Was um Himmels willen tun sie hier eigentlich? Sarah Streblow erinnert sich an das Gefühl, das diese Frage umhüllt. Es war wieder einmal einer der Abende, an denen sie mit ihrem Mann Andreas Zorzi Durst im Wohnzimmer saß. Er hielt eine Spritze in der Hand, kniff mit der anderen in ihren unteren Bauch und pikste. Die Hormone schossen in ihren Körper. Sie sollen bewirken, dass Sarahs Eizellen reifen und im Krankenhaus für die künstliche Befruchtung entnommen werden können. Die junge Frau spürte den Schmerz, aber auch die Verzweiflung: „Wir wollen doch nur ein Kind. Andere Leute haben einfach Sex.“ Warum muss gerade sie so dafür kämpfen, Glück unter ihrem Herzen zu spüren?<BR /><BR />Die Liebe zu Kindern prägt Sarah, die in Peine in Niedersachsen aufgewachsen ist, seit sie denken kann. Schon früh passte sie auf Kleinere auf, wollte später Kindergartenbetreuerin werden. „Für mich war immer klar, dass ich irgendwann selbst zwei Kinder haben möchte. In meinen Vorstellungen hießen sie immer Florian und Christoph“, muss Sarah selbst ein wenig schmunzeln, auch wenn ihr oft nicht zum Lachen zumute ist. Die Realität hat ihre Ansprüche längst herabgeschraubt. Obwohl der Babywunsch groß ist, blieb ihr das viel zitierte „Mutterglück“ und dem Paar das Elternsein bisher verwehrt. Ohne wissentlichen Grund. <h3>Umzug, Hochzeit und dann eine Familie </h3>Kennengelernt vor zehn Jahren im Südtirol-Urlaub, zog die Niedersächsin bereits nach drei Monaten Beziehung zu ihrem selbstständigen Tischler und Après-Ski-Barbetreiber nach Pairdorf bei Brixen. 2017 wurde geheiratet. Und mit der Ehe kam auch der Wunsch nach einer Familie auf, erzählt Sarah, die als Schulungsreferentin und Coach im Bereich Persönlichkeitsentwicklung arbeitet. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="980383_image" /></div> <BR />Ein Jahr lang folgte fortan ein monatliches Hoffen, ehe sich das Paar 2018 etwas ernüchtert an die Kinderwunsch-Abteilung eines lokalen Krankenhauses wandte. Sie wollten sich mal medizinisch durchchecken lassen, erzählen die beiden – mit dem guten wie auch enttäuschenden Ergebnis, dass bei der damals 29-Jährigen wie auch ihrem 39-jährigen Mann eigentlich alles in Ordnung war. „Einzig meine Schilddrüse könne man besser einstellen, riet man mir. Zu dem Zeitpunkt nahm ich das aber eher locker und tat dahingehend auch nichts. Wir dachten, wir sind gesund, es muss ja klappen“, erinnert sich Sarah zurück. <BR /><BR />Ohne viel Druck, genossen sie also weiterhin ihre Zweisamkeit und hielten an ihrem Traum fest. Während auf WhatsApp aber immer mehr Kinderfotos die Profilbilder schmückten, passierte bei Sarah und Andreas nichts. Vier Jahre lang. <h3>Vom Mutterwunsch zur „Befruchtungsmaschine“</h3>2022 wurde das Paar erneut in der Kinderwunschklinik vorstellig. „Man sagte uns dasselbe wie beim ersten Termin, aber wir waren wohl gereift, hatten vielleicht auch mehr Druck und nahmen das Problem mit der Schilddrüse anders wahr“, erinnert sich Sarah, die auf ihrer Prioritäten-Liste den Babywunsch mittlerweile nach ganz oben gesetzt hatte.<BR /><BR />Rasch wurde die Schilddrüse also medikamentös eingestellt und bereits kurze Zeit später startete der erste Versuch einer Insemination. Dabei wird Spermium vom Mann aufbereitet und – nach einem künstlich ausgelösten Eisprung – per Katheter eingeführt. <BR /><BR />Zwei Eingriffe im Jahr 2022 und im Frühjahr 2023 ließ das Paar machen. Aber erfolglos. Also entschied man sich im Sommer für eine In-Vitro-Fertilisation (IVF). Hier findet die Befruchtung nicht im Körper der Frau statt, sondern „künstlich“ im Labor. <BR /><BR />Täglich musste sich Sarah Hormone spritzen – doch trotz Stimulation reiften zu wenig Eizellen für eine IVF heran. Man entschied sich also erneut für eine Insemination. Und tatsächlich. Kurz darauf leuchtete der Schwangerschaftstest positiv auf. Sarah konnte ihr Glück kaum fassen. „Euphorisch habe ich meinem Mann gesagt, dass er Vater wird. Es war das Schlimmste, was ich ihm antun konnte“, erzählt die 34-Jährige im Nachhinein. Denn sie hatte den Test viel zu früh durchgeführt, die Hormonstimulation das Ergebnis verfälscht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="980386_image" /></div> <BR /><BR />„Das war ein Schlag ins Gesicht und warf mich und meine Motivation weit zurück“, erinnert sich Sarah. Warum konnte sie ihrem Mann kein Kind schenken? Weshalb zog sie ständig Klappkarten mit Babyfotos aus dem Briefkasten aber in ihrem „Ultraschall-TV“ bewegte sich nie was?<BR /><BR />„Nicht falsch verstehen, ich freue mich unheimlich für andere. Doch es triggert schon, wenn man dann Sprüche hört wie: Macht euch keinen Druck, wenn ihr es genug wollt, funktioniert das schon“, erzählt die Wahl-Brixnerin, die in ihrem Umfeld und gerade vom Freundeskreis aber auch viel Verständnis und Unterstützung erfährt. Das mache Mut und spende Hoffnung, erzählen die beiden. <BR /><BR />Denn auch für die Partnerschaft sei der Kinderwunsch kein „Kindergeburtstag“. „Mit Romantik hat diese Zeit nichts zu tun“, verrät Sarah trocken: Gefühlsschwankungen durch Hormone, Müdigkeit und ein Blähbauch, der wenig attraktiv mache, Geschlechtsverkehr, wenn der Smiley am Ovulationstest blinke und dann die stetige Frage nach dem Warum. Das mache mürbe.<h3>Offener Umgang erleichtert die belastende Situation</h3>Wirft man einen Blick in die Wissenschaft, liest man, dass ein unerfüllter Kinderwunsch so existenziell sein könne wie der Tod einer geliebten Person oder eine schwere Krankheit. Wohin also mit den ganzen Gefühlen? Sarah sagt, sie könne dank ihres Berufs als Coach gut mit solchen Krisen umgehen. Sport, Aufenthalte in der Natur oder ein Spaziergang mit Mischlingshund Lino (2) – kein Kinderersatz, aber ihr Baby, wie sie erklärt – helfen ihr dabei. Oder offen darüber zu reden. Und das tut sie regelmäßig – in ihrem Podcast „Not a Coach-Potato“ aber auch auf ihrem Instagram-Account (ihr Video „Unerfüllter Kinderwunsch“ hatte 170.000 Aufrufe).<BR /><BR />„Die Rückmeldungen zeigen, wie wichtig das Thema ist und wie viele es doch betrifft. Gerade in Südtirol schämen sich Paare, wenn es nicht funktioniert“, glauben Sarah und Andreas, die wissen wie es sich anfühlt, wenn es kein Happy End gibt. Seit sie jedoch über dieses „Tabu-Thema“ offen sprechen, sei die Belastung einer gewissen Erleichterung gewichen und so halten beide weiterhin an ihrem Wunschkind fest. Auch wenn das Paar dafür tief in die Tasche greifen muss. <BR /><BR />Das Ehepaar hat sich im Herbst nämlich an eine private Kinderwunschklinik in Südtirol gewandt. Erstgespräch, Untersuchungen und Eingriff mit Medikamenten kosten eine ordentliche Stange Geld. „Wir sparen momentan an zig Enden, weil wir einfach ein gutes Gefühl haben, dass es diesmal klappt und wir uns bei dem Arzt sehr wohl fühlen“, ist Sarah zuversichtlich. <h3>Nächster Anlauf mit Giraffe im Gepäck</h3>Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) heißt die Behandlung, auf die das Paar diesmal setzt. Die Befruchtungsmethode unterscheidet sich von einer IVF lediglich darin, dass eine Gruppe von Spermien die Eizelle nicht direkt befruchten. Jedes einzelne Spermium wird mit einer sehr feinen Glaspipette direkt in die Eizelle injiziert. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="980389_image" /></div> <BR /><BR />Obschon der erste Versuch im November negativ ausfiel, hat das Paar die Hoffnung noch nicht verloren. „In der Regel braucht es sechs Embryonen, bis die Gebärmutter diese nicht mehr als Fremdkörper wahrnimmt, kann man in Statistiken lesen“, schildert Sarah. Zudem erhöhe sich die Erfolgsquote nach drei Behandlungen auf 61,5 Prozent. Das stimme zuversichtlich. <BR /><BR />„Im Grunde haben wir bis heute ja keine Rückschritte, sondern nur Fortschritte gemacht – und die Ärzte geben uns viel Hoffnung, das ist wichtig für die Gefühlslage.“<BR /><BR />Aber wie wandelt sich die Idee von Glück im Leben, wenn der tiefste Herzenswunsch nicht eintritt? „Dann kaufe ich mir noch zwei Hunde und drei Esel“, sagt Sarah mit einem Lachen.<BR /><BR />Auch an Adoption habe sie bereits gedacht. „Andreas aber hat mich ganz schnell von diesem Gedanken abgebracht und gemeint: ‚Hey, soweit sind wir noch nicht‘. Er ist immer sehr positiv eingestellt und hat im Grunde recht. Wir gehören noch nicht zu den ärgsten Fällen.“ Früher sagte man über Schwangere gerne, sie seien guter Hoffnung. Gute Hoffnung sei aber auch schon davor wichtig, weiß Sarah heute und streichelt über die lächelnde Giraffe der kleinen weißen Strampelhose auf ihrem Schoß. <BR /><BR />Die junge Frau hat sie sich nach der dritten erfolglosen Insemination gekauft. Seitdem liegt der Strampler unter ihrem Kopfkissen – gewissermaßen als Glücksbringer, damit die vielen schlaflosen Nächte hoffentlich bald einen schöneren Grund haben werden.<BR /><BR />