<b>Wie definiert die Gestalttherapie ein Trauma?</b><BR />Monika Jäckle: Ein Trauma ist eine existenzielle Grenzsituation, die mit einem Erleben von Bedrohung, Ohnmacht und Entsetzen einhergeht. Trauma nimmt die Orientierung zur Welt und zerstört oftmals das Vertrauen in grundlegende menschliche Werte. Denn in einer traumatischen Erfahrung werden körperliche und seelische Grenzen in extrem bedrohlicher Weise überschritten. In der Gestalttherapie spielt die Wahrnehmung eine Schlüsselrolle. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67468710_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Das bedeutet konkret?</b><BR />Jäckle: Es kann sich keine Gestalt (eine Figur vor einem Hintergrund) bilden, sondern das Erlebte wird in sinnlich-sensorische Einzelteile zerlegt, die jede für sich eine „hochexplosive Ladung“ darstellen: heftige Eindrücke oftmals ohne Inhalt. Wie ein zerbrochener Spiegel, der in viele Teile zersplittert ist, die erst wieder zusammengeführt werden müssen, um Sinn zu ergeben, um gefühlt und sinnlich erlebt werden zu können. Diese Einzelteile führen ein Eigenleben und werden als Splitter im Gedächtnis bewahrt und weniger als zusammenhängende Geschichten. Im Körper führen diese „Splitter“ dann ein Eigenleben, erzeugen leidvolle Symptome und sind imstande die eigenen Sinne zu enteignen. Dies fühlt sich so an, als wäre man nicht mehr Herr/Herrin im eigenen Haus. So besteht die Herausforderung darin, „sich selbst bewohnen zu lernen“, das „Wohnen“ wieder zu lernen im Sinne von „zum Frieden gebracht sein“.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098984_image" /></div> <b><BR />Die Gestalttherapie geht von einem lebenslangen Wachstumsprozess aus. Ist ein Trauma nicht ein großes Hemmnis?</b><BR />Jäckle: Ein Trauma ist in erster Linie ein Ereignis, das den Boden unter den Füßen wegzieht. Die Gestalttherapie widmet sich als existenzielle Therapie genau diesen menschlichen Grunderfahrungen. Wachstum in der Gestalttherapie bedeutet mit den Widerfahrnissen des Lebens leben zu lernen mit dem Ziel freier zu werden. Ich sehe Trauma weder als Hemmnis noch als Wachstumschance, sondern als eine existenzielle Herausforderung mit großem Leid fertig zu werden. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67468716_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Wie sieht die Therapie aus?</b><BR />Jäckle: Eine gestalttherapeutische Begleitung orientiert sich prozessorientiert unmittelbar am Menschen. Dabei kann aber gesagt werden, dass es zunächst um eine Stabilisierung geht, den Menschen in seinen selbstregulatorischen Kräften zu stärken, Selbstfürsorge in Bezug auf die eigenen Gefühle, Grenzen und Bedürfnisse praktizieren zu lernen, über eine Körpergewahrsamkeit Leibdialoge neu zu verhandeln und zu vollenden, dadurch die eigenen Ich-Grenzen wiederherzustellen und die eigene Orientiertheit in der Welt zurückzugewinnen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67468719_quote" /><BR /><BR /><BR /><b> Werden auch körperliche Übungen gemacht?</b><BR />Jäckle: Es werden körperliche Übungen gemacht und noch mehr wird der Schwerpunkt auf affektiv-leibliche Erfahrungen gerichtet. Beispielsweise zu erfahren, was es heißt in der entsprechenden vergangenen traumatischen Szene die Möglichkeit zu erfahren, Schutz zu bekommen, im Körper den Schutz zu spüren und zu bemerken, wie der Körper loslassen kann, wie quasi antrainierte Überlebensstrategien des sich-selbst-zusammen-Haltens in den Hintergrund treten können und wie eine kraftvolle Gegenerfahrung zu einer neuen Körpererfahrung werden kann.<BR /><BR /><b>Wie wichtig ist eine gute Beziehung zum Therapeuten?</b><BR />Jäckle: Der Therapeut muss offen und menschlich sein. Wir wissen heute, dass die Wirkkraft neuer korrigierender Erfahrungen in der Therapie mit der therapeutischen Beziehung steht und fällt. Gerade wenn das Vertrauen in andere Menschen zutiefst erschüttert wurde, braucht es anfänglich viel Zeit, um einen Beziehungsraum anzubieten, in dem der Klient Sicherheit und Schutz für sein Sein erleben kann. Hierzu braucht es Therapeuten, die bereit sind mitzufühlen und sich vom Schicksal anderer berühren lassen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67468973_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Gelingt es Patienten von ihrem Trauma zu befreien?</b><BR />Jäckle: Leid kann nicht einfach wegtherapiert werden. Aus meiner Sicht geht es vielmehr darum, mit diesen Erfahrungen leben zu lernen und diese als Teil der eigenen Geschichte anzuerkennen. Ich persönlich empfinde eine große Skepsis in Bezug auf eine „Befreiung“ oder „Heilung“ von schweren Schicksalsschlägen. Hierfür sind wir alle Mensch und das, was uns alle als Menschen verbindet ist unsere Berührbarkeit und damit unsere Verletzlichkeit.