Außerdem spricht der Experte darüber, wie viele Menschen von dieser Persönlichkeitsstörung betroffen sind und warum es so schwer ist, sich von ihnen zu trennen. <BR /><BR /><b>Was versteht man unter Narzissmus?</b><BR />Dr. Roger Pycha: Dr. Roger Pycha: Der Narzissmus kann eine ausgeprägte Persönlichkeitsvariante, aber auch eine schwere Persönlichkeitsstörung sein. Der Begriff Narzissmus wird mittlerweile in der Gesellschaft – wie viele andere Begriffe aus der Psychologie - oft inflationär gebraucht. Dieser tägliche Gebrauch beschreibt starken Egoismus, Geltungsdrang und geringe Rücksicht auf andere. Er soll nicht mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung verwechselt werden. Wirklich narzisstisch krank, sprich narzisstisch persönlichkeitsgestört oder pathologisch narzisstisch sind nur etwa 0,3 bis 0,5 Prozent der Bevölkerung, also etwa jeder 300ste Mensch. Betroffene setzen aufgrund ihrer andauernden und unabweichlichen Verhaltensweisen großen sozialen Schaden, lassen ihre Partnerschaft zerbrechen und haben auch im beruflichen Bereich große Probleme. Narzissmus kann also richtig zerstörerisch sein. Die meisten Narzissten besitzen einfach eine ausgeprägte Persönlichkeitsvariante. Die Tendenz der Gesellschaft geht auch verstärkt in diese Richtung. Wir haben moderne Vorstellungen von Erziehung, die eher dazu führen, dass wir unsere Kinder narzisstisch sehr stärken und fördern. Wir erziehen sie sehr gewährend, möglichst fürsorglich, ihre Durchsetzungsfähigkeit stärkend und wenig bestrafend. Die schwarze Pädagogik ist zum Glück out. Die fördernde Pädagogik, die die Talente in den Vordergrund stellt und das Selbstbewusstsein fördert, ist in. Die junge Generation ist deshalb wahrscheinlich fordernder und selbstbezogener als die vorangegangenen Generationen. Sich zu zeigen und bewundern zu lassen ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen in den sozialen Medien. Dieser Narzissmus hat auch seine positiven Seiten. Der Dalai Lama sagt ja, jeder soll zu einem weisen Egoisten werden. Und die Narzissten sind vor allem durch und durch egoistisch orientierte Menschen. Ovid hat diese Geschichte in seinen „Metamorphosen“ ja am schönsten erzählt. Dort beschreibt er, wie der 16-jährige Narziss aufgrund seiner Schönheit von Frauen wie Männern heiß geliebt und umworben wird, die er aber allesamt verschmäht, grob abweist und in verzweifelter Liebe zurücklässt. Einer dieser Verschmähten war tödlich gekränkt, rief die Rachegöttin an und bat sie, Narziss zu bestrafen. Er sollte selbst spüren, was es heiße, lieben zu wollen und nicht geliebt zu werden. Die Rachegöttin verfügte, dass Narziss zur nächsten Person, die er sehe, in eine verzweifelte und niemals erwiderte Liebe verfallen solle. Und weil Narziss eben ein Narzisst war, war diese Person er selbst, als er sein Spiegelbild im Teich bewunderte. Er verliebte sich in sich selbst und litt bis zu seinem bitteren Ende darunter, dass er sein eigenes Spiegelbild nie bekommen würde und seine Liebe niemals erwidert wäre. Als er dann aus unglücklicher Liebe verging, wuchs an jener Stelle die Narzisse.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="718811_image" /></div> <BR /><BR /><b>Obwohl die Bezeichnung Narzissmus auf diesen Mythos zurückgeht, bedeutet Narzissmus jedoch wesentlich mehr als diese Selbstliebe?</b><BR />Pycha: Ja und nein. Im Mythos kommen bereits das Unglück und das Unheil vor, das übertriebene Selbstliebe auslöst. Pathologische Narzissten sind Menschen, die ausschließlich selbstbezogen sind und jeden Schaden anrichten, jede Gemeinheit begehen, um weiter bewundert zu werden. Sie sind ständig auf Komplimente aus und halten sich für so wichtig, dass jeder sich ihnen unterordnen muss. Durch ihre Anspruchshaltung und die Unfähigkeit, die Bedürfnisse anderer anzuerkennen, nutzen sie ihre Mitmenschen teils schamlos aus. Fremde Leistungen und Erfolge werten sie ab: Sie müssen andere kleinmachen, um sich selbst groß zu fühlen. Und mit zwei Dingen können Narzissten gar nicht umgehen: Mit Kritik und mit Fehlschlägen. Für Fehlschläge werden immer andere verantwortlich gemacht, Kritiker werden leidenschaftlich bekämpft, angeschwärzt, öffentlich blamiert, nach Möglichkeit sozial ausgelöscht. Schon die kleinste Kritik wird als tödliche Bedrohung wahrgenommen und gerächt. Pathologische Narzissten leben in ständigen Reibereien und Streitigkeiten um die eigene Geltung. Sie sind extrem anstrengend für ihre Umwelt. Im ersten Kontakt wirken sie meist sehr offen, gewinnend, ja überlegen und überzeugend. Im weiteren Verlauf aber kann man sich darauf verlassen, dass es kompliziert wird. Eine abfällige Bemerkung oder berechtigte Kritik können pathologische Narzissten auf eine steile Talfahrt schicken. Passiert das, ziehen sie sich nicht etwa traurig zurück oder werden nachdenklich, sondern sehen rot. Sie neigen zu dramatischen Wutausbrüchen, vor allem Schwächeren und Untergebenen gegenüber. Sie sehen keinen Anlass, den lieben Frieden zu wahren. In der Psychologie nennt man diesen Charakterzug „sozial unverträglich“. Typischerweise sind Narzissten zudem sehr extrovertiert – das ergibt mitunter eine explosive Mischung.<BR /><BR /><b>Gibt es verschiedene Formen von Narzissmus?</b><BR />Pycha: Die einfachste Unterscheidung kann getroffen werden zwischen den offenen Narzissten, die ihre Selbstherrlichkeit, Bedeutungswünsche und Präpotenz ganz deutlich zeigen - viele Schauspieler, Politiker oder Wirtschaftstreibende haben diese Attitude, ohne pathologische Narzissten zu sein, weil sie im jeweiligen Milieu auch gefragt ist und Erfolg verspricht – und den heimlichen Narzissten, die sehr kränkbar sind. Und da stoßen wir auf die Wurzel des Narzissmus: Betroffene sind eigentlich in ihrem Inneren sehr unsicher und konstruieren zum Ausgleich nach außen ein Größenselbst. Sie möchten, dass die anderen Menschen unbedingt an diese Großartigkeit glauben, an der sie ja selbst stark zweifeln. Wenn diese großartige Oberfläche bröckelt, weil sie keine tollen Liebhaber, reichen Geschäftsleute, begnadeten Künstler oder mächtigen Politiker sind, dann verfallen pathologische Narzissten ganz leicht in Depressivität, in die Angst, dass die anderen entdecken, wie kläglich und schwach sie letztendlich sind. Aus diesem Grund verteidigen sie um alles in der Welt ihr großartiges Bild nach außen und möchten fehlerfreie, ganz stark bewunderte Menschen sein. Sie greifen dabei zu allen möglichen Mitteln – auch zu Lüge, Intrige, Spott, Hohn und Gewalt in all ihren Formen. Sie drohen ihren vermeintlichen Gegnern und machen sie fertig. Sie manipulieren auch ganz stark. Weil es ihnen eben vor allem darum geht, anerkannt, wahrgenommen und vor allem bewundert zu werden, scharen sie Menschen um sich, die sich liebedienerisch vor ihnen verneigen und unterordnen. Gerade in Partnerschaften kommt es deshalb zu massiven Problemen. Ein Narzisst vor dem Traualtar wird sagen: Wir versprechen beide, mich zu lieben, bis ans Ende der Zeiten. <BR /><BR /><b>Kann ein Narzisst sein narzisstisches Verhalten erkennen, wenn er darauf hingewiesen wird? Oder ist vielmehr das Nicht-Erkennen(wollen) Teil vom Narzissten? Kommen Narzissten in Ihre Praxis?</b><BR />Pycha: Der Betroffene selbst ist in der Regel blind für sein Problem und sieht deshalb auch keinen Handlungsbedarf. Offene Narzissten kommen tatsächlich fast nie in Therapie. Die sind ja selber die höchste Autorität, die lassen sich von niemanden sagen, was zu tun oder zu ändern wäre. Am ehesten kommen noch die heimlichen Narzissten, wenn sie merken, dass sie aufgrund ihrer Unsicherheit gefährdet sind, in die Depression und Suizidalität zu kippen. Wer aber sehr häufig in meine Praxis kommt, sind die Partner oder Partnerinnen pathologischer Narzissten, die in Depression oder Angststörung verfallen und psychosomatische Störungen entwickelt haben, weil der Druck in der Beziehung einfach so stark ist.<BR /><BR /><b>Mit einem Narzissten in einer Beziehung zu leben, kann also krank machen?</b><BR />Pycha: : Ja. Sie müssen sich vorstellen, der Narzisst an Ihrer Seite will ständig anerkannt und bewundert werden. Das ist wie eine Droge, von der er nicht genug kriegt. Es ist aber auch etwas, das den Partner schnell erschöpft. Dieses dauernde Lobhudeln und Bewundern, das geht einfach nicht. Wir sind psychisch nicht so ausgestattet, dass wir das schaffen. Es wird auf Dauer extrem anstrengend. Betroffene verwickeln Partner ständig in irgendwelche Konflikte um ihre Anerkennung, außer der Partner ordnet sich so stark unter, dass er die eigene Persönlichkeit fast aufgibt. Der Narzisst dreht Tatsachen um, er stellt sich gern als Opfer dar, Schuld ist immer der Partner. Am Anfang merkt man das als Partner gar nicht, im Gegenteil. Das Verlieben fällt leicht. Narzissten sind charismatisch, achten genau auf ihr Äußeres, treten selbstsicher auf, bewegen sich wie auf einer Bühne. Sie sind laut und rücksichtslos und gewinnen dadurch im ersten Moment gegen alle Konkurrenten locker. Klassisch ist, dass später Ehefrauen oder Partner Hilfe suchend zum Psychotherapeuten kommen. Die meisten wollen einfach nur noch weg aus der narzisstischen Partnerschaft, trauen sich aber vielfach nicht, weil die Narzissten sie extrem unter Druck setzen und sie zum Bleiben erpressen, sie auch mit Morddrohungen oder Suizidankündigungen einschüchtern. Der Partner oder die Partnerin sind zu Kritikern geworden und werden, wie bereits geschildert, aktiv und massiv bekämpft. Sie selbst haben sich in der Regel lange schon untergeordnet und sind viel zu geduldig oder ganz passiv geworden. All das erschwert ihnen den Schritt in die Unabhängigkeit. Die Lage ähnelt der von Frauen, die häusliche Gewalt erleiden, sie ist nur noch stärker verstrickt. Systematische Gewalttätigkeit gegen die Familie bei glänzendem Auftreten nach außen passt übrigens perfekt zu Narzissten. Sie verstehen die Sprache der Gewalt am allerbesten – sie wollen ja immer und um jeden Preis Sieger sein und kennen mit Kritikern keine Gnade. Auch die Kinder von echten Narzissten leiden stark unter deren auftrumpfendem Verhalten. Im familiären Umfeld stellt der Einfluss eines Narzissten also eine wirklich markante Beeinträchtigung aller dar. Glücklicherweise – muss man fast sagen – sind Trennungen oder Scheidungen heutzutage immer leichter möglich und nicht zufällig viel häufiger als früher. Vor hundertfünfzig Jahren konnte man sich als Partner fast nur durch Mord von einem narzisstischen Tyrannen trennen. Da hat die Psychologie und die Psychologisierung der Gesellschaft viel Gutes getan.<BR /><BR /><b>Narzissten sind aber nicht nur für andere toxisch, sondern auch für sich selbst?</b><BR />Pycha: : Ja, genau. Auch wenn Narzissten wenig Empathie anderen gegenüber empfinden, heißt das ja nicht, dass sie gefühllos sind. Sie merken, dass sie auf einem immer einsameren Weg sind und von viel Blendwerk umgeben werden. Sie spüren, dass nur Heuchler sie umschleichen , die ihnen zum Schein wohlgesonnen sind. Es ist ja zunächst ein Selektionsvorteil in der Gesellschaft, narzisstisch zu sein. Narzissten sind häufig wirklich erfolgreich, mächtig und reich, weil sie viele Entscheidungen nur zu ihrem Vorteil treffen und wirkliche oder eingebildete Konkurrenten systematisch niederkämpfen. Doch irgendwann wird die Luft da oben auf dem einsamen Gipfel des Erfolges so dünn, weil da keine ehrlichen Partner und aufrichtigen Gegner mehr sind, sondern nur noch falsche Bewunderer. Diese Einsamkeit ist der Wunde Punkt und bringt Narzissten dann doch manchmal zum Umdenken. Verletzliche Narzissten – wir reden hier immer von den pathologischen Narzissten – kippen sehr schnell in intensive Verzweiflungssituationen und in die Depression. Und damit ist die Suizidalität auch deutlich erhöht. Auf den langen Höhenflug kann ein jäher Absturz folgen. Durch Niederlagen wie eine Kündigung oder eine Trennung oder einen verlorenen Konflikt, oder auch nur ein böses Wort von Seiten eines bisherigen Bewunderers können Narzissten in schwere psychische Krisen geraten – meist immer noch, ohne sich ihres Narzissmus bewusst zu sein.<BR /><BR /><b>Gibt es einen Selbsttest, durch den man erkennen kann, ob man selbst unter Symptomen von Narzissmus leidet?</b><BR />Pycha: Ja, den gibt es. Es ist der <a href="https://zis.gesis.org/skala/von-Collani-Deutsche-Versionen-des-Narcissistic-Personality-Inventory-(NPI-d)" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Narcissistic Personality Inventory (NPI)</a>. Dessen Ergebnis zeigt mir aber keine Grenze zwischen Persönlichkeitsvariante oder Persönlichkeitsstörung. Wenn ich da viele Punkte erreiche, heißt das nur, dass ich narzisstisch stark geladen und orientiert bin, er sagt mir aber nicht, ob ich persönlichkeitsgestört oder eben nur ein weiser Egoist bin.<BR /><BR /><b>Wenn die Verzweiflung wächst und der Lebenswille schwindet: Holen Sie sich Hilfe!</b><BR /><BR />Notfalldienste<BR />Notrufnummer 112<BR /><BR />Bei psychischen Krankheiten oder schwersten Krisen:<BR />Psychiater vom Dienst, telefonisch über die Telefonzentralen der Krankenhäuser von Bozen 0471 908111, Meran 0473 263333, Brixen 0472 812111 und Bruneck 0474 581111 verlangen.<BR /><BR />Niederschwellige Beratungsdienste:<BR />Telefonseelsorge 0471 052052 rund um die Uhr, Onlineberatung www.telefonseelsorge-online.bz.it, deutschsprachig<BR /><BR />Für Jugendliche:<BR />Young and direct 0471/1551551, E-Mail online@young-direct.it; Whatsapp 3450817056<BR /><BR />Italienischsprachige Hotline:<BR />Telefono amico 02 23272327 tutti i giorni 10.00-24.00 Uhr , WhatsApp 345 0361628 dalle 18 alle 21, www.telefonoamico.it