„Ich kann die Sturheit nicht nachvollziehen, denn es geht erwiesenermaßen auch anders, wir Biobauern beweisen das schon seit Jahrzehnten“, ist eine von mehreren bemerkenswerten Aussagen, die Annemarie Gluderer (62) im Laufe eines ausführlichen Gesprächs fallen lässt und die ihre Position gut veranschaulicht. <BR /><BR />Damit bezieht sich Gluderer auf die vielfach noch vorherrschende Meinung, dass man als Bauer „auf Dauer ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden nicht überlebensfähig“ sei. Es gebe hinreichend Beispiele von Bio-Apfelbauern, die ausschließlich mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur wirtschaften. Die Kräuterpädagogin Annemarie Gluderer gehört aber nicht dazu, weil ihre Großfamilie seit 32 Jahren zwar sehr wohl Biolandwirtschaft betreibt, allerdings biologischen Kräuteranbau. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="844259_image" /></div> <BR />Mehr oder weniger weiß man im gesamten Vinschgau um die Problematik der konfliktreichen Ko-Existenz zwischen dem „Kräuterschlössl“ und umliegenden Apfelanlagen. „In der Vergangenheit wurden durch Laboranalysen einige Male in unseren Erzeugnissen Rückstände festgestellt worden, daraufhin wurden uns mehrfach Strafen und sogar 3 Strafanzeigen zugestellt, obwohl wir selbst keine Pestizide ausbringen und alles Menschenmögliche getan haben, um unsere Kräuter vor den Ausbringungen der Sprüher zu schützen“, verdeutlicht sie die Problematik.<BR /><BR /> Weder große Hecken, noch die die Entwicklung einer bis zu 12 Meter hohen Sprühnebelwand – die nach dem Trennprinzip in großen Karrosserie-Werkstätten funktioniert – konnten Abhilfe schaffen. Letzten Endes haben die Gluderers vor 5 Jahren Grundstücke für den Kräuter- und Getreideanbau in Taufers im Münstertal erworben. <h3> Erfolgreiche Bürgerinitiative</h3>Wenn Annemarie von ihren Erfahrungen, Überzeugungen und Aha-Momenten berichtet, merkt man schnell, dass man es hier mit einer meinungs- und durchsetzungsstarken Frau zu tun hat. Eine überaus taffe Frau, die sich trotz vieler „Kämpfe“ Herzlichkeit und Humor bewahrt hat. Als Vertreterin Italiens hat sie mitgeholfen, die europäische Initiative „Save Bees and Farmers“ (dt. „Bienen und Bauern retten“) voranzutreiben, wurde hierfür von Papst Franziskus empfangen und hat die damit verbundenen Anliegen sogar der EU-Kommission vorgetragen. <BR /><BR />Dafür mussten europaweit mehr als eine Million Unterschriften gesammelt werden, es ist dies erst die 7. europäische Bürgerinitiative, der das gelungen ist. Zum Erfolg dieser Petition hat die Vinschgerin ihren Teil beigetragen, indem sie Überzeugungsarbeit leistete, Pressekonferenzen gab und schließlich am 8. September 2021 eine Audienz bei Papst Franziskus bekam. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="844262_image" /></div> <BR />Wie kommt sie bloß dazu?„Bei der ersten Pressekonferenz in Bozen war auch Don Paolo Renner zugegen, wir haben uns dabei über den Schöpfungsmythos ausgetauscht und dabei ist der Gedanke gereift, dass uns angesichts des Umwelt-Schwerpunktes im Laudato Si' doch auch der Papst unterstützen müsste“, erklärt sie und muss heute noch schmunzeln bei den Vorkommnissen rund um die Audienz im Vatikan. <h3> Im Camper zur Papst-Audienz</h3>So tauchte die Frage auf, wie man denn überhaupt die Anrede an den Papst zu richten hat, bei wem man nachhaken kann, wenn im wohlgesonnenen Antwortfax (tatsächlich musste sie den Antrag faxen) kein Termin übermittelt wird, oder wie man unmittelbar vor der Generalaudienz noch über 30 Bekannten dieses besondere Erlebnis im Vatikan ermöglicht.<BR /><BR /> „Zusammen mit meinem Mann bin ich im Camper nach Rom gefahren und dabei haben wir uns im Verlauf einer Woche mit vielen Gleichgesinnten getroffen“, blickt sie zurück. Dann erzählt sie von Begegnungen mit dem Priester Don Dassié von Miane im Prosecco-Anbaugebiet, der in seiner Kirche keine „Pestizid-Bauern“ duldet, mit Vertretern des renommierten Krebsforschungsinstitutes „Ramazzini“ oder mit einem österreichischen Patres in Assissi, der ihnen kurzerhand einen Interviewtermin mit Radio Vatikan einfädelte. <BR /><BR /><embed id="dtext86-57410404_quote" /><BR /><BR />Nach einer Pressekonferenz im Parlament, bei der auch die Parlamentarier Albrecht Plangger und Manfred Schullian sowie eine Abordnung von Grünen-Politikern aus Südtirol und Österreich zugegen waren, stand schließlich die Papst-Audienz an. Annemarie erinnert sich an die einmalige Begegnung: „Ich konnte mit ihm kurz einige Worte wechseln, die Hand reichen und die mitgebrachten Botschaften übergeben, dabei lächelte er mir wohlwollend zu.“ Sie ist überzeugt, dass der Erfolg der Petition auch auf den Segen des Papstes zurückzuführen sei – denn schließlich wurden über eine halbe Million Unterschriften erst kurz vor Ablauf der Frist im letzten Monat gesammelt. <BR /><BR />Nachdem die EU 1,05 Millionen Stimmen als gültig bewertet hatte, stand am 25. November dieses Jahres der Besuch in der EU-Kommission an. Mit Flixbus und Zug ging es bis nach Brüssel, dort übergab die unerschrockene 62-Jährige zusammen mit 15 weiteren EU-Bürgern die Forderungen der Initiative an die Vizepräsidentin der EU-Kommission Vera Jourová sowie Stella Kyriakides, Kommissarin für Gesundheit. „Mich hat überrascht, wie freundlich wir von ihnen und ihrer Delegation aufgenommen wurden. Sie zeigten sich erfreut, dass wir ihnen mithelfen, diesen langen beschwerlichen Weg zu gehen“, fasst Annemarie den Austausch zusammen. Im Verbund konnten sie ihre Anliegen vortragen, jedem wurden 2 bis 3 Minuten Redezeit zugestanden. <h3> Essbare Blüten für die EU-Kommissarinnen</h3>„Ich sprach über die Problematik der Pestizid-Abdrift am Beispiel unseres Kräuterschlössl“, beschreibt sie die Zusammenkunft. Dafür entschädigte sie die EU-Kommissarinnen mit einem außergewöhnlichen Mitbringsel aus Goldrain – einem Glasbehälter mit allerlei essbaren Blüten. Dieses Geschenk tauge durchaus als Symbol für die Schöpfung. Grundsätzlich wird die Kommission aufgefordert, den Einsatz synthetischer Pestizide bis 2035 schrittweise zu beenden, die Biodiversität zu fördern und die Landwirte bei der Umstellung zu unterstützen. Den nachhaltig wirtschaftenden Kleinbetrieben soll in diesem Prozess eine tragende Rolle zukommen. <BR /><BR />Dazu muss die EU-Kommission nun eine förmliche Antwort geben, im Jänner erfolgt eine offizielle Anhörung im EU-Parlament. Wohin die Reise letztlich geht, ist freilich offen, da viele Interessen mit im Spiel sind – klarerweise auch jene von mächtigen Konzernen mitsamt Lobby. <BR /><BR />Doch auch Annemarie hat längst gelernt, sich mit ihren Interessen ins Spiel zu bringen. Bei passenden Gelegenheiten weiß sie bei einflussreichen Persönlichkeiten, ihre Anliegen zu deponieren – die Liste reicht vom Bauernbundobmann über Landesräte bis hin zu den Landeshauptmännern. „Ja, meistens hören sie mir schon zu, aber feste Zusagen sind dann doch die Ausnahme“, meint sie etwas resigniert. Dabei wolle sie und ihre Familie doch auch ein gutes Miteinander. <BR /><BR />Es liege ihr fern, die Bauern anzugreifen, aber wenn Unrecht geschehe, müsse man sich doch wehren dürfen. „Jeder soll auf seinem Grund und Boden wirtschaften können, wie er oder sie es für richtig hält, aber leider werden manchmal bei der Ausbringung von Pestiziden Grenzen überschritten, auch die Allgemeingüter Luft und Wasser“, meint sie und betont: „Und das geht uns alle an“. Letzten Endes sei eine Landwirtschaft ohne synthetische Pestizide im Interesse aller, denn die Gesundheit sei immer noch das höchste aller menschlichen Güter. Um sich zu informieren, müsse man sich nur ein bisschen mit den aktuellsten Studien auseinandersetzen. <h3> Die starke Familie hinter einer erfolgreichen Frau</h3>Man hält es zwar kaum für möglich, aber Annemarie war nicht immer so. „Bevor ich meinen Mann kennengelernt habe, und vor 40 Jahren zu ihm gezogen bin, habe auch ich mir nicht viel beim Einsatz von Spritzmitteln gedacht.“ Auf ihrem elterlichen Hof in Tschars hatte sie als junge Frau ihrem Vater beim Besprühen der Apfelanlagen geholfen, man habe es damals eben nicht besser gewusst. Es war ihr Mann Urban, der bei ihr den Prozess des Umdenkens initiierte. Nach und nach wurde sie auf diesem Weg bestärkt, von essenzieller Bedeutung sei dabei immer der Zusammenhalt in der Partnerschaft und Familie gewesen. <BR /><BR />„Wenn mal wieder ein Strafbescheid oder ein geharnischter Brief eintrudelte, war mein Mann total geschockt, ich hingegen verarbeitete den Ärger, indem ich versuchte, alle möglichen Behörden und Leute von unserer Unschuld zu überzeugen“, sagt sie und fügt hinzu: „Wie oft saßen wir einfach nur da, geschockt. Wir umarmten uns und weinten.“ Mittlerweile haben sie den gutgehenden Betrieb an ihre 3 Kinder übergeben, auch die Fotos der kleinen Enkelkinder zieren die Wand in der kleinen Empfangsnische. „Wir sind es uns doch selbst schuldig, ihnen eine gesunde und saubere Umwelt zu hinterlassen“, meint die couragierte Großmutter. <h3> Hommage an einen Apfelbaum</h3>Dafür steht auch der knorrige Golden-Delicious-Apfelbaum im Garten des Kräuterschlössls, gepflanzt von Urbans Vater im fernen Jahre 1970. Ihm hat Annemarie gar eine Hommage gewidmet, ihn dort als „Wächter über unser Kräuterparadies“ bezeichnet. Auch wenn es viele Turbulenzen zu überstehen galt, hat dieser Wächter doch sehr gute Dienste getan und Annemarie bis nach Rom und Brüssel gebracht.<BR />