Nach den 2 Jahren Stopp bei der Firmung kündigt der Diözesanbischof auch Nachdenkpausen bei Taufe, Erstkommunion und anderen Sakramenten an. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Bischof, in Ihrer diesjährigen Weihnachtsbotschaft weisen Sie auch auf die Spaltung unserer Gesellschaft hin. Welchen konkreten Vorschlag haben Sie, um diese Gefahr zu bannen?</b><BR />Bischof Ivo Muser: Der Dialog ist unterbrochen. Ich weiß von Menschen, die nicht mehr miteinander reden, die sich nicht mehr treffen. Dann kommt die grundsätzliche Einstellung den Institutionen gegenüber. Da ist ganz viel Vertrauen zerbrochen. Zum Dialog gibt es aber keine Alternative, auch wenn er mühsam ist. Oft habe ich den Eindruck: Die Bewegung geschieht keinen Zentimeter. Und trotzdem müssen wir beim Dialog bleiben und nach Argumenten suchen. Eine Dimension macht mir besonders Sorgen: Die Irrationalitäten haben zugenommen. Wenn es aber irrational wird, dann wachsen die Ängste, wachsen die Beschuldigungen, dann sieht man keine Perspektive, dann geht man nicht mehr auf den anderen zu. Hier braucht es uns alle!<BR /><BR /><b>Was schlagen Sie vor, um diesen Bruch zu überwinden?</b><BR />Bischof Muser: Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir mit allen über Freiheit und Verantwortung in der Gesellschaft nachdenken. Für mich sind das die Schlüsselbegriffe, um die es in dieser Auseinandersetzung geht. Freiheit kann nicht einfach heißen: Ich will, oder ich will nicht. Freiheit gibt es nicht nur isoliert für mich, sondern nur in Zusammenhang mit Verantwortung. Das ist vom Menschlichen her zu betonen, und noch mehr vom Christlichen her. Freiheit hat immer die Dimension des „Für“. Und bei dieser Diskussion braucht es alle. <BR /><BR /><b>Bei Ihren Worten „Ich will, ich will nicht“ lässt sich deutlich die Position der Impfverweigerer heraushören. Die Kirchenleitung – von Papst Franziskus bis zu Ihnen – spricht sich klar für die Impfung aus: Werden Sie deswegen auch angegriffen?</b><BR />Bischof Muser: Wenn ich auf meine bisherigen 10 Jahre als Bischof zurückschaue, dann habe ich noch niemals so viele Emails, Briefe und Nachrichten bekommen wie zum Thema Impfung. Und wenn ich am Computer sitze, dann sehe ich: Da ist alles drinnen – und von allem das Gegenteil. Natürlich gibt es auch Nachrichten und Emails unter der Gürtellinie. <BR /><BR /><b>Es geht Ihnen also auch so wie zum Beispiel Politikern.</b><BR />Bischof Muser: Denen sicher noch mehr. Aber es sind viele Anschuldigungen dahinter: Die Kirche sollte das tun, die Kirche sollte das andere tun, die Kirche sollte still sein. Alles ist dabei. Und das Problem ist, wenn der gute Ton verlassen wird. Aber der Dialog muss bleiben. Daher habe ich mich auch mit Gruppen von erklärten Impfgegnern getroffen. Ich halte das für wichtig, ich bin froh, dass sie gekommen sind und wir die Gespräche geführt haben. Auch wenn sich die Positionen nicht angenähert haben. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="719042_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie gehen Sie mit persönlichen Anfeindungen und Beleidigungen um?</b><BR />Bischof Muser: Wenn ein Email zu mir kommt, dann antworte ich immer. Jedes Mal. Ganz bewusst. Über meinen Standpunkt zur Impfung wissen alle Bescheid, das war von Anfang an für mich klar. Ich bin auch dankbar für die große Linie, die es in der Kirche gibt – von Extremen abgesehen, die es auch hier gibt. Aber sonst gibt es hier eine große Verantwortung. Wir wissen, dass die Gesundheit nicht der oberste Wert ist und die Impfung kein Allheilmittel; aber wir tun das, was wir tun können. Mit Überzeugung und Verantwortung. <BR /><BR /><b>Sie waren vor Ihrer Zeit als Bischof Professor für Dogmatik, also für die Lehre der Kirche. Ist Nicht-Impfen in dieser Pandemie eine Sünde?</b><BR />Bischof Muser: Sünde ist immer ein Denken, ein Tun, ein Reden gegen die Liebe. Das ist der springende Punkt. Vor allem ist die Frage: Was bedeutet für mich ganz konkret Verantwortung? Verantwortung für ein größeres Ganzes, Verantwortung für einander. Das ist ein wichtiger Punkt. <BR /><BR /><b>Also: Sich nicht impfen lassen, wenn man es könnte, ist Sünde?</b><BR />Bischof Muser: Ja!<BR /><BR /><b>Zur Verantwortung der Kirche: In Bar oder Restaurant gilt mittlerweile die 2G-Regel, in der Kirche braucht es nicht einmal den Grünen Pass: Ist das nicht etwas wenig?</b><BR />Bischof Muser: Wir in der Diözese sind sehr froh, dass es Leute auf einer höheren Ebene gibt, die diese Regeln ausgearbeitet haben – die Experten, die Regierung, die Bischofskonferenz. Wir übernehmen diese Regeln und sind damit nicht schlecht gefahren. Insgesamt hat die Kirche in Italien hier einen Weg gefunden. Ich erlebe die Menschen in den Kirchen sehr respektvoll, die Regeln sind bekannt. Diese Regeln gelten im Grunde seit dem 8. Mail 2020. Bisher hätte ich nie gehört, dass die Kirche zu einem gefährlichen Ort geworden wäre. Da hätte sicher das Gesundheitsministerium eingegriffen und ich könnte es auch verstehen. <BR /><BR /><b>Können Sie es auch verstehen, wenn Leute ein mulmiges Gefühl im Bauch haben und sagen: Ich gehe da lieber nicht hinein, weil da auch viel gesungen wird, weil es Berührungen gibt...</b><BR />Bischof Muser: Ich kenne solche Menschen und ich habe auch solche Nachrichten bekommen. Natürlich verstehe ich das. Aber das ist ja insgesamt ein Phänomen dieser Pandemie: Ich erlebe sehr viele Ängste. Wir müssen jetzt dabei helfen, Ängste nicht zu schüren, sondern Ängste zu überwinden. Aber gleichzeitig gilt es, die Regeln ernst zu nehmen und eben das zut tun, was wir tun können. <BR /><BR /><b>Auch unsere Diözese beteiligt sich an der weltweiten Bischofssynode: Wie ist Ihr bisheriger Eindruck?</b><b>Geht ein Ruck durch die Kirche?</b><BR />Bischof Muser: Die ganz große Begeisterung nehme ich nicht wahr. Aber es gibt durchaus gute Initiativen. Diesbezüglich bin ich auch dem Seelsorgeamt sehr dankbar, denn es versucht anzustoßen, zu koordinieren und das zu tun, was möglich ist. Ich glaube, wichtig ist die Haltung, mit der wir diese Synode angehen: Wir sind Teil der Weltkirche, es geht um die Haltung des Hörens, es geht um die Haltung der Wertschätzung. Mir ist wichtig, dass das Anliegen des Papstes durchkommt, und der Papst denkt an Prozesse. Er denkt noch nicht an konkrete Ergebnisse. Aber wenn Prozesse stattfinden, dann können auch Lösungen kommen. Und zwar nicht Lösungen, wo die eine Gruppe sie der anderen Gruppe aufzwingt, sondern Lösungen, die reifen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="719045_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was ist denn ein solcher Prozess?</b><BR />Bischof Muser: Das ist zum Beispiel, dass man über alles reden kann. Das ist mir zum Beispiel auch bei unserer Diözesansynode positiv aufgefallen. <BR /><BR /><b>Nach Reform klingt das aber nicht.</b><BR />Bischof: Wenn Prozesse angestoßen werden, wissen wir noch nicht, was am Ende herauskommt. Diese Offenheit braucht es auch. Meine persönliche Überzeugung ist: Nur einige strukturelle Veränderungen bringen nicht den Schub in der Kirche. Worüber wir nachzudenken haben, ist die Gottesfrage, die Christusfrage: Wie relevant ist überhaupt Glaube für unser Leben, wie hilft er uns?<BR /><BR /><b>Wie wird der Beitrag aus unserer Diözese ausfallen?</b><BR />Bischof Muser: Die Dinge, die hier besprochen werden, müssen zusammengefasst werden. Kurz zusammengefasst. Es sind ja maximal 10 Seiten. Es geht vor allem darum, dass wir erleben, dass wir Weltkirche sind, dass wir uns da nicht ausklinken. Und dass wir erleben, dass unsere Fragen auch woanders diskutiert werden. Dass aber auch Fragen, die wir stellen, anderswo wenig wichtig sind. Es ist ja ein Segen, dass wir Weltkirche und keine Nationalkirche sind. <BR /><BR /><b>Im kommenden Jahr dürfte es nach 2 Jahren Pause wieder Firmungen geben: Welches Bild zeichnet sich ab?</b><BR />Bischof Muser: Diese Pause ist ja zusammengefallen mit der Pandemie, also mit all den Einschränkungen, auch was zum Beispiel Treffen anbelangt. Ein genaues Bild lässt sich noch nicht zeigen, es ist eher unterschiedlich. Ich weiß von einigen Gemeinden, wo eine stattliche Zahl von Firmkandidaten da ist, die sich angemeldet haben. Bei anderen sind es weniger. Die ersten Firmtermine wird es im Herbst geben. <BR /><BR /><b>Wird es für die Erstkommunion eine ähnliche Nachdenkpause geben?</b><BR />Bischof Muser: So etwas braucht es im Grunde auch für die Taufe, dann für die Erstkommunion und – ich würde sagen – auf vielen anderen Ebenen von Kirche. Wir müssen aus dem Automatismus herauskommen und aus der Mentalität: Das Event machen wir mit, aber es ist losgelöst von einem Vorher und einem Nachher. Das ist die große Herausforderung. Ich hoffe, dass diese Erfahrung mit der Firmung uns dabei hilft.<BR /><BR /><b>Also eine diözesane Zwangspause bei bestimmten Sakramenten.</b><BR />Bischof Muser: Es ist sicher eine Herausforderung, denn ich halte nichts davon, einfach Sakramente zu verweigern. Aber es wäre schön, wenn durch dieses Nachdenken Menschen in einem guten Sinn in eine Krise geführt werden. Krise im Sinn von unterscheiden: Was bedeutet uns das? Was bedeutet es für uns, zur Kirche zu gehören? Wie zeigt sich das? Bin ich bereit, mitzutun?<BR /><BR /><BR /><BR /><BR />