Montag, 18. Mai 2015

„Wir werden nicht mit Asylansuchenden überschwemmt“

Rund 120 Migranten stranden Tag für Tag am Bozner Bahnhof. Gegen ihren Willen. „Die wollen weiterreisen, weiterreisen, weiterreisen“, sagt Martha Stocker. Durch mehr Absprache unter den Einsatzkräften sollen diese Personen besser versorgt werden. Bis sie wieder aufbrechen. „Spätestens beim dritten Versuch schaffen sie die Flucht über die Grenze“, sagt Luca Critelli, Direktor der Abteilung Soziales. Mit dem Zug, dem Auto, zu Fuß.

Flüchtlinge am Bozner Bahnhof - Foto: DLife
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Flüchtlinge am Bozner Bahnhof - Foto: DLife

Gekommen, um zu bleiben oder unwillentlich in Südtirol aus dem Zug gezerrt: „Bei den Flüchtlingen muss unterschieden werden“, sagt Soziallandesrätin Martha Stocker.

Denn eine Gruppe wolle bleiben: Die Personen stellen Asylantrag in Italien und werden Südtirol laut nationalem Verteilungsschlüssel zugewiesen. Derzeit zählt Südtirol 472 Asylbeantragende, die es in Flüchtlingszentren wie der Ex-Gorio-Kaserne und dem Ex-Hotel „Alpi“ in Bozen unterzubringen versucht. „Wir werden nicht mit Asylsuchenden überschwemmt“, stellt die Landesrätin klar. „Das Bundesland Tirol nimmt 3000 Migranten auf.“

Die andere Gruppe strande gegen ihren Willen in Südtirol: „Die Menschen, die am Bozner Bahnhof ankommen, haben nichts anderes im Sinn, als weiterreisen, weiterreisen, weiterreisen“, betont Stocker. Doch: Die Personen müssen laut Dublin-Verordnung in dem Staat um Asyl bitten, in dem sie den EU-Raum erstmals betreten haben. Für viele ist das Italien. Eine Reise nach Österreich, Deutschland oder in die nordischen Länder wird in Südtirol jäh gestoppt. Die Personen dürfen Italien nicht verlassen. Ein gültiger Fahrschein hilft da wenig.

Protokoll und Runder Tisch sollen helfen

Das Ergebnis: bizarre Szenen am Bahnhof Bozen. Flüchtlinge, die „ruhig und ungefährlich sind“ (Zitat Luca Critelli, Direktor der Abteilung Soziales), aber eigentlich nicht hier sein wollen. Und Südtiroler, die die Flüchtlinge wiederum eigentlich nicht hier haben wollen. Armin Mutschlechner spricht von einer „Neidgesellschaft“: „Die Südtiroler fürchten, die Flüchtlinge nehmen uns etwas weg.“

Mutschlechner gehört zu jener Gruppe von freiwilligen Bürgern, die sich der Flüchtlingshilfe am Bozner Bahnhof verschrieben haben. „Wir sind eingeschritten, weil das Land zu spät aktiv geworden ist“, sagt Kollegin Verena Hafner. In der Zwischenzeit gebe es zwar immer noch großes Verbesserungspotenzial, aber es habe sich einiges getan. Rund ein Dutzend Helfer – Personen im Auftrag des Landes genauso wie Private – sind am Bahnhof Tag für Tag im Einsatz.

Und: Gemeinsam mit dem Land, dem Roten Kreuz, dem Verein Volontarius, der Caritas und dem Zivilschutz unterzeichneten die Freiwilligen vor kurzem ein Einvernehmensprotokoll, ein Runder Tisch wurde eingerichtet: Wer ist wann am Bahnhof im Einsatz? Wer ist für was zuständig? Wo gibt es noch Mängel? Fragen der Verantwortung sollen damit geklärt und die Akuthilfe am Bozner Bahnhof aufgebessert werden.

Was passiert nach der Erstversorgung?

„Die Dienstleistungen sind nicht immer einfach“, sagt Landesrätin Stocker. Sie persönlich sei deshalb für jede Hilfe dankbar. „Das ist ein Zeichen des Engagements der Zivilgesellschaft, die Südtirol auszeichnet“, meint sie. Stellt aber gleichzeitig klar, dass die öffentliche Hand auch alleine zurechtkomme – zumindest finanziell: „Das Land zahlt alle nötigen Mittel.“

Aber was passiert mit den Flüchtlingen nach der Erstversorgung am Bahnhof? Stockers Abteilungsleiter, Luca Critelli, sagt im Gespräch mit STOL: „Die bleiben nicht hier. Spätestens beim dritten Versuch schaffen sie die Flucht über die Grenze.“

Wo entstehen weitere Flüchtlingszentren?

Was die Unterkünfte für die 472 Asylsuchenden, also die erste Gruppe an Flüchtlingen anbelangt, so kommt der Staat für die Unterkunftskosten auf. Neues zu weiteren Flüchtlingszentren im Land verrät Stocker nicht. „Noch immer prüfen wir eine Aufteilung der Menschen auf ganz Südtirol“, sagt sie. Konkretes werde man kommende Woche präsentieren.

 stol

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