichtet.

"Wer die renommiertesten Experten auf dem Gebiet, beispielsweise Univ. Prof. Dr. Marco Apollonio oder Univ. Prof. Dr. Dr. Sven Herzog zur Gefährlichkeit des Wolfes befragt, wird erstaunt über die Auskunft der Wissenschaftler sein", so Terzer. Er berichtet weiter: Um es mit einem Zitat aus der August-Ausgabe des National Geographic-Magazins zu sagen: Dass Wölfe niemals Menschen attackieren, ist eine Wunschvorstellung.

In Europa: 59 Wolfsangriffe in 50 Jahren

Wer der potentiellen Gefährlichkeit auf den Grund gehen will, kommt um den Linnell-Report, auch NINA-Report genannt, des Norwegischen Instituts für Naturforschung aus dem Jahr 2002 nicht herum. Für diese Studie werteten Wildbiologen des vorgenannten Instituts alle verfügbaren Informationen betreffend Wolfsangriffe auf Menschen aus.

In Europa (ohne Russland und Weißrussland) sind zwischen 1950 und 2000 insgesamt 59 Wolfsangriffe auf Menschen dokumentiert. Ein Teil der Attacken, deren 38, ging von tollwütigen Wölfen aus. Der andere Teil, 21 ist auf gesunde Wölfe zurückzuführen.

Vier getötete Kinder in Spanien, 273 in Indien

Von den 21 Attacken durch gesunde Wölfe endeten vier tödlich. Die letalen Angriffe haben sich in Spanien ereignet und betrafen allesamt Kinder. So wurde beispielsweise im Jahr 1957 in Galizien, in der Nähe des Dorfes Vilar, der fünfjährige Luis Vasquez Perez, der mit einem gleichaltrigen Freund entlang einer Straße spazierte, von einem Wolf angefallen und getötet.
Im Jahr 1974 schleppte ein Wolf in derselben Gegend einen Säugling weg, der von einer Arbeiterin am Rande eines Feldes abgelegt worden war, wenige Tage später wurde in dieser Gegend ein dreijähriges Kind weggeschleppt und getötet.

Wenn man über den Tellerrand blickt, sieht man, dass es in Indien Übergriffe durch Wölfe auf Menschen in bedeutendem Ausmaß gibt. Verschiedenen Quellen zufolge sind in drei indischen Bundesstaaten von 1980 bis 2000 immerhin 273 Kinder getötet worden.

Weitere Wolfsangriffe mit Todesfolge

Freilich sind die Lebensumstände nicht 1:1 auf jene Mitteleuropas zu übertragen, aber es geht um das Grundsätzliche, die potentielle Gefährlichkeit.

Hierzu einige weitere Beispiele:

  • Wolfsangriffe auf Menschen sind auch aus der Türkei bekannt, insbesondere im Südosten des Landes. Allein 2014 wurden in der Türkei vier Wolfsangriffe auf Menschen registriert.
  • Im kanadischen Bundesstaat Saskatechwan endete im November 2005 ein Wolfsangriff auf den 22-jährigen Geologiestudent Joel Carnegie tödlich. Er war in der Nähe eines kanadischen Forschungscamps tot gefunden. Sein Körper war in Stücke gerissen worden. Mehrere Forscher, darunter der renommierte Wildbiologe Mark Mcnyay untersuchten die Körperteile und bestätigten, dass der Angriff auf einen Wolf zurückzuführen ist.
  • Tödlich endete auch ein Wolfsangriff in Alaska im März 2010. Die 32-jährige Lehrerin Candice Berner kam vom Joggen nicht mehr zurück. Anhand einer DNA-Analyse konnte der Übergriff einem Wolf zugeordnet werden.
  • Ende September 2017 wurde die 63-jährige ehemalige Oxford- Professorin Celia Lois Hellingworth in Griechenland mutmaßlich von Wölfen getötet (STOL hat berichtet). Die DNA-Analysen stehen zwar noch aus, jedoch deutet laut dem Gerichtsmediziner Nikolaos Kifnidis, der sich die sterblichen Überrest gemeinsam mit einem Veterinärexperten angeschaut hat, alles auf einen Wolfsangriff hin.

Kurzum: "Die Behauptung im Wolfsdossier, wonach es in Italien in den letzten 150 Jahren keinen Wolfsangriff auf Menschen gegeben hat, ist schlicht und ergreifend falsch", beharrt Terzer von Jagdverband. 

Wolf ist Wildtier und unberechenbar

Er berichtet weiter: Was die Gefährlichkeit des Wolfes im Allgemeinen anbelange, sei es ein Trugschluss zu behaupten, dass der Wolf völlig harmlos sei. Der Wolf ist ein Wildtier und damit wild und unberechenbar. Der Wolf ist in den allermeisten Fällen scheu und zurückhaltend, es gibt aber immer wieder Erfahrungen mit weniger scheuen Individuen, die sich menschlichen Siedlungen nähern.

Wer ein Anhänger von Statistiken ist, wird sich darauf berufen, dass in Verkehrsunfällen oder durch Nutztierangriffe mehr Menschen sterben als durch Wolfsangriffe. Das stimmt sicherlich, aber die verhältnismäßig geringere Wahrscheinlichkeit hebt die Angriffe, die vorfallen, nicht auf.

Keine Panik, aber... 

Niemand muss in Panik verfallen, aber insbesondere diejenigen, die in Gegenden leben, in denen Wölfe vorkommen, haben das Recht darauf, alle Fakten zu erfahren. Sie werden die ersten sein, die mit dem Wolf in Kontakt kommen und es wäre in höchstem Grade verantwortungslos zu suggerieren, dass es nicht einmal eine potentielle Gefahr gibt.
Leider ist es so, dass derjenige, der auf potentielle Gefahren, die von Wildtieren ausgehen können, hinweist, häufig als Panikmacher abgetan und bewusst in ein schiefes Licht gerückt wird.
Wer sich vor Jahren zu sagen traute, dass der Braunbär für den Menschen gefährlich sein kann, und dass man bestimmte Sicherheitsvorkehrungen treffe sollte, wurde von mancher Seite als Angstschürer und Tierfeind abgekanzelt. Nachdem sich letzthin im Trentino mehrere Bärenangriffe auf Menschen ereignet haben, sind diese Stimmen freilich verstummt.

"Mit dem Wolf erleben wir nun wieder dasselbe Szenario: Wer sich traut, auf eine potentielle Gefahr hinzuweisen, wird als Panikmacher bezeichnet", so Terzer. 

Eine werteneutrale Berichterstattung sollte versuchen, dem Thema möglichst unvoreingenommen entgegenzutreten. Ans Herz gelegt sei beispielsweise auch der Artikel „Die Rückkehr der Wolfe“ aus der Feder von Andreas Weber (National Geographic August 2017).

stol

stol