<b>Von Barbara Varesco, Michele Manca und Stephan Pfeifhofer</b><BR /><BR />Hier stellen wir 3 Südtirolerinnen und Südtiroler vor, die in einem anderen EU-Land die Liebe des Lebens gefunden haben. Für sie ist die Europa-Wahl nicht lästige Pflicht oder Nebensache, sondern eine wichtige Weichenstellung, bei der sie selbst ihre Stimme einbringen werden. Aus der Überzeugung heraus, dass die EU wertvoll ist. <BR /><BR /> „Wir hoffen, dass die Menschen ihre Chance, zu wählen, absolut nutzen und sich europafreundliche Kräfte durchsetzen“, sagen Laurin Kofler und Petra Nechalova. Im Jahr vor Corona hat es zwischen dem Südtiroler aus Meran und der Marketingexpertin aus der Slowakei gefunkt. Inzwischen lebt das grenzüberschreitende Paar mit Sohn Felix in Meran.<h3> Den eisernen Vorhang noch erlebt</h3>Laurin Kofler ist begeisterter Fischer und weiß, was Geduld heißt. Die mussten er und seine Partnerin Petra wohl auch am Beginn ihrer Beziehung aufbringen. Zufällig kamen sie kurz vor der Pandemie in Wien ins Gespräch, blieben in Kontakt, doch als Laurin seine Petra in ihrem Heimatort Bojnice besuchte, war plötzlich die Grenze geschlossen, Lockdown. „Und ich blieb einige Monate dort“, so Kofler. <BR /><BR />Das Leben in 2 Welten ist für Laurin und Petra keine Ausnahme, sondern die Regel. Auch Wirbelwind Felix (2) kam in der Slowakei zur Welt. „Wir wollten keinen Dolmetscher zwischen Petra, Hebamme und Arzt“, erinnert sich Laurin. Die Anmeldung von Felix in Meran habe aber reibungslos geklappt: Auch das sei Europa.<BR /><BR /> Petra Nechalova hat als Kind den eisernen Vorhang mit all seinen Einschränkungen miterlebt. „Das ist bei ihr noch drinnen“, so Laurin. Nach einer Parlamentswahl, in der sich in der Slowakei Europa-Skeptiker durchsetzten, hoffen sie und Laurin, dass bei der EU-Wahl die europafreundlichen Kräfte die Nase vorne haben. „Vielen in der Slowakei ist nicht bewusst, was Europa alles für sie leistet. Investitionen in Infrastruktur und Straßen: Viele wissen nicht, dass das Geld nicht nur aus der Slowakei kommt“, sagt Kofler. Ihre Stimme hat Petra per Briefwahl in der Slowakei abgegeben.<BR /><BR />Söhnchen Felix wächst in beiden Sprachen und beiden Welten auf. „Später wird er mit Italienisch und Englisch 4 Sprachen beherrschen“, freut sich Laurin. Er setzt auf ein Europa der Regionen, das es auszubauen und kulturelle Eigenheiten zu bewahren gelte. „Denn diese Vielfalt macht Europa so spannend.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1037880_image" /></div> <BR /><BR />Max Verdoes (74) und Monika Spinell (73) haben eine große gemeinsame Leidenschaft: Hörgeschädigten Kindern den Lebensweg zu erleichtern. Seit über 3 Jahrzenten leben der Musikpädagoge und die Fachpsychologin in 2 unterschiedlichen Welten: in den Niederlanden und in Südtirol. <BR /><BR /> Dabei stammt Verdoes ursprünglich aus Curaçao, einer Insel in der Karibik, Teil des Königreiches der Niederlande, aber nicht der EU. Seit 1954 hat Curaçao eine Autonomie, erzählt Verdoes. Mit 19 Jahren kehrte er seiner Heimatinsel den Rücken, um am Konservatorium von Den Haag Trompete, Klavier und Schlagzeug zu studieren. In den 1980er Jahren lernten sich Verdoes und Spinell in Sint-Michielsgestel (Niederlande) kennen – an einem großes Gehörlosen-Institut, weltweit führend wegen seiner bekannten Unterrichtsmethode bei gehörlosen Kindern. <h3> „Gelder gerecht verteilen“</h3>Seit 1988 sind die beiden verheiratet. Jahrzehntelang pendelte Spinell seither jeden Monat zwischen Tilburg (Niederlande) und Bozen hin und her, um Diagnostiken bei hörbeeinträchtigten Kindern zu erstellen, die Eltern zu beraten und um Lehrer fortzubilden. Von diesen EU-Wahlen erhoffen sich Verdoes und Spinell vor allem eines: dass Abgeordnete gewählt werden, die fähig sind, konstruktiv zu verhandeln und europaweit Lösungen zu finden bei Themen wie Migration. Die Gelder für die Benachteiligten der Gesellschaft sollten gerecht verteilt werden, betonen Verdoes und Spinell. <BR /><BR />Und: Den Benachteiligten in der Gesellschaft – wie etwa Migranten, aber auch Kindern mit Beeinträchtigung – sollten gute Bildungsmöglichkeiten zuteil werden. Wünschenswert wäre es auch, wenn im Bildungswesen erfolgreiche Praktiken und Systeme in den EU-Ländern verstärkt ausgetauscht würden. Spinell wird heute in Leifers ihre Stimme abgeben. In den Niederlanden wurde am Donnerstag gewählt. Verdoes ging vor der Wahl davon aus, dass die Rechtspartei-Wähler von Rechtspopulist Geert Wilders (PVV) eher den Wahlurnen fern bleiben werden – und dies habe sich dann auch laut exit poll bestätigt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1037883_image" /></div> Während ihre Landsleute 2016 über den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs abstimmten, hielt sich Emily Butterworth (30) in Bozen auf und unterrichtete Englisch in einem Privatinstitut. 2 Jahre später lernte sie den gebürtigen Bozner Alessandro Manca (35) kennen. <BR /><BR />Heute sind sie verheiratet und haben eine 7 Monate alte Tochter. Als Familie spüren sie „die Folgen des EU-Austrittes noch stärker“, sagt Butterworth.<BR /><BR />Falls sie es wollte, wäre es für die 3-köpfige Familie schwierig, ja fast unmöglich, nach Großbritannien zu übersiedeln. „Wir müssten dort seit mindestens 2 Jahren als verheiratetes Paar gewohnt haben“, erklärt die 30-Jährige. „Und ich müsste einen systemrelevanten Job haben“, ergänzt ihr Ehemann, der als Büroangestellter in einem Südtiroler Unternehmen für Recycling und Abfallentsorgung arbeitet. Butterworth studiert derzeit an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen, macht ein Praktikum und ist schon seit Jahren im sozialen Bereich tätig.<h3> Wenn weitere Staaten austreten?</h3>Als Nicht-EU-Bürgerin darf Butterworth an diesem Wochenende nicht wählen – „ich habe mich beim Meldeamt informiert. Ich sollte dafür die Staatsbürgerschaft beantragen, es würde aber lange dauern und viel Geld kosten“, sagt sie. Sie werde sich aber überlegen, den Zeitaufwand und Kosten auf sich zu nehmen, denn „nachdem man 10 Jahre nicht mehr im Vereinigten Königreich gewohnt hat, verliert man auch dort das Wahlrecht.“<BR /><BR />Die Britin scheint die EU jedenfalls weit mehr zu schätzen als so mancher EU-Bürger. „Was mich stört, ist dass ich hier Menschen treffe, die sagen, die Briten hätten das Richtige getan, als sie aus der EU ausgetreten sind. Diese Menschen haben ein völlig verfälschtes Bild vom Vereinigten Königreich“, so Butterworth. <BR /><BR />Auch aus diesem Grund haben sie und ihr Mann die Befürchtung, dass weitere Staaten aus der EU austreten könnten. „Meine Eltern hingegen staunen jedes Mal, wenn sie uns besuchen kommen und die im Vergleich zu ihrer Heimat große Auswahl an Produkten in den Supermärkten sehen.“ Auch das ist ein Vorteil, Teil von Europa zu sein.