Dienstag, 17. Dezember 2019

Wölfe sogar bei Tag auf Skipisten unterwegs

Während Wölfe bislang in Alta Badia „nur“ nachts gesichtet wurden, als sie über die Pisten streiften, hat sich nun die Lage geändert. Am Montagvormittag wurde ein Wolf laut „Dolomiten“-Bericht fotografiert, als er oberhalb von St. Kassian auf einer Skipiste lief, während sich daneben zahlreiche Skifahrer – darunter auch mehrere Kinder – tummelten.

Das Foto wurde aus einem Sessellift heraus gemacht und zeigt, wie der Wolf nahe an  einem neben dem Schlepplift stehenden  Skifahrer vorbeiläuft.
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Das Foto wurde aus einem Sessellift heraus gemacht und zeigt, wie der Wolf nahe an einem neben dem Schlepplift stehenden Skifahrer vorbeiläuft.

Es ist gestern gegen 10.30 Uhr, also am helllichten Vormittag, als einem im Sessellift sitzenden Skifahrer ein Wolf auffällt, der auf der Piste La Brancia gen Tal läuft – nur wenige Meter von Skifahrern entfernt, darunter Kinder.

„Die Wölfe sind ein großes Problem“, sagt der Bürgermeister von Badia/Abtei, Iaco Frenademetz, auf dessen Gemeindegebiet gestern der Wolf gesichtet wurde. Was er vorschlägt, um dieses Problem zu lösen? „Die Jagd wieder aufmachen“, sagt Frenademetz und fährt fort: „Müssen wir erst warten, bis der Wolf ein Kind angreift? Dann ist es zu spät!“

Die Politik müsse eingreifen, fordert Frenademetz: „Die Wölfe müssen weg!“ Der Bürgermeister ist selbst Jäger: „Eines ist sicher: Wenn mir im Wald ein Wolf begegnet und ich fühle mich nicht mehr sicher, weil er nicht wegläuft, dann ist der Wolf weg!“

Auch Robert Rottonara, der Bürgermeister von Corvara, findet deutliche Worte: „Der Platz ist einfach nicht mehr für diese Tiere mittendrin in unseren Tälern. Sollte einmal etwas passieren, dann frage ich mich schon, was dann passiert und wer dafür die Verantwortung tragen wird müssen. Ich bin der Meinung, dass der Wolf nicht in unsere Breiten passt. Die Gefahr ist einfach nicht kalkulierbar; das geht nicht“, sagt Rottonara.



Bisher sei der Wolf immer in eher abgelegenen Orten bzw. in der Nacht gesichtet worden und sei eine Gefahr vor allem für Schafe und Ziegen gewesen. „Jetzt reden wir aber von Menschen!“, sagt Robert Rottonara .

Wenn der Wolf so wenig Scheu zeige vor dem Menschen, dann seien künftig alle Motorschlittenfahrer, alle jene, die mit der Beschneiung der Pisten zu tun haben, und alle, die in der freien Natur unterwegs sind wie etwa Skitouren- und Schneeschuhgeher, in Gefahr. „Und was die Gäste betrifft, so hoffe ich nicht, dass es eine Kampagne gegen uns gibt“, sagt Rottonara.

Er fordert, dass endlich Maßnahmen gegen den Wolf durchgeführt werden. Rottonara wird das Problem morgen bei der Sitzung des neuen Tourismusverbandes Alta Badia vorbringen. Was man konkret tun könnte? „Konkret schauen wir zu“, sagt Rottonara.

Auch der ehemalige Landesrat für Tourismus und Landwirtschaft, Hans Berger , zeigt sich besorgt: „Das ist keine Tourismuswerbung“. Die wachsenden Wolfspopulationen entwickeln sich „nicht nur zu einem Problem der Tierhaltung, sondern auch des Tourismus“, stellt Berger fest. Das Landesgesetz zur Regulierung der problematischen Großwildtiere hat vor Gericht standgehalten. Als Konsequenz müsse jetzt „die Umsetzung aktiviert werden, auch mit dem Risiko von Widerständen“, sagt Berger in Richtung Landesverwaltung.

„Wem jetzt noch nicht klar ist, wie ernst die Lage ist, der wird es wohl nie verstehen“, sagt Landesrat Daniel Alfreider, in dessen Heimat das Wolfsproblem derzeit am größten ist. „Wenn jetzt nichts getan wird, wird es sehr schnell exponentiell wachsen und bald nicht mehr zu kontrollieren sein“, sagt Alfreider.

Wolf hat höchste Schutzstufe: „Sie muss heruntergesetzt werden


Da die vom Landtag verabschiedete gesetzliche Regelung de facto nicht angewendet werden kann, weil jede Maßnahme von Rom blockiert zu werden droht, will Alfreider das Wolfsproblem auf die europäische Ebene heben: „Wir müssen die EU-Kommission und das EU-Parlament dafür sensibilisieren, dass die Schutzstufe des Wolfs heruntergesetzt wird. Damals war es richtig, den Wolf in die höchste Schutzstufe zu setzen, als er vom Aussterben bedroht war. Aber heute lebt er, und wie! Und genauso schnell, wie er seinerzeit geschützt wurde, muss diese Stufe auch wieder herabgesetzt werden können“, sagt Alfreider. Das wahre Problem sei eben diese Schutzstufe.

Er steht in Gesprächen mit der FUEN-Spitze und Minderheiten in anderen Ländern, denn oft leben Minderheiten in abgelegenen Gebieten, in denen Wildtiere immer mehr zum Problem werden: In Siebenbürgen (Rumänien) sind es im ungarischen Siedlungsgebiet die Bären, bei den Sorben in der Lausitz in Deutschland die Wölfe, und in vielen Gegenden Europas sind die Wildschweine kaum mehr einzudämmen.

Im Trentino 2012 die ersten Wölfe – heute sind es 60

Wie schnell Raubtiere zum Problem werden, verdeutlicht Benedikt Terzer , der Geschäftsführer des Landesjagdverbandes, mit Zahlen: „Wir sind erst am Anfang eines größeren Problems: Im Trentino sind 2012 die ersten beiden Wölfe eingewandert, und heute sollen es schon 60 sein; einige davon treiben sich auch bei uns herum. In Deutschland sind 2001 die ersten beiden Wölfe aus Polen eingewandert, und heute spricht der deutsche Jagdverband von 1200 Wölfen!“

Daher sei auch in Südtirol mit immer häufigeren Wolfssichtungen und Begegnungen zu rechnen, sagt Terzer. Das sei sehr beunruhigend, und er hoffe, dass Maßnahmen zur Vergrämung der Wölfe gesetzt werden; Maßnahmen seien vor allem dann wichtig, sollte der Wolf weiterhin keine Scheu vor dem Mensch zeigen und sich wiederholt in bevölkertem Gebiet aufhalten.

d

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