In gebrochenem Italienisch erzählt „Tanja“ Markevych von ihrer 2000 Kilometer langen Flucht, die gestern vor dem Büro von Sozialstadtrat Stefan Frötscher endete. Sie muss sich immer wieder ihre Tränen aus den Augen wischen. „Ich will nicht, dass mein Enkel die Tränen meiner Verzweiflung sieht“, sagt sie.<BR /><BR />Es seien ihr Mann und ihr Schwiegersohn, der in einer ukrainischen Spezialeinheit des Heeres dient, die darauf gedrängt hätten, dass sie die Ukraine verlassen. „Ich war am 24. Februar zufällig bei meiner Tochter auf Besuch in Kiew. Wir haben eine Invasion der Ukraine nie für möglich gehalten. Deshalb war ich ja absolut unvorbereitet für die Flucht und hatte auch meinen Pass nicht dabei“, sagt Tanja. „Wir sind beruhigter, wenn ihr in Sicherheit seid“, meinten die Männer von Tanja und Alona.<BR /><BR />Um 4 Uhr nachmittags haben die beiden Frauen das Nötigste in 3 Taschen gepackt, die Wohnung zugesperrt, sich ein Auto von Verwandten geliehen und sind losgefahren. Alona zeigt ganz stolz Fotos ihrer schönen Wohnung in Kiew, die sie zurückgelassen hat. <BR /><BR />Über Lwiw – dort kamen sie für 2 Nächte bei einer Freundin ihrer Tochter Alona unter – ging es nach Polen und von dort nach Wien. „Auch dort kamen wir bei Freunden unter. Sie haben uns mit Kleidung, frischen Handtüchern und etwas Geld ausgestattet“, erzählt Tetiana. Dann ging es weiter nach Villach und über das Pustertal nach Meran. „Hier dürfen wir in der Wohnung der Schwester meines Schwiegersohns bleiben, bis sie aus dem Urlaub zurückkommen. Wie es danach weitergeht, wissen wir nicht“, sagt Tanja und weint. <BR /><BR />Die Sorge um ihren Mann in Mykolajiw lässt sie kaum schlafen. „So 2 Stunden am Stück geht, dann bin ich wieder wach“, sagt sie. Noch funktioniere das Telefonnetz „Kiew Star“ und so telefonieren beide Frauen so oft es geht mit ihren Männern. Alonas Mann muss aber eine Sturmhaube überziehen, wenn Fremde dabei sind, damit er nicht erkennbar ist. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="744107_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />Während Alona gestern Nachmittag mit ihm telefoniert, ist er im Militärkrankenhaus. „Wir haben gerade 70 Verletzte hergebracht“, erzählt er seiner Frau. Sowohl Kiew als auch Tetianas Heimatstadt Mykolajiw in der südlichen Ukraine sind unter Beschuss. „Das Schlimmste sind die russischen FAB-500-Bomben“, sagen die beiden Frauen und zeigen Fotos. Sie zerstörten alles. „In Mykolajiw hat das russische Militär zuerst den Flughafen und die Kaserne zerbombt. Wenn ich anrufe, höre ich immer wieder Bombardements“, sagt Tanja. <BR /><BR />Sie bewohnte mit ihrem Mann ein Haus am Rand von Mykolajiw. „Mein Mann ist eigentlich Berufsfahrer. Ich war 20 Jahre lang Gerichtsbeamte, dann haben wir einen kleinen Lebensmittelladen in unmittelbarer Nähe zu unserem Haus eröffnet. Jetzt sitzt mein Mann allerdings allein zuhause, denn bis auf Brot gibt es nichts mehr zu verkaufen. Denn es kann nichts mehr geliefert werden“, sagt sie. Ihre Schwester wolle Mykolajiw nicht verlassen, weil sie Kühe, Schweine und andere Nutztiere halte. <BR /><BR />Wie geht es dem7-jährigen Rinat, der so jäh aus seinem Alltag gerissen wurde? „Er fragt viel nach seinem Vater und will immer mit ihm telefonieren. Manchmal schreckt er in der Nacht auf. Denn die ersten Bombardements hat er noch selbst mitbekommen“, sagt Rinats Oma und ihr Unterarm ist voller „Gänsrupfer“. Rinat brauche Gleichaltrige, man werde schauen, ob man ihn in der Schule unterbringen kann.<BR /><BR />Und was brauchen die beiden Frauen? „Wir brauchen Arbeit, damit wir abgelenkt werden, mit dem Kopf nicht dauernd in der Ukraine sind. Ich tue alles, zudem bin ich eine gute Schneiderin und Stickerin“, sagt sie und zeigt Fotos ihres Schwiegersohnes und ihres Enkels in ukrainischer Tracht, die sie selbst genäht und bestickt hat. Auch ihre Tochter Alona, ausgebildete Masseurin, hofft eine Arbeit zu finden. Und der größte Wunsch? „Endlich aus diesem Horrorfilm aufzuwachen und zurück nach Hause zu dürfen. Die Ukraine ist so ein schönes Land und man isst so gut“, erzählt Tetiana und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. <BR /><BR />Alle Berichte zum Krieg in der Ukraine finden Sie <a href="https://www.stol.it/tag/Krieg%20in%20der%20Ukraine" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">hier</a>.