Am Nachmittag des 6. November, am Tag nach dem Brand am Nigglpaulhof (Gitzlhof) im Weiler Platz in Pfitsch, standen Wolfgang Gitzl, seine Frau Betty Castiglioni und seine Schwester Dagmar mit einigen ihrer Kinder auf dem Schuttkegel der Brandruine und fühlten sich allein gelassen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098624_image" /></div> <BR /><BR />Die Suche nach ihrer Mutter, Schwiegermutter bzw. Oma, bei der auch Spürhunde und Leichenspürhunde zum Einsatz gekommen waren, war bereits eingestellt worden. Das abgebrannte Haus war abgerissen, der dafür verwendete Bagger schon fort.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098627_image" /></div> <BR /><BR /><BR />„Ab diesem Moment waren wir allein“, erzählt Wolfgang Gitzl, „irritiert, mit vielen Fragen“. Wie die Medien weitergaben, wurde angenommen, dass die 86-jährige Helga Holzer Gitzl, die selbständig auf dem Hof gelebt hat, beim Brand ums Leben gekommen war. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098630_image" /></div> <BR /><BR />Die Wiesen und Wälder um den Hof hatten die Familienangehörigen nach der Brandnacht abgesucht, in der Hoffnung, dass sie im Schock das brennende Haus verlassen hatte. Vergebens. Die Berufsfeuerwehr Bozen vermutete, dass das Feuer vom Ofen in der Stube, die sich im Erdgeschoss befindet, ausgegangen sein dürfte. Hier, auf der Couch neben dem Ofen, hatte die 86-Jährige oft auch nachts geschlafen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098633_image" /></div> <BR /><BR /><BR />„Wir standen auf dem Schuttkegel, und ich fragte mich: Wieso liegt hier so viel Papier? Bücher meines Vaters, Rechnungen, Zeitungen. Diese haben den Brand überstanden, aber meine Mutter finden sie nicht?“, erzählt Wolfgang Gitzl. <h3>Viele offene Fragen </h3>Am Tag davor, den 5. November war um 3.16 Uhr nachts Sirenenalarm ausgelöst worden. Eine Nachbarin des Nigglpaulhofes hatte das Knacken der brennenden Holzbalken gehört und Alarm geschlagen. Das Wohnhaus und der angebaute Stadel brannten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1095942_image" /></div> <BR /><BR />Als Gitzl am Morgen – sein Bruder und Hofeigentümer Egon Gitzl war bereits vor Ort – die Brandstelle erreichte, bemerkte er, dass keine Löschleitung zu den 2 Hydranten nahe der Hofstelle führte. „Angeblich wurden sie wegen zu geringen Drucks nicht verwendet, erfuhr ich später“, berichtet Gitzl. Auch hatte bei seinem Eintreffen ein Bagger bereits begonnen, die rechte Haushälfte abzutragen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098636_image" /></div> <BR /><BR />„Dort wurde meine Mutter vermutet“, sagt Gitzl. Die Dachkonstruktion aus Holz war total abgebrannt, auch die Zwischen- und Bodendecken aus Holz, ebenso die Holzvertäfelung der 2 Stuben im Erdgeschoss. <h3> „Warum diese Hau-Ruck-Aktion?“</h3>„Aber die 55 Zentimeter dicken Steinmauern waren intakt. Auch die Fensterscheiben der linken Hausseite im ersten Stock waren nicht gesprungen und mussten eingeschlagen werden“, erzählt Gitzl, „warum hat man nicht mit einem Greifbagger die verbrannten Balken entfernt und die Mauern stehen lassen“. So hätte man die Tage danach leichter nach seiner Mutter suchen können. „Warum diese Hauruck-Aktion? Wo bleibt die Achtung vor dem vermissten Menschen“, fragt Gitzl.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098639_image" /></div> <BR /><BR />Am Tag vor der Brandnacht war ein Cousin wie jeden Tag um 17 Uhr auf den Hof gekommen, um im Bauernofen das Feuer zu entzünden. Er schaute auch nach den Eseln, da der Hofeigentümer – wie 2 seiner Geschwister – in Brixen wohnt (ein weiterer Bruder lebt in Österreich). <BR /><BR />Da im hinteren Teil des Ganges, im Bereich des Stiegenaufgangs, eine Kamera platziert war, können sie mit Gewissheit sagen, dass ihre Mutter um 23.53 Uhr die Stube verließ und, nicht die 2 Meter nach links zum Hauseingang, sondern ins Hausinnere Richtung Stiege ging. „Nach einer Minute war meine Mutter nicht mehr zu sehen. Nach 5 Minuten gar nichts mehr. Vermutlich wegen des Rauchs“, erzählt Gitzl, der infolge umsonst auf offizielle Informationen hoffte. <h3>Nach dem Brand auf sich allein gestellt</h3>Seine Frau Betty nahm schließlich Kontakt mit der Archäologin Jasmine Rizzi auf, die sich bereit erklärte, am Sonntag mit Mitarbeitern beim Durchsuchen der Brandruine zu helfen. Wolfgangs und Bettys Sohn Daniel kam mit seiner Freundin aus Zürich, um dabei zu sein. Auch Neffe Holger half mit. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098642_image" /></div> <BR /><BR />Die Suche mit Schaufeln wurde auf die Küche im hinteren Gebäudeteil, dort wo die Stiege in das Obergeschoss führt, konzentriert. Wegen der am Boden liegenden Mauersteine wurde beschlossen, am nächsten Tag mit einem kleinen Bagger weiterzusuchen. Als mit diesem der Bauschutt (Mauer, Ziegelsteine) im Gangbereich vor der Stiege angehoben wurden, befanden sich darunter sterbliche Überreste.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098645_image" /></div> <BR /><BR />„Unser Sohn Daniel hat seine Oma gegen 10 Uhr entdeckt und sie dann am Nachmittag gemeinsam mit seinem Cousin Holger, dem Sohn meiner Schwester, mir und den 2 Bestatterinnen von ‚Gratiam Vitae‘ ausgegraben“, erzählt Gitzl. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1098648_image" /></div> <BR /><BR />Auch in dieser Situation fühlten sich die Familienangehörigen alleingelassen, obwohl die Carabinieri Pfitsch mit ihnen an der Brandruine ausharrten. Bis 14 Uhr mussten sie auf die Freigabe der sterblichen Überreste warten. <BR /><BR />Beim Abklären der nächsten Schritte wurde immer wieder darauf verwiesen, dass sie die Kosten dafür selbst tragen. Da der Rechtsmediziner erst am nächsten Tag verfügbar war, wurden die sterblichen Überreste von Helga Holzer Gitzl gegen 16.30 Uhr in das Krankenhaus Brixen gebracht. Nach Erhalt des Totenscheines wurden die Vorbereitungen für die Urnenbestattung eingeleitet.<h3> „Jetzt kann ihre Seele Ruhe finden“</h3>„Jetzt können wir unsere Mama bestatten, und wir – auch sie, ihre Seele – Ruhe finden. Sie wurde auf diesem Hof geboren, hat dort gelebt und ist dort gestorben. Im Grab ihrer Großmutter in Kematen wird sie beerdigt werden“, sagt Wolfgang Gitzl, der noch Antworten auf die offenen Fragen finden will. Auch auf jene, wo die Kette mit dem geschliffenen Bergkristall und dem goldenen Eichenblatt geblieben ist, die seine Mutter immer getragen hat und die noch nicht gefunden wurde. <BR /><BR />Helga Holzer Gitzl wird am Freitag um 14 Uhr in Kematen zur letzten Ruhe getragen. Am heutigen Mittwoch findet um 19 Uhr eine Abschiedsfeier in der Pfarrkirche Milland statt.