<b>Was war das zentrale Thema der Konferenz?</b><BR />Roland Benedikter: Wie wir Zukunft nicht mehr linear, sondern als Pluralität gleichzeitiger Zukünfte verstehen und Zukunftsentwicklungen frühzeitig erkennen und voneinander unterscheiden können, um sie situationsgerecht an den richtigen Stellen für sinnvollen sozialen Gebrauch zusammenzufügen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978571_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was würde zu einem neuen Zukunftsverständnis dazugehören?</b><BR />Benedikter: Die vielen Umbrüche der jüngsten Jahre haben uns Ängste und Hoffnungen gemacht. Jetzt sollten wir uns fragen: Was hoffen wir – wirklich? Wovor fürchten wir uns – wirklich? Am Anfang antworten die meisten von uns eher allgemein. Zum Beispiel mit der Angst vor Kriegen oder der Hoffnung auf Lösung der Klimakrise. Wenn wir aber weiterfragen, können wir unsere eigentlichen Ängste und Hoffnungen entdecken. Diese liegen tiefer, sind oft sehr persönlich und weichen von den üblichen ab, sind uns aber oft selbst gar nicht vollends bewusst. Gemeinsam darüber zu sprechen, kann befreiend sein. Denn über Zukunft zu sprechen, beschreibt nie Menschen allein – sondern immer Menschen in einer Situation, einem Land, einem Wandel.<BR /><BR /><b>Sie sagen, es gibt nicht die eine Zukunft, sondern Zukünfte?</b><BR />Benedikter: In der Tat sollten wir die Illusion der Linearität von Zukunft verlassen. Zukünfte kommen nicht nacheinander oder aufeinander aufbauend, sondern gleichzeitig, interaktiv und in Schüben. So wie ein Mensch schubweise und in verschiedenen Teilen des Körpers unterschiedlich altert, nicht täglich ein bisschen und überall gleich viel. Ein Beispiel aus dem Risikobereich ist, dass wir heute nicht mehr von Mono- oder Global-Krisen, sondern von „Bündelkrisen“ oder „Krisenbündeln“ sprechen. Die Covid-Pandemie zum Beispiel begann als Sektorenkrise im Gesundheitsbereich. Sie wurde aber schnell zu einer Systemkrise: Sie bewirkte in vielen anderen Sektoren wie Wirtschaft und Schule weitere, sehr unterschiedliche Veränderungen. Dadurch entstand letztlich eine „Bündelveränderung“. Es gab Fortschritte und Rückschritte zugleich: in der Work-Life-Balance, in der Bildungssituation. Zukünfte sind also nicht gleich Zukünfte. Und sie folgen nicht einer gemeinsamen Regel. Das zwingt uns, genauer mit ihnen umzugehen. <BR /><BR /><b>Wie?</b><BR />Benedikter: Am besten mit „gesundem Menschenverstand“. Konkret müssen wir Fortschritte besser messen. Dazu meinte beispielsweise in Dubai der Cambridge-Ökonom Matthew Agarwala: Unsere bestehenden Messansätze reichen für die heutige Welt nicht mehr aus. So ist etwa das Bruttosozialprodukt nicht mehr allein der ideale Maßstab für die Bewertung des wirtschaftlichen Erfolgs. Wir müssen zusätzliche Maßstäbe anlegen, um die Lebensqualität, das gesellschaftliche Wohlergehen und die ökologische Nachhaltigkeit zu bestimmen. Und wir müssen Technologiefortschritt noch viel stärker mit Demokratie und Bildung verbinden. Dem Bildungsbereich ist das bewusst.<BR /><BR /><b>Die Gretchenfrage lautet wohl: Wie können wir die künftige „hypertechnologische“ Welt sozialverträglich, grün und human halten?</b><BR />Benedikter: Besonders wichtig dafür werden 3 Schnittstellen. Erstens die Schnittstelle Äußerlichkeit-Innerlichkeit des Menschen. Zweitens die Schnittstelle Nachhaltigkeit-Künstliche Intelligenz. Und drittens die Schnittstelle Technik-Ethik. Schnittstellen klingen kompliziert, sind aber Orte der Produktivität.<BR /><BR /><b>Die erste Schnittstelle: die zwischen Äußerlichkeit und Innerlichkeit des Menschen?</b><BR />Benedikter: Dazu gibt es seit Kurzem die globale Initiative der 5 „Inneren Entwicklungsziele“. So sollen die 17 äußeren Nachhaltigkeitsziele im innermenschlichen Entwicklungsbereich ergänzen – mittels eines besseren Verhältnisses des Einzelnen zu sich selbst und zu anderen. Hier soll, über Kulturen, Religionen und Sprachen hinweg, eine gemeinsame Kultivierung der Menschlichkeit vorangetrieben werden.<BR /><b><BR />Die zweite Schnittstelle: Kann KI das Klima retten? </b><BR />Benedikter: Seit 2022 gibt es dazu die globale Initiative „Künstliche Intelligenz für den Planeten“. Sie will genau das bewerkstelligen: Künstliche Intelligenz zur Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele einsetzen. Dazu wirken Staaten, NGOs, Private mit OECD, UNESCO und Vereinte Nationen zusammen. Das macht Mut, dass Technologie Gutes für die Zukunft der ganzen Menschheit bewirken kann.<BR /><BR /><b>... und schließlich die zwischen Technologie und Ethik...</b><BR />Benedikter: Dazu gibt es seit 2021 die „UNESCO Empfehlungen zur Ethik der Künstlichen Intelligenz“. Das ist die erste von 190 Ländern gemeinsam verfasste Zukunftstechnologie-Ethik. Weitere werden folgen. Wir befinden uns in einer großen Zukunftsethik-Offensive.<BR /><BR /><b>Genügen diese Schnittstellen, damit Zukunft human bleibt?</b><BR />Benedikter: Das hängt von uns ab. Wir sollten dazu auf jeden Fall die Jugend besser als bisher einbeziehen, denn einen großen Teil der Zukunft wird sie ausfüllen. Dazu geschieht Gott sei Dank vieles. In Dubai wurde dazu erstmals das UNICEF Youth Foresight Playbook vorgestellt, das gratis heruntergeladen werden kann. Es soll Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, an der Entstehung von Zukünften mitzuarbeiten. Dazu gehören auch Initiativen wie das UNESCO Intergenerational Equity Toolkit für mehr Zukunftsgerechtigkeit zwischen den Generationen. Das ist der richtige Weg.<BR /><BR /><b>Wir müssen Zukunft also bewusster angehen – und wissenschaftlicher organisieren?</b><BR />Benedikter: Es ist wichtig, dass wir jetzt eine Zukunftswissenschaft verankern. Zukunftsdenken hatte bisher – oft zu Recht – einen zweifelhaften Ruf und wurde mit Science Fiction verwechselt. Nun, da die Zukunft praktisch jeden Tag schneller eintritt und also immer wichtiger wird, sollte sich das weiterentwickeln. <BR /><BR /><b>Vieles an Zukunft klingt heute sehr dringlich...</b><BR />Benedikter: „Die Zukunft“ wird tatsächlich oft viel zu ernst genommen. Dadurch entsteht Verkrampfung. Wir sollten einerseits wissenschaftlicher, andererseits aber auch spielerischer an das Thema herangehen. Ernste Themen gemeinsam durchzuspielen, kann helfen, die Beschäftigung damit zu Genuss und Unterhaltung zu machen. Ein Spiel ist zum Beispiel UNESCOs „Das Ding aus der Zukunft“, das man gratis herunterladen und auch gut zu Hause mit Freunden spielen kann. Ein anderes das „BioEcoJust Game“, ein Spiel um Naturgerechtigkeit, das derzeit vom Europäischen Zukunftsnetzwerk FNE entwickelt wird. Spielen tut gut, wenn es um Zukunft geht. <BR /><BR /><b>Klingt nach Gemeinschaftlichkeit. Doch was bringt die Zukunft an neuen Konflikten?</b><BR />Benedikter: Manche werden Zukunft weiterhin mit Vergangenheit verwechseln. Der Stanford-Zukunftsexperte Paul Saffo hat das in Dubai so zusammengefasst: „Die eine Hälfte der Welt rauscht in Richtung Zukunft, die andere Hälfte in Richtung Vergangenheit. Beide haben dafür Argumente und Waffen“. Und: Beide halten ihre Richtung für „die“ Zukunft. Die Antwort: Wir brauchen mehr „Zukunftsdiplomatie“ – ein Feld, das heute aufblüht. Ein lohnender Job für die Jugend der kommenden Jahre! <BR /><BR /><b>Wo liegt denn nun die Zukunft der Zukunft?</b><BR />Benedikter: In unserem Gemeinschaftssinn für sie. Äußerlich mit einem deutlichen Schwerpunkt im Technologiebereich. Von ihm strahlt vieles aus, und in ihm läuft vieles zusammen. Die neu entstehenden Technik-Mensch-Ökosysteme werden neue Lebens-, Alltags- und Verständnisformen hervorbringen. Deshalb sind Jugend und Entscheidungsträger gut beraten, sich mit Zukünften in Kontakt zu halten – und Meinung zu bilden. Am Center for Advanced Studies von Eurac Research in Bozen wollen wir dabei helfen.