Montag, 21. September 2015

Wir sind Patchworkfamilie: Wie kann das funktionieren?

Immer öfter zerbricht auch in Südtirol die "heile Welt" der einen Familie. Was dann kommt, ist oft schwierig. Auch, wenn nach Trennung und Alleinerziehung wieder ein neuer Partner ins Leben tritt. Doch wie umgehen mit der Situation? Wie Patchworkfamilie sein? "Nichts überstürzen und - sich und den Kindern nichts vormachen", rät Psychologin Edith Schmuck auf Anfrage von STOL.

Psychologin Edith Schmuck gibt Patchworkfamilien Tipps.
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Psychologin Edith Schmuck gibt Patchworkfamilien Tipps. - Foto: © STOL

Patchwork kommt aus dem Englischen und steht für Flick- oder Stückwerk. Und genau so ein Familienstückwerk kommt zustande, wenn sich alleinerziehende Mütter und Väter einen neuen Partner suchen. Im Deutschen spricht man auch von Stieffamilie. Auch in Südtirol ist das Familienmodell zunehmend aktuell. Doch die Herausforderungen für diese "neuen, zusammengeflickten Familien" sind groß. STOL hat nachgefragt. 

Südtirol Online: Auch in Südtirol steigt die Anzahl der Alleinerziehenden, Getrennten und Geschiedenen laut ASTAT stetig. Daraus resultieren immer mehr Patchworkfamilien. Wie alltäglich ist die Familienform wirklich?

Psychologin Edith Schmuck: Sehr alltäglich. Je höher die Trennungsraten, desto mehr Patchworkfamilien kommen zustande. Kaum jemand will heute länger allein bleiben. In der Regel sind Mütter bzw. Väter bis zu fünf Jahre alleinerziehend, bis sie eine neue Beziehung eingehen. 

STOL: Mit welchen Unsicherheiten und Zweifeln sind Patchworkfamilien allein zum Auftakt konfrontiert?

Schmuck: Die größte Schwierigkeit ist eine unverarbeitete Trennung. Wer nicht hinter sich aufgeräumt hat, bringt alte Probleme mit in die neue Beziehung. Damit sinken die Chancen, dass es funktioniert. Je früher und besser jemand die Trennung verarbeitet hat, um so leichter fällt es auch den Kindern, den neuen Partner zu akzeptieren. 

Ein großes Problem ist, wenn Kinder nach einer Trennung zum Vertrauten und Tröster, bzw. zum Partnerersatz werden. Das passiert bei Einzelkindern häufig, mit denen sich die Alleinerziehenden in eine Art Symbiose gegen die böse Welt da draußen verbinden. Das ist ein äußerst ungesundes Verhältnis und kann schwerwiegende Folgen für die Bindungsfähigkeit des Kindes nicht nur zum neuen Partner mit sich bringen.

STOL: Thema Kinder. Was ist, wenn diese den neuen Partner nicht annehmen. Partner oder Kinder - wer geht vor?

Schmuck: Das Kind geht immer vor. Aber Kinder werden sehr oft auch vorgeschoben. Sie spiegeln zumeist wieder, was die Eltern verankert haben. Wenn Eltern mit der Trennung sauber abgeschlossen haben, dann lässt sich das auch Kindern offen vermitteln: "Es hat mit uns nicht funktioniert. Es ist besser so. Aber wir lieben dich und sind weiter für dich da." In zweiter Instanz kann dann auch gesagt werden, "ich habe ein Recht auf ein weiteres, glückliches Leben". Nicht gut ist es natürlich, wenn Eltern die Kinder durch das Verletzt-Sein gegen die andere Partei aufhetzen. 

STOL: Welchen Stellenwert kann/muss der alte Partner einnehmen?

Schmucke: Er MUSS eine entscheidende Rolle im Leben des Kindes auch weiterhin einnehmen. Das Kind muss die Möglichkeit haben, den Kontakt zum abwesenden Elternteil zu pflegen. Das führt weniger zu Schwierigkeiten. Wenn der neue Partner zum Vaterersatz wird, dann kann es nur schief gehen. 

STOL: Welchen Rolle soll also der neue Partner in der Beziehung zu den Kindern einnehmen?

Schmuck: Er kann den Part eines Freundes der Familie einnehmen, nicht aber die soziale Vaterrolle. Was nicht heißt, dass er nicht zu einer ganz wichtigen Bezugsperson werden kann. Das Kind kann den neuen Partner etwa wie einen Onkel sehen, sollte aber nicht Papa zu ihm sagen. Letzteres entspringt meist der Idee der Mutter. Kinder kommen nicht von alleine drauf.

Spätestens im Jugendalter wird dies in Frage gestellt - und dann kommt der Vorwurf, man hätte ihnen etwas vorgemacht, sie belogen. 

STOL: Patchwork hat auch positive Effekte, sagen Sie. Welche?

Schmuck: Einerseits ist es eine Chance, um - wie gesagt - eine ungesunde Symbiose aufzulösen, wenn ein Kind auf eine Person zu sehr fokussiert ist. Dann erhalten etwa Einzelkinder weitere Bezugspersonen, neue Geschwister, neue Großeltern. Damit kann das Gefühl "allein zu sein" einem Gefühl "geborgen zu sein" weichen. 

STOL: Welche Grundvoraussetzungen müssen stimmen, damit eine Patchworkfamilie funktionieren kann?

Schmuck: Jeder Teil muss sich bewusst und der eigenen Bindung sicher sein. Jeder ist für seine Kinder selbst verantwortlich und zuständig. Beide Teile müssen auf eigenen Beinen stehen - am besten finanziell und emotional. 

STOL: Wie können zwei Familien dann konkret zusammenfinden?

Schmuck: Vor allem langsam. Dabei sollte etwa ein Zusammenziehen in weiter Ferne liegen. Viele machen den Fehler, dass sie schnell alles zusammenpacken möchten, um heile Familie zu spielen. Aber wenn zwei Familienkulturen aufeinander treffen, ist es wichtig, der daraus entstehenden Patchworkfamilie Zeit zum „Zusammenzuwachsen“ zu geben. Das geht auch mit zwei verschiedenen Wohnungen. 

Und sollte man dann wirklich zusammenwohnen wollen, so soll nicht einer zum anderen ziehen. Dabei ist immer einer der Chef und der andere der Gast. Daher sollte der neuen Familie die Möglichkeit gegeben werden, zusammen neu anzufangen - in einer neuen Wohnung. 

STOL: In welchem Kindsalter ist eine neue Familie aufzubauen am schwierigsten? 

Schmuck: Im Jugendalter, wenn die Kinder 12 bis 16 Jahre alt sind, ist es am schwierigsten. Kleine Kinder nehmen meist an, was ist. Daher müssen klare Verhältnisse geschaffen werden. Auch durch die Aussage: "Ich bin da. Du bist in einigen Jahren außer Haus - und ich habe ein Recht auf eine Beziehung."

STOL: Nicht nur emotional, auch rechtlich haben es Patchwork-Familien nicht einfach …

Rechtsanwalt Christoph Vescoli: Neben der persönlichen Ebene liegen auch auf der rechtlichen Ebene einige Hindernisse, denn „De-facto Familien“ bzw. Lebensgemeinschaften sind in Italien gesetzlich nicht verankert.

Es gibt erst seit einigen Jahren in gewissen Bereichen (Mietrecht, …) Ansätze in der Rechtsprechung diese gelebten Realitäten zu berücksichtigen. Eine soziale Elternschaft hat keinen rechtlichen Status und somit müssen Selbstverständlichkeiten einer traditionellen Familie durch „Hilfskonstruktionen“ so weit möglich kompensiert werden. Zur Sicherstellung des Informationsrechtes (z.B. in der Schule oder im Krankenhaus) ist es z.B. hilfreich eine Vollmacht bzw. Ermächtigung des neuen Lebenspartners und/oder des leiblichen Elternteils vorweisen zu können.

Interview: ker

Patchworkfamilie: Wie geht das?

Die Südtiroler Plattform für Alleinerziehende und der Verein „väter aktiv“ bieten im Herbst wieder Vortragsabenden (jeweils ab 20 Uhr) zum Thema „Patchworkfamilie“ an - unter besonderer Berücksichtigung der rechtlichen und psychologischen Seite:

  • am 23.09.2015 im KVW, Streunturmgasse 5 in  Sterzing
  • am 07.10.2015 im Dorfhaus, Dorfstr. 6, St. Martin/Passeier
  • am 28.10.2015 in der Bezirksgemeinschaft, Hauptstraße 134 in Schlanders
  • am 25.11.2015 im Pfarrsaal, Widumdurchgang 1 in Neumarkt

stol

stol