„Boolkhent in de hòoghe Vüüronghe dar Siben Komòine“ steht auf dem Schild nahe der „Osteria all’Antico Termine“. Das Gasthaus liegt zwischen Trient und Vicenza, mitten in den Bergen. Wie sein italienischer Name besagt, steht das Lokal an einer Grenze. Heute endet dort die Region Trentino-Südtirol und das Veneto beginnt, bis zum Ersten Weltkrieg war sie die Staatsgrenze zwischen dem österreichischen Tirol und dem Königreich Italien, und ein gutes Jahrhundert zuvor stießen dort das Habsburgerreich und Venedig aufeinander. <BR /><BR />Die zungenbrecherisch anmutenden Worte auf dem Schild gehören zu einer deutschen Mundart und begrüßen den Besucher im Land der Zimbern, auf würdevolle Weise und voller historischer Patina: „Willkommen in der hohen Regentschaft der Sieben Gemeinden“.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311375_image" /></div> <BR /><BR />Warum aber gibt es diese Mundart in jener Gegend? Das Gebiet zwischen Etsch und Brenta bis knapp vor die Tore Veronas wurde seit dem 11. Jahrhundert von Menschen aus dem Dreiländereck Bayern, Schwaben und Tirol besiedelt. Von ihren einst viel zahlreicheren Siedlungen sind heute nur noch die Sieben Gemeinden, Lusérn und die 13 Gemeinden in den Lessinischen Bergen nördlich von Verona übrig. <BR /><BR />In den Sieben Gemeinden mit ihrem Hauptort Asiago (zimbrisch Sleghe) entstand eine Art Bauernrepublik, die weitreichende Autonomie gegenüber wechselnden Herren erlangte, zuletzt war dies Venedig. Ihre Wirtschaft basierte auf Holz und -kohle (vom Begriff Zimmermann dürfte das Wort „Zimbern“ kommen), auf der Rinder- und der Schafzucht. <BR /><BR />Als die ursprüngliche „Reggenza“ 1809 – in der napoleonischen Zeit – aufgelöst wurde, hatte der Niedergang der Sieben Gemeinden bereits begonnen. Seit vielen Jahrzehnten geht die Einwohnerzahl durch Auswanderung zurück, aber noch viel rascher ging es mit den Sprechern der althergebrachten Mundart bergab. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten zwei der Sieben Gemeinden die überlieferte Sprache abgelegt. Sprecher, die die Mundart noch von ihren Eltern gelernt hatten, gab es zuletzt nur mehr in zwei der Sieben Gemeinden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311378_image" /></div> <BR /><BR />Dies muss nicht zwangsläufig das Aussterben der zimbrischen Sprache bedeuten. Es gibt eine ganze Anzahl von Zimbern, die sich dem entgegenstemmen. Zu ihnen gehört Giancarlo Bortoli. Er ist Präsident des 1973 gegründeten Zimbrischen Kulturinstituts in Roana. „Das Institut leistet vielfältige Tätigkeiten“, erläutert Bortoli. <BR /><BR />An Sitz des Instituts, im „Haus dar zimbrischen Bizzekhot Robaan“ (Haus des zimbrischen Wissens), gibt es ein kleines Museum mit Alltagsgegenständen aus Landwirtschaft, Handwerk und Haushalt, die in zimbrischer und italienischer Sprache gekennzeichnet sind. <BR />Das Institut gibt die Zeitschrift „Quaderni di Cultura Cimbra“ heraus und publiziert zahllose historische Studien, Bände mit Poesie, Bilderbücher und Bücher mit zimbrischen Fabeln für die Jüngeren, und erst unlängst sind eine Grammatik und ein umfangreiches Wörterbuch des Zimbrischen der Sieben Gemeinden erschienen. Das „Bóartpuuch“ (Wörterbuch) kann online konsultiert werden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311381_image" /></div> <BR /><BR />Diese Veröffentlichungen sind unschätzbare Stützpfeiler für eine Sprache, die schon seit längerer Zeit vom Verschwinden bedroht ist. „Wir hatten in der jüngeren Vergangenheit zwei enorme Einschnitte“, schildert Giancarlo Bortoli: „Im Ersten Weltkrieg wurden unsere Dörfer beschossen. Unsere Leute wurden deshalb in die Po-Ebene evakuiert. Dort sagten die Menschen, „die Deutschen kommen“, als sie unsere Sprache hörten. Unsere Leute wurden aus diesem Grund schlecht behandelt, und so verboten die Älteren den Kindern, Zimbrisch zu lernen. Das war der erste große Schlag.“ Der zweite kam im Faschismus: Das Zimbrische wurde – so wie auch das Deutsche in Südtirol – verboten. <BR /><BR />Auch die jüngere Geschichte hat es nicht gut gemeint mit den Zimbern in den Sieben und den 13 Gemeinden: Weil sie zum Veneto gehören, genießen sie praktisch keinen Minderheitenschutz, während ihre Landsleute in Lusérn das Glück haben, durch die Autonomie der Region Trentino-Südtirol geschützt und gefördert zu werden. Auch deshalb sprachen sich im Mai 2007 94 Prozent der Abstimmenden in den Sieben Gemeinden – bei einer Wahlbeteiligung von 60 Prozent – in einem Referendum dafür aus, dass die Hochebene vom Veneto in die Nachbarregion wechseln solle. Diese Willensbekundung blieb ohne Gehör. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311384_image" /></div> <BR /><BR />Während heute für die 250-Seelen-Gemeinde Lusérn – eingeschlossen jene, die in den letzten Jahren aus dem Dorf abgewandert sind – die Zahl der Zimbrisch-Sprecher auf 1000 geschätzt wird, ist es in den Sieben Gemeinden mit ihren gut 20.000 Einwohnern optimistisch geschätzt vielleicht noch eine dreistellige Zahl. <BR /><BR />Dass die Situation dort sehr ernst ist, hat eine soziolinguistische Studie ergeben, welche die Società Filologica Friulana im Jahr 2023 durchführte. An einer Online-Umfrage zum Stand der Sprache nahmen 70 Mitglieder der zimbrischen Gemeinschaft teil, 30 davon waren über 60 Jahre alt. Das Ergebnis: Das Zimbrische in den Sieben Gemeinden ist stark gefährdet, auf Stufe 2 einer sechsteiligen Skala gemäß Unesco-Kriterien. „Das Zimbrische hat heute praktisch den Status einer Fremdsprache“, heißt es in der Studie. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311387_image" /></div> <BR /><BR />Dem Besucher stechen zwar immer wieder Schilder und Wegweiser mit zimbrischen Bezeichnungen ins Auge, und auch die Ortsschilder tragen eine Zusatztafel mit den zimbrischen Namen, es handelt sich aber zumeist um eine Nutzung zu touristischen Zwecken. So werben Restaurants mit dem Satz „Hìa izzet-zich Tzimbris!“ (Hier isst man Zimbrisch) um Kunden, und auf dem Montainbike kann man Wegen mit dem Hinweis „Zimbarstaige“ folgen.<BR /><BR />Ansonsten ist das Zimbrische aus dem Alltagsleben verschwunden. Das bedauern fast alle in der Studie Befragten. 90 Prozent sprachen sich für Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung des Zimbrischen aus. Drei Viertel wünschen sich sogar Unterricht im Zimbrischen in der Schule. Es müssten sprachpolitische Maßnahmen ergriffen werden, heißt es in der Studie weiter, jedoch sieht es danach nicht aus: „Die bisherigen Erfahrungen mit der Region Veneto lassen nicht viel Spielraum für Hoffnung, auch wenn es nur wenig bräuchte, um der Sprache ein wenig Schwung zu verleihen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311390_image" /></div> <BR /><BR />Um zu retten, was zu retten ist, engagiert sich das zimbrische Kulturinstitut stark in der Sprachvermittlung. Die angebotenen Sprachkurse werden auch von jüngeren Leuten besucht: 20 Teilnehmer waren es im vergangenen Jahr im Anfängerkurs, zehn bei den Fortgeschrittenen. <BR />Die jungen Leute seien engagiert und tatkräftig, auch im Institut und bei seinen Aktivitäten, sagt Giancarlo Bortoli und fährt fort: „Ich bin deshalb optimistisch, was die Zukunft angeht. Ich sage, das Zimbrische stirbt nicht aus, nur weil die alten Leute sterben, sondern es geht weiter, eben weil es junge Leute gibt. Ich denke, dass es in zehn, 20 oder 30 Jahren eine größere Zahl von Sprechern geben wird als heute.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311393_image" /></div> <BR /><BR />Vielleicht greifen diese jungen Leute auch ein Projekt auf, das die Älteren unvollendet ließen, indem sie bei der „Osteria all’Antico Termine“ auch ein Schild zum Abschied aufstellen mit dem Gruß „Bar ségansich“ (Auf Wiedersehen). Denn ein solches gibt es dort noch nicht. <BR /><BR /><b>Von Hatto Schmidt für Midas.</b>