Hier lesen Sie, wie Benno Neumair als Kind und Jugendlicher war und wie seine Familienmitglieder und Bekannte ihn erlebten – vor und nach der schrecklichen Tat. <BR /><BR /><BR />Sehr sportlich und attraktiv, ein Job als Lehrer und ein bis dato behütetes Aufwachsen im Herzen der „feinen“ Bozner Gesellschaft – soweit schien Benno Neumair nach außen hin ein privilegiertes Leben zu führen. Doch diverse Brüche und mysteriöse Widersprüchlichkeiten kennzeichnen seinen Werdegang. <BR /><BR />Der ungeheuerliche Verdacht, dass Benno Neumair seine Eltern ermordet haben könnte, stand wochenlang im Raume. Der Hauptbeschuldigte wirkte dabei die ganze Zeit über ziemlich gefasst, ja fast distanziert, wenige Tage nach dem Verschwinden seiner Eltern gab er der Sendung „Chi l'ha visto“ sogar ein kurzes Interview am Tor des Elternhauses und sprach von einer „schwierigen Zeit“, von der schwindenden Hoffnung, seine Eltern würden lebend gefunden.<BR /><BR />Es sind wohl auch die Fotos mit gestähltem Oberkörper und ernster Miene, die den Eindruck seiner Distanziertheit noch verstärkten. Benno Neumair frönte seit Jahren dem Fitnesskult und versuchte auch, sich als Fitnesscoach etwas dazuzuverdienen. Er wohnte zwar bei seinen Eltern in der Bozner Runkelsteiner Straße, soll aber ein verhältnismäßig unstetes Leben geführt haben – zumeist knapp bei Kasse und mit wechselnden Beziehungen. <BR /><BR />Von Bekannten wird er als feinfühlig und intelligent beschrieben, der allerdings auch eine mysteriöse, eine dunkle Seite habe und sich letzthin – wie Nachbarn gegenüber den Carabinieri bestätigt haben – auch vermehrt mit seinen Eltern gestritten haben soll. Sehr häufig soll es dabei um den Hund gegangen sein, um den Benno sich mehr kümmern sollte und um die oft mangelnde Selbstständigkeit des Sohnes.<BR /><BR /><b>Banaler Streit Auslöser für Bluttat</b><BR /><BR />Dass diese Streitereien tatsächlich stattgefunden hatten, bestätigte sich zunächst auch während des Garantieverhörs am 30. Jänner vor Gericht, wo 2 WhatsApp-Audios von Laura Perselli abgespielt wurden, die sie im Sommer 2020 an eine Freundin geschickt hatte. Darin beklagte sie sich über Sohn Benno. Um ruhig schlafen zu können, hätten sich die Eltern regelmäßig im Zimmer eingeschlossen. Benno habe sogar einmal angerufen und gefragt, ob er bei ihnen im Zimmer schlafen könne.<BR /><BR />Und scheinbar soll ein banaler Streit auch der Auslöser für die Bluttaten gewesen sein – eigentlich 2 Meinungsverschiedenheiten hintereinander.<BR /><BR />Wie Benno Neumair den Ermittlern beim zweiten Verhör am 1. März selbst geschildert haben soll, sollen er und sein Vater am Tat-Tag, am 4. Jänner 2020, schon kurz nach Mittag verbal zusammengekracht sein. Da soll es darum gegangen sein, wer den Hund ausführt.<BR /><BR />Die Stimmung war also schon angespannt, als es Bennos Schilderung zufolge am späten Nachmittag zur zweiten heftigen Auseinandersetzung gekommen sei, diesmal ging es um Geld, ein Thema, das schon des öfteren aufs Tapet gekommen sein soll. Beide redeten sich in Rage.<BR /><BR />In seinem Zimmer bewahrte Benno Neumair ein Kletterseil auf. Er holte es – und benutzte es. Dann stand Benno da, das Seil noch in der Hand.<BR /><BR />Da hörte er das Geräusch des Schlüssels, der sich im Türschloss drehte: Seine Mutter Laura Perselli kam nach Hause. Sie würde Peter Neumair leblos zusammengesunken am Boden im Gang vorfinden. Was sollte Benno sagen, was konnte er tun? Er tat dasselbe wie bei seinem Vater: Noch bevor sie reagieren konnte, legte er seiner Mutter das Seil um den Hals und strangulierte auch sie.<BR /><BR /><b>Die Stimmen der Familienangehörigen</b><BR /><BR />Als von diesen schrecklichen Details noch niemand wusste, bzw. noch bevor Benno ein Geständnis abgelegt hatte, kamen mehrere Familienmitglieder zu Wort. Der Bruder des ermordeten Peter Neumair, Günther Neumair, sagte in einem Interview mit s+ am 20. Jänner über seinen Neffen: „Er hatte Krisen, von denen wir nicht allzu viel wussten. Er hat sich auch extreme Geschichten geleistet. Nicht, dass er ein böser Mensch wäre. Er war phasenweise extrem, schon als Kind hat er wilde Sachen gemacht, bei denen er sich weh getan hat.“ Außerdem betonte Günther Neumair im selben Interview, dass es für ihn nicht überraschend war, dass gegen seinen Neffen Benno ermittelt würde. „Vom ersten Tag an war er für uns derjenige, der die Möglichkeit dazu hatte.“ Auch Bennos Schwester Madé sagte damals: „Am Tag, als mein Bruder unter Ermittlung gestellt wurde, hat mich ein Journalist gefragt, ob ich schockiert sei. Ich habe mit Nein geantwortet. Wir waren eine geeinte Familie, diese Familie gibt es jetzt nicht mehr …“ <BR /><BR />Michaela Neumair, die Schwester des ermordeten Peter Neumair, berichtete am 19. Jänner gegenüber s+, dass sie Benno nach dem Verschwinden der Eltern noch gesprochen habe. Und dass sein Verhalten sie verunsichere. Damals hatte Benno die Taten noch nicht gestanden. Sie sagte: „Ja, ich habe mit ihm geredet. Und ich muss sagen, ich war danach sehr verunsichert. Den Eindruck, dass er die Tat gar nicht präsent hat, werde ich nicht los. Ich kann kaum glauben, dass sich jemand in vollem Bewusstsein solch einer Tat so normal verhält. Man würde sich erwarten, dass er zusammenbricht, dass er gesteht, dass er um Verzeihung bittet – nicht nur seine Eltern und die Familie, auch die Helfer für den unglaublichen Aufwand.“ Und nach dem Geständnis ihres Neffen schilderte sie gegenüber s+ ihre Erlebnisse bei einem Besuch im Gefängnis und den Eindruck, den Benno ihr dabei gemacht hat: „Keine Zerknirschung. Keine Verzweiflung. Benno war höflich, bedankte sich für den Besuch, alles war fast normal“.<BR /><BR />Die Tante sprach den 30-Jährigen damals schon auf die Tat an, seine Antwort machte sie sprachlos: Er könne aufgrund des Ermittlungsgeheimnisses nichts Weiteres sagen.<BR /><BR />Benno beließ es aber nicht dabei, er sagt ihr, dass es in einigen Wochen mehr dazu geben würde, was den Fall „,in eine ganz andere Richtung' bewegen würde“, zitiert Michaela Neumair ihren Neffen. Mit diesem Lichtblick ließ er sie gehen.<BR /><BR /><b>Madés erschütternder Brief</b><BR /><BR />Nachdem Benno Neumairs Geständnis an die Öffentlichkeit gelangt war, meldete sich seine Schwester Madé zu Wort. Und es wird klar: Madé wusste von Anfang an, dass Benno der Mörder der gemeinsamen Eltern sei. „Dass Benno Neumair meine Mama und meinen Papa am Abend des 4. Jänner kaltblütig ermordet hat, war mir seit dem frühen Nachmittag des 5. Jänner gewaltsam und schmerzhaft klar. Das wissen die Ermittler und die Menschen, die mir nahestehen.“<BR /><BR />Sie lässt kein gutes Haar an ihrem Bruder und rechnet mit folgenden Worten mit ihm ab:<BR /><BR />„Ich erlebte diese ersten Tage mit den Fernsehbildern eines Benno, der mit weit ausgebreiteten Armen an der Brüstung der Terrasse meiner Eltern lehnte und arrogant auf die Journalisten und Carabinieri hinabblickte, kurz nachdem er sich bei mir am Telefon darüber beschwert hatte, wie angewidert und genervt er von all deren seltsamen Fragen gewesen sei. In den verschiedenen Interviews hörte ich seine eisige Stimme, die spontane Theorien und unverhohlene Lügen fabrizierte.“<BR /><BR />Und weiter: „Ich glaube nicht an die Reue von Benno und es braucht sehr wenig, um zu verstehen, dass sein Geständnis (das er unmittelbar nach der Entdeckung des leblosen Körpers eines seiner beiden Opfer machte, der offensichtliche Anzeichen von Gewalt aufwies) zu diesem Zeitpunkt ein notwendiger Schritt angesichts des Indiziengerüsts gegen ihn war. Es war nicht die Wirkung eines Zusammenbruchs aller Verteidigungshaltung, aller Verleugnung und von Reue in den Wochen nach der Tat. Verleugnung und Verdrängung erscheinen mir wenig vereinbar mit der intensiven Art, die der Angeklagte an den Tag gelegt hat, um die Beweise gegen ihn auf kalkulierte und durchsichtige Weise zu verschleiern.“<BR /><BR />Und ja: Wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellte, war Benno nicht nur vor dem Mord voller ideenreicher planerischer Tätigkeit, sondern durch Ablenkungsmanöver bzw. Spurenverwischung auch nach dem Mord gewillt, von sich als Täter abzulenken. Zum Beispiel soll er eine Freundin aufgefordert haben, während eines gemeinsamen Spaziergangs eine Jacke zu tragen, die – wie sich nachher herausstellte – seinem Vater Peter Neumair gehörte. Nach Bekanntwerden dieses Details wurde die Jacke als mögliches Beweismittel beschlagnahmt.<BR /><BR /> Diese Tatsache könnte auch erklären, warum die Hunde, die nach dem Verschwinden von Peter Neumair und Laura Perselli bei der Suche eingesetzt wurden, immer wieder einer Spur folgten, die offensichtlich von der Wohnung in der Bozner Runkelsteinerstraße weg- und wieder dorthin zurückführte.<BR /><BR /><BR /><b>Vorfall in Ulm</b><BR /><BR />Die Sendung „Chi l’ha visto?“ brachte im Februar weitere Details zu Benno Neumairs Vergangenheit ans Licht. So soll es in einer Wohnung Ulm, wo Benno zeitweise lebte, zu einem dramatischen Vorfall gekommen sein. Am 6. Juli 2020 habe Benno Neumair seine Mitbewohnerin dort mit einem Messer bedroht und sich auch selbst unter dem Auge verletzt. Die bedrohte Frau habe um Hilfe gerufen und das Spezialeinsatzkommando (SEK) sei eingetroffen. Benno sei daraufhin von der Polizei weggebracht worden.<BR /><BR />Den Behörden gegenüber soll er behauptet haben, er sei von der Frau angegriffen worden und nicht umgekehrt. Der Vorfall führte dazu, dass Benno Neumair in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde. Dort habe ihn sein Vater Peter abgeholt und zurück nach Südtirol gebracht. Die Eltern hätten anschließend versucht, die prekäre gesundheitliche Situation Bennos in den Griff zu bekommen. Benno selbst habe sich aber geweigert, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.<BR /><BR /><BR />Als Jugendlicher liebte Benno Neumair das Fischen, er hatte auch eine Ausbildung als Bademeister – kannte sich also in Gewässern gut aus. Nach dem Oberschulabschluss wollte er in Innsbruck zunächst Mathematik studieren, sattelte aber bald auf Sport um und machte auch den Bachelor. Letzthin hat er in der Bozner Aufschnaiter-Mittelschule Mathematik und Naturkunde unterrichtet. Nun ist in diesem jungen Leben nichts mehr, wie es einmal war. Er sitzt im Bozner Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Zurzeit wird an einem psychiatrischen Gutachten gearbeitet, das klären soll, ob Neumair zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war.<BR /><BR /><BR />