<b>1. Februar 1986:</b> Über Nacht fielen in Südtirol über eineinhalb Meter Schnee in nur 24 Stunden, in manchen Landesteilen noch weit mehr. Ein Ereignis, das in die Geschichtsbücher einging und das für viele bis heute unvergessen bleibt <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/unvergessen-als-in-suedtirol-15-meter-schnee-in-nur-24-stunden-fielen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(wir haben berichtet)</a>.<BR /><BR />Auch im Gadertal entfaltete der Winter in dieser Nacht seine ganze Härte. Vierzig Jahre später tritt eine Geschichte ans Licht, in der zwei junge Einheimische mit Tourenskiern zu einer Hilfsaktion aufbrachen, die noch weitreichende Folgen haben sollte. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270065_image" /></div> <BR /><BR /><b>Norbert Moling</b> war damals 25 Jahre alt, auf dem Heimweg von der Arbeit. „In Bruneck hat es noch geregnet, ab Montal setzte dann starker Schneefall ein. Kurz darauf war die Straße blockiert, überall waren Lawinen abgegangen – erst da wurde mir klar, welche Ausmaße das Ganze annehmen sollte“, erinnert er sich. Rund um Pederoa und Pederac standen Autos Stoßstange an Stoßstange, nichts ging mehr.<BR /><BR />Auch <b>Giuseppe Miribung</b>, damals 22, kam an diesem Tag nur mit Mühe nach Hause. Am Abend traf er seinen Freund Moling. Die Informationen, die ihnen zu diesem Zeitpunkt vorlagen, waren alarmierend: Unzählige Fahrzeuge steckten fest, Leute waren in ihren Autos eingeschlossen – sie hatten weder zu essen noch zu trinken. Ohne lange zu überlegen, beschlossen die beiden, zu helfen.<h3> Rucksäcke voller Proviant und heißem Tee</h3>Mit Tourenskiern, randvollen Rucksäcken und Tee machten sie sich – noch in den Abendstunden – auf den Weg. Sie versorgten die Menschen in den Autos mit Bananen, Orangen, Äpfeln, Erdnüssen – ein Gemüsehändler hatte seinen Lastwagen geöffnet und seine Ware zur Verfügung gestellt. Immer wieder mussten sie ihre Thermoskannen mit heißem Tee nachfüllen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73320587_quote" /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270068_image" /></div> <BR /><h3> „An die Schreie und das Weinen kann ich mich noch gut erinnern“</h3>Am nächsten Morgen kehrten sie zur Autokolonne zurück. Erst dort erkannten sie, wie groß die Gefahrensituation tatsächlich war. Viele Insassen ließen über Nacht aus Angst vor der Kälte die Motoren laufen. Zudem hatte Schnee die Auspuffe verstopft. <BR /><BR /><b>Anmerkung der Redaktion:</b><BR /><i>In den 1970er- und 1980er-Jahren kam es bei starkem Schneefall und langen Stillständen immer wieder zu lebensgefährlichen Kohlenmonoxidvergiftungen in Fahrzeugen. Lief der Motor – etwa um zu heizen – und war der Auspuff durch Schnee oder Eis blockiert, konnten Abgase ins Wageninnere zurückströmen.</i><BR /><BR />Zunächst gingen sie davon aus, dass viele der Insassen nur erschöpft von den Strapazen in ihren Fahrzeugen ruhten. Doch diese Annahme erwies sich rasch als Fehleinschätzung.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73320589_quote" /><BR /><BR />Gemeinsam mit den Einsatzkräften halfen sie, die Autos so schnell wie möglich zu öffnen, um frische Luft hereinzulassen. Miribung erinnert sich genauestens an das Bild von damals, an das Husten, das Schreien und die weinenden Frauen: „Es kam uns ein Arzt zu Hilfe, er riss die Hosen der vergifteten Menschen auf und gab ihnen eine Injektionsspritze in den Oberschenkel.“ <BR /><BR />Mit der Tragbahre wurden die Verletzten nach einer ersten Versorgung<BR />durch einen Arzt durch den tiefen Schnee zum rund drei Kilometer entfernten Ort Pederoa getragen, wo die angeforderten Rettungshubschrauber niedergehen konnten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270071_image" /></div> <BR />Für eine Person kam damals jede Hilfe zu spät. Ein junger Elektriker aus Brescia verbrachte die Nacht, trotz eindrücklicher Warnung, auf einer Brücke in seinem Auto. Am Morgen fand man ihn leblos vor – verstorben an einer Kohlenmonoxidvergiftung.<BR /><BR />Genau heute vor 40 Jahren – am <b>3.Februar 1986</b> – war in den „Dolomiten“ zu den Ereignissen in dieser Nacht Folgendes zu lesen: <BR /><BR />„<i>In den Berggebieten entstand infolge zahlreicher Lawinenabgänge eine bedrohliche Lage. Mehrere Personen wurden verschüttet, konnten aber in teils dramatischen Hilfsaktionen gerettet werden. Im Gadertal erstickte ein 22 Jahre alter Tourist aus Brescia in seinem Fahrzeug an Auspuffgasen. Eine Reihe von Personen wurde verletzt. Mehrere Häuser und Stadel wurden von den Schneemassen eingedrückt<BR />oder ganz zerstört.</i>“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270074_image" /></div> <h3> Ein Dankesbrief von Silvius Magnago</h3>Für <b>Giuseppe Miribung</b> bleibt eine Begegnung in dieser Nacht besonders prägend: Er traf auf einen Mann, der mit seinem Auto nicht mehr weiterkam und den er für die Nacht nach Pederoa brachte. Später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Geretteten um Dr. Michael Breisky handelte. Er war damals als Generalkonsul Österreichs u.a. für Südtirol zuständig und maßgeblich an der einvernehmlichen Beilegung des Südtirol-Konflikts 1992 beteiligt. <BR /><BR />Wochen danach erhielt Miribung einen Brief – auf Ladinisch, unterschrieben vom damaligen Landeshauptmann Silvius Magnago. In diesem bedankt er sich persönlich für den Rettungseinsatz: <i>„In der Nacht von Freitag auf Samstag, noch bevor die Feuerwehren sich an die Arbeit gemacht haben, haben Sie vielen Menschen erste Hilfe geleistet und habt mehreren Personen das Leben gerettet. Vielen Dank auch im Namen des Generalkonsuls von Österreich.“</i><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270077_image" /></div>