<b>Von Tobias Käufer</b><BR /><BR />Inzwischen heißt das markante Denkmal im Herzen der mexikanischen Metropole Guadalajara im Volksmund „Glorieta de las y los Desaparecidos“ (Kreisverkehr für die Verschwundenen). Inmitten der Anlage haben Aktivisten Hunderte Plakate, Fotos und Banner angebracht. Zu lesen ist darauf immer das Gleiche: „Verschwunden – Jonathan Alejandro“, zum Beispiel. Dazu Foto und Datum, wann der oder die Vermisste das letzte Mal gesehen wurde. Rund 16.000 Menschen werden allein im Bundesstaat Jalisco vermisst, dessen Hauptstadt Guadalajara ist. Landesweit sind es mehr als 133.000 Menschen.<BR /><BR />Bislang war das vor allem ein mexikanisches Thema. Aber seit einem Gewaltausbruch nach Festnahme und Tod von Drogenboss „El Mencho“ vor einigen Monaten schaut auch der Rest der Welt hin. Nemesio Oseguera Cervantes, wie „El Mencho“ mit bürgerlichem Namen hieß, war Kopf des gefürchteten Jalisco-Kartells. Ihm werden schwerste Menschenrechtsverletzungen zur Last gelegt. Die organisierte Kriminalität ist verantwortlich für Tausende Morde – und Tausende verschwundene Menschen. Wer ins Visier der Mafia gerät und nicht kooperiert, muss mit schlimmsten Konsequenzen rechnen.<h3> Fußball auf Gräbern</h3>Am 12. Juni rollt nun der Fußball in Guadalajaras Stadion Akron. Südkorea trifft dann auf Tschechien. Gastgeber Mexiko spielt hier, auch Europameister Spanien ist im Laufe des Turniers zu Gast. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte nach den Unruhen im Februar mit brennenden Bussen und Supermärkten zu beruhigen versucht: „Ich möchte allen nationalen und internationalen Touristen sagen, dass sie nach Mexiko kommen können, dass die Weltmeisterschaft ein großes Fest werden wird und dass wir sie immer mit offenen Armen erwarten.“<BR /><BR />Die Menschenrechtsorganisation CEPAD kümmert sich derweil um jene, die unter der Gewalt der organisierten Kriminalität besonders leiden. Sie unterstützt die „Colectivos“ von Familien und Freiwilligen, die nach den Tausenden Vermissten suchen. Immer wieder kommt es zu Attentaten gegen engagierte Helfer, die zu viele unangenehme Fragen stellen. Dabei spielt das WM-Stadion eine makabre Rolle. <BR /><BR />Mehr als 500 Leichen oder Leichenteile wurden bereits in der Umgebung ausgegraben. Das Areal war früher ein eher einsames, abgelegenes Naturschutzgebiet. „Die Täter haben ausgenutzt, dass die Gegend unbewohnt war, um die Leichen zu verstecken“, sagt CEPAD-Aktivist Jonathan Ávila. Das abgelegene Areal soll Folterhäuser beherbergt haben – die Schreie der Opfer verhallten damals im Nichts. Anschließend wurden die Leichen in der Nähe vergraben. <h3> Ethische Bedenken</h3>CEPAD-Co-Direktorin Denisse Montiel Flores berichtet: „Jalisco hat sich in den letzten Jahren auch auf nationaler Ebene als der Bundesstaat mit der höchsten Zahl an Vermissten hervorgetan.“ Und dies sei nur eine Dunkelziffer, da viele Familien keine Anzeige erstatten würden. „Aus Angst vor Repressalien und weil es kein Vertrauen in die mit der Ermittlung oder Suche beauftragten Institutionen gibt.“<BR /><BR />Ávila und Montiel Flores sehen der WM mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits lenkt das Großevent das Interesse auf ihre Arbeit, was den Druck auf die Behörden erhöht und das Schicksal der Opfer sichtbar macht. Andererseits gibt es ethische Bedenken, dort zu spielen, wo früher gemordet, gefoltert und Leichen verscharrt wurden. Die NGO-Vertreter hoffen, dass sie durch den öffentlichen Druck mehr erreichen können. Zurzeit fühlen sich die Angehörigen der Vermissten weitgehend im Stich gelassen.<h3>„Nichts zu feiern“</h3>Immerhin berichten jetzt internationale Medien über die Situation. Wie zuletzt, als in der mexikanischen Hauptstadt Tausende Menschen auf die Straße gingen, um gegen Gewalt und Straflosigkeit nach Menschenrechtsverletzungen zu protestieren. Besonders präsent waren am Muttertag Gruppen von Müttern verschwundener Personen. Sie forderten die WM-Fans auf, sich den Protesten anzuschließen. Denn:<BR />Für Angehörige der Tausenden Vermissten in Mexiko gebe es nichts zu feiern.