Dienstag, 12. April 2016

Wimbledon sucht das Einbrecher-Phantom

Von der literarischen Figur des Robin Hood über die „Pink-Panther“-Juwelenräuberbande bis hin zum 2013 verstorbenen legendären Posträuber Ronald Biggs: Seit jeher regen schlitzohrige Kriminelle die Fantasie der Briten an. Jetzt hat die Fangemeinde einen neuen Star: Der schier unfassbare „Wimbledon Prowler“ führt die Polizei in Londons reichem Südwesten an der Nase herum.

Symbolbild.
Symbolbild. - Foto: © shutterstock

„Prowler“ bedeutet so viel wie Herumtreiber. Aber der Begriff führt in die Irre: Der Gesuchte geht nach Einschätzung der Ermittler äußerst kontrolliert und planvoll vor. Und statt sich „herumzutreiben“, treibt er die Polizei vor sich her.

„Im Königreich reicht keiner an ihn heran“, sagt Ermittler Dan O'Sullivan, weder mit Blick auf den langen Tatzeitraum noch hinsichtlich des Beutewerts. Mehr als 200 Einbrüche binnen einer Dekade soll das Phantom bereits begangen haben.

Fette Beute

Der Gesamtwert seiner Beute beläuft sich laut O'Sullivan auf insgesamt mehr als zehn Millionen Pfund (zwölf Millionen Euro): teuerstes Einzelstück sei eine Rolex Submariner von 1955 im Wert von rund 500.000 Pfund gewesen. Auch die Liste seiner Opfer ist schillernd. Auf ihr finden sich unter anderen Tennislegende Boris Becker und Fußballstar Nicolas Anelka.

Bei keinem der Einbrüche wurden Opfer körperlich beeinträchtigt. „Er kommt und geht, aber bisher gab es niemals Anzeichen von Gewalt“, sagt ein Opfer der Nachrichtenagentur AFP. „Wir denken nicht, dass er lebensbedrohlich ist, es bringt uns nicht um den Schlaf, aber wir hoffen, dass er gefasst wird.“

Polizei tappt im Dunkeln

Das dürfte noch eine Weile dauern, denn die Polizei tappt im Dunkeln und hofft auf Kommissar Zufall. Selbst in Bäumen versteckte Beamte kamen dem Dieb bisher nicht auf die Spur.

„Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit sagt, das man eines Tages einen Fehler macht“, sagt O'Sullivan und räumt ein: „Aber bisher sind wir ihm nie auf die Schliche gekommen, was bedeutet, dass er sehr gut ist. Er ist diszipliniert.“

Auch die Medienberichterstattung und Zeugenaufrufe im März liefen bisher ins Leere. Zwischen September und Anfang dieses Jahres hatte der Unbekannte mit drei bis vier Einbrüchen pro Woche eine besonders dreiste Serie hingelegt.

Täter hinterlässt nie Spuren

Das sei typisch für sein Vorgehen in den vergangenen zehn Jahre, sagt der Ermittler. „20 bis 30 Jobs verteilt über ein paar Monate“ und dann wieder abtauchen, erklärt O'Sullivan. Die Ermittler haben ein Profil erstellt: Demnach handelt es sich vermutlich um einen Mittdreißiger mittlerer Körpergröße, der athletisch, umtriebig, organisiert, diszipliniert und wahrscheinlich auch mit polizeilicher Ermittlungsarbeit vertraut ist.

Es gebe nie Spuren wie etwa Fingerabdrücke. Auch wisse der mutmaßliche Täter über Standorte von Überwachungskameras Bescheid und verberge sein Gesicht hinter seiner Hand. Möglicherweise handle es sich um einen ehemaligen Soldaten, glaubt O'Sullivan angesichts der Selbstbeherrschung und Aufmerksamkeit.

Das Geld und der "Kick"

„Er ist vermutlich einer der zehn Prozent von Einbrechern, die ihre Taten planen“, sagt der ehemalige Polizist Calvin Beckford, der die „Crime Prevention Website“ betreibt, die größte ihrer Art in Europa. „Dieser Typ ist ganz klar sehr vorsichtig, sicherheitsbewusst und er nimmt sich Zeit für Beobachtungen, verringert das Risiko gesehen und entdeckt zu werden.“

O'Sullivan geht davon aus, dass den Täter nicht nur das Geld zur Tat treibt. Möglicherweise sei es auch der „Kick“, der „Nervenkitzel“, der ihn leite. Gerade sei er abgetaucht. „Wir warten auf ihn, bis er wiederkommt, und wenn er wiederkommt, werden wir bereit sein für ihn“, sagt der Kommissar. Denn wie für den Gesuchten sei auch für die Polizei der „Nervenkitzel der Jagd“ motivierend. „Eines Tages werden wir Glück haben.“

apa/afp

stol