<b>STOL: Wie ist die aktuelle Lage für Reisende, die in der Golfregion festsitzen?</b><BR />Martin Pichler: Die Situation vor Ort und die Bestimmungen ändern sich praktisch täglich. Wir sind aktuell dabei, unsere Kunden auf Alternativrouten zurückzuholen. Das ist schwierig zu organisieren und mit zusätzlichen Kosten verbunden. Meistens erhalten die Reisenden den Preis für den nicht genutzten Flug erstattet, müssen sich dann aber selbst ein neues Ticket kaufen. Für die meisten ist in diesem Moment nur eines wichtig: dass sie überhaupt nach Hause kommen.<BR /><BR /><b>STOL: Wie sehen diese Alternativrouten konkret aus, wenn man etwa in Dubai oder Doha festsitzt?</b><BR />Pichler: Wer an den großen Drehkreuzen direkt festsitzt, hat es oft schwerer als jene, die noch in Thailand, Indien oder Australien sind. Letztere können wir oft über andere Routen umleiten. Wer im Zentrum des Chaos ist, muss improvisieren. Wir organisieren zum Beispiel Transfers nach Muscat (Oman), von wo aus Oman Air Zusatzflüge nach Europa einsetzt. In der letzten Woche ging die Fluchtroute auch noch über Riad in Saudi-Arabien, aber das ist momentan wieder unsicher. <BR /><BR /><b>STOL: Wer in Asien oder Australien festsitzt, ist weit weg vom Schuss – und dennoch blockiert. Wie bringen Sie diese Urlauber derzeit nach Hause?</b><BR />Pichler: Das Problem ist, dass die drei großen Airlines – Etihad, Emirates und Qatar Airways – mit ihren Drehkreuzen in der Golfregion die wichtigste Brücke Richtung Osten bilden. Wenn dort der Luftraum instabil ist, bricht ein gewaltiges System zusammen, was ein massives Durcheinander zur Folge hat. Paradoxerweise haben es jene Urlauber, die noch in Asien oder Australien festsitzen, oft etwas leichter. Für sie suchen wir Routen, die den Nahen Osten komplett umgehen. Es gibt die Möglichkeit über Hongkong mit Cathay Pacific oder Korean Air zurückzukommen. Das ist zwar ein großer Umweg, aber eine sichere Alternative, da diese Flüge nicht auf die gesperrten Lufträume angewiesen sind. Das Problem ist hier die Kapazität: Diese Alternativrouten sind momentan stark ausgebucht.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1286157_image" /></div> <BR /><b><BR />STOL: Haben Sie aktuell noch Kunden in der Krisenzone?</b><BR />Pichler: Wir haben derzeit noch zwei Kunden in Katar, die in einem 5-Sterne-Hotel untergebracht sind. Eigentlich wollten sie nach Saudi-Arabien weiterreisen, haben sich aber nun entschieden in Katar zu bleiben und die Lage bis Ende der Woche zu beobachten. Alle anderen, die über diese Drehkreuze zurück mussten, haben wir bereits nach Hause gebracht.<BR /><BR /><b>STOL: Wie ist die Lage mit Blick auf die näher rückenden Osterferien?</b><BR />Pichler: Was in den kommenden Tagen und Wochen passiert, kann niemand vorhersagen. Wer für Ostern gebucht hat, kann derzeit noch nicht kostenlos stornieren. Die Airlines haben dafür noch keine Erlaubnis erteilt; sie hoffen immer noch, dass sich der Konflikt schnell löst. Das ist eine Entscheidung der Fluggesellschaften, das liegt nicht in unserer Hand. Hier wäre auch die Politik gefordert, indem sie Flüge in das Krisengebiet untersagt, damit Reisende auf Rückvergütungen pochen können.<BR /><BR /><b>STOL: Wie sehr hat der Krieg in Nahost die Reiselaune der Südtiroler getrübt?</b><BR />Pichler: Grundsätzlich reagiert jeder Kunde anders, aber die Verunsicherung ist deutlich spürbar. Es gibt Leute, die jetzt Angst haben, im Juli mit Emirates über Dubai zu fliegen. Andere wiederum sagen: „Warten wir ab, wenn wir fliegen können, dann fliegen wir auch“. Einige Reisen in den Oman, die in diesen Tagen hätten starten sollen, mussten wir aber bereits stornieren. Manche übertragen ihre Sorgen aufgrund des Konfliktes im Nahen Osten inzwischen auch auf Reisen nach Amerika oder Kanada. Unsere Arbeit fühlt sich deshalb momentan oft an wie die eines „Reiseseelsorgers“. Die Leute brauchen Gespräche, sie wollen hinterfragen und sich rückversichern. <BR /><BR /><b>STOL: Gab es Berichte über Südtiroler, die in der Golfregion einer akuten Gefahr ausgesetzt waren?</b><BR />Pichler: Es gab keine Situationen, in denen jemand um sein Leben fürchten musste. Das bestätigen mir auch Kollegen aus anderen Reisebüros. Es ist ein massives Chaos, ein Durcheinander und eine große Ungewissheit, bei der bislang aber zum Glück keine Südtiroler zu Schaden gekommen sind.<BR /><BR /><b>STOL: Kriegsbedingte Flugausfälle und gestrandete Urlauber: Zahlt in solchen Fällen die Reiseversicherung?</b><BR />Pichler: Nein, die klassische Versicherung zahlt bei Krieg oder politischen Unruhen normalerweise nicht, sondern nur bei Krankheit. Wenn eine Airline den Flug streicht, muss sie den Preis erstatten. Wenn man aus Angst eine Reise absagt, die Airline aber fliegt, ist man auf deren Kulanz angewiesen. In der aktuellen Situation muss man unterstreichen: Wer im Reisebüro gebucht hat, ist in der Betreuung deutlich besser aufgehoben als jemand, der auf eigene Faust online gebucht hat und im Krisenfall niemanden im Callcenter erreicht.<BR /><BR /><b>STOL: Gilt diese Kulanz auch für die Unterbringung?</b><BR />Pichler: Die Airlines sind nach den gestrichenen Flügen nicht verpflichtet eine Unterkunft zu organisieren. Dennoch bringen aktuell die meisten Fluggesellschaften ihre Passagiere in Hotels unter und kommen für die Verpflegung auf – weniger aus einer rechtlichen Verpflichtung heraus, sondern um ihr Image zu wahren. Die Airlines müssen nachhaltig denken, denn sie werden durch diese Krise in den kommenden Wochen und Monaten weiterhin vor enorme Probleme gestellt werden.