Wehret den AnfängenNaturns, November 2009: 16 junge Südtiroler aus Naturns und Umgebung werden angezeigt, ein 19-Jähriger verhaftet. Sie alle waren Mitglieder der „Naturnser Hitlerjugend“, verbreiteten rassistisches Gedankengut und bedrohten Andersdenkende. Dieser Vorfall, der in Südtirol für großes Aufsehen sorgte, rief die Politiker auf den Plan: Die Landesregierung richtete einen Runden Tisch ein, um dem Phänomen des Rechtsextremismus in Südtirol den Kampf anzusagen. Ein halbes Jahr später liegen eine erste Studie und ein Maßnahmenkatalog vor: Beide wurden heute von Soziallandesrat Richard Theiner, Amtsdirektor Eugenio Bizzotto und Peter Koler vom „Forum Prävention“ vorgestellt. Extremismus äußert sich vielfältig Die „Erhebung zum Phänomen Extremismus in Südtirol“ - für die Schulen, Verantwortliche der Kinder- und Jugendarbeit, Gemeinden, das Jugendgericht, Sozialdienste und Streetworker befragt wurden - zeigt, wie vielfältig extremistische Neigungen in der Südtiroler Gesellschaft sind: Neben dem politischen Extremismus häufen sich Vorfälle von Mobbing, Ausländerfeindlichkeit und exzessivem Alkoholkonsum. „Südtirol hat Angst vor dem Fremden“ Grund zur Panik gebe es aber nicht, wiegelte Koler ab: „Ein politischer Extremismus unter Südtirols jungen Menschen ist weder besonders ausgeprägt, noch flächendeckend verbreitet.“ Allerdings: Auch in Zukunft sei mit „neuen extremistischen Herden“ zu rechnen, warnte er und gab zu bedenken, dass es schwer sei, diese frühzeitig zu orten. Denn es gebe einen Grau-Bereich, der den Boden hierzulande für extreme politische Ansichten, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Abwertungsmechanismen zwischen den Sprachgruppen nähre, erklärte er.„Viele Südtiroler würden sich niemals als ausländerfeindlich bezeichnen. Ihre Aussagen sprechen dann oft eine andere Sprache“, so Koler. „Politische Mitte fehlt“ Dass hierzulande frei über „schmarotzende Ausländer“, über die „Chinesen, die alles zusammen kaufen“ oder den ausländischen Obsthändler am Eck geschimpft werden könne, sei u. a. Ausdruck einer fehlenden „politischen Mitte“, bemängelte Koler. An der Kultur des Miteinanders, des gegenseitigen Respekts müsse noch gefeilt, an der Zivilcourage und an der Vorbildfunktion der Erwachsenen gearbeitet werden, bekräftigte er. Immer mehr Fälle von Mobbing – ausgeprägte „Rauschkultur“ Bedenklich findet Koler das weit verbreitete Mobbing-Problem an Südtirols Schulen. „Außerdem wurde in vielen Rückmeldungen von einem problematischen Alkoholkonsum, dem so genannten Rauschtrinken unter Jugendlichen am Wochenende, berichtet“, so Koler. Was ist zu tun? Der Maßnahmenkatalog des Runden Tisches „Ziel des Runden Tisches sollte es sein, zusammen mit möglichst vielen Institutionen, das Phänomen Extremismus in Südtirol näher zu beleuchten und es beurteilen, um Maßnahmen zu entwickeln“, betonte Theiner. Diese hat der Runde Tisch nun in einem Fünf-Punkte-Plan formuliert, den sich das Land 225.000 Euro kosten lässt.So soll einerseits ein „Frühwarnsystem“ für die Beobachtung und frühzeitige Erkennung von extremistischen Phänomenen in Südtirol eingerichtet werden. „Außerdem sollen die bestehenden offenen Interventionsformen der Sozial- und Jugenddienste gestärkt und die Netzwerke für Gewalt und Gewaltprävention gefestigt werden“, unterstrich Theiner. Bizzotto verwies auf eine Interventionseinheit, die in Kürze eingesetzt werden soll: „Mitarbeiter, die sozialpädagogisch geschult sind, sollen bei entstehenden Konfliktherden vor Ort schnell und unbürokratisch zum Einsatz kommen.“ „Zivilgesellschaft muss an sich arbeiten“ Als weitere Maßnahmen haben die Mitglieder des Runden Tisches die Entwicklung eines spezifischen Programms für die politische Bildung an Südtirols Schulen angedacht. „Letztendlich ist es aber die Zivilgesellschaft, die an sich und damit an Südtirols Gesellschaft arbeiten muss. Wir werden deshalb eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit zur Förderung der demokratischen Kultur und der Begegnung der Sprachgruppen in die Wege leiten“, erklärte Bizotto. Ob damit das Phänomen des Extremismus in Südtirol gebändigt werden kann, wird sich weisen. Zu hoffen bleibt, dass der alte Kinderreim in der Mottenkiste bleibt. Johanna Gasser