<b>In Ihrem Buch haben Sie Geschichten von Migranten erzählt. Wie ist Ihre eigene?</b><BR />Gentiana Minga: Ich bin selber 1997 von Albanien hierher geflüchtet. Das war das Jahr, in dem Albanien infolge des Zusammenbruchs pyramidenförmiger Finanzsysteme, in die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ihre Ersparnisse investiert hatte, in eine schwere wirtschaftliche und soziale Krise stürzte. Auch ich bin übers Meer gekommen, um hier neu anzufangen – in Freiheit. <BR /><BR /><BR /><b>Haben Sie diese Freiheit gefunden?</b><BR />Minga: Ja und Nein. Ich habe als Journalistin in Albanien gearbeitet. Ich bin damals nicht nur geflohen, um frei reden und schreiben zu können, sondern auch für die Freiheit, mein Leben zu gestalten, wie ich es will. Auch diese Freiheit hatten wir in Albanien damals nicht. Meine ersten Jahre hier erschienen mir entsprechend wie das Paradies. Doch je freier man lebt, desto mehr Freiheit will man. Eine absolute Freiheit, das weiß ich jetzt, gibt es aber nicht. <BR /><BR /><BR /><b>Mit welchen Erwartungen haben Sie Ihre Heimat verlassen?</b><BR />Minga: Wir konnten in Albanien italienisches Fernsehen schauen, hatten eine Ahnung von der Kultur des Landes, von den Möglichkeiten. Freie Literatur, freie Presse..., das wollte ich. Aber man neigt dazu, was man nicht hat, zu verklären. Nach so vielen Jahren hier merke ich, dass sich dieses Phänomen in die andere Richtung einstellt. <BR /><BR /><BR /><b>Wie wurden Sie damals als Geflüchtete von der Gesellschaft aufgenommen?</b><BR />Minga: Ich wurde nicht empfangen, ich bin hineingegangen.<BR /><BR /><BR /><b>Und heute?</b><BR />Minga: Ich bin Teil der Südtiroler Gesellschaft, arbeite, habe Freunde, aber dennoch bin ich wie zwischen zwei Stühlen – zwischen zwei Heimaten oder keiner.<BR /><BR /><BR /><b>Geht es den Menschen in Ihrem Buch ebenso – irgendwie auf halbem Weg?</b><BR />Minga: Für die meisten war und ist es viel schwieriger. Einige kommen aus Afrika, ihre Hautfarbe lässt vielleicht auf ihre Migrationsgeschichte schließen. Sie stoßen auf weit mehr Vorurteile als ich. Dennoch haben sie es in den 15 Jahren hier alle geschafft, ihren Weg zu gehen, haben Arbeit und Auskommen. Trotzdem fürchte ich, dass sie sich hier nicht ganz zu Hause fühlen.<BR /><BR /><BR /><i><h3> Buchtipp</h3>Vor rund 15 Jahren sind sie als Geflüchtete nach Südtirol gekommen: Das verbindet die Menschen, deren Geschichten Gentiana Minga im Buch „Auf halbem Weg“ erzählt. Das Buch hat die OEW-Organisation für Eine solidarische Welt herausgegeben. Es ist kostenlos in den Weltläden erhältlich.</i>