Außerdem spricht er über einen besonders tragischen Fall, mit dem er vor Jahren zu tun hatte.<BR /><BR /><b>Warum legt ein Brandstifter dauernd Brände in Wald und Busch, die Schäden in Höhe von insgesamt 100.000 Euro und mehr anrichten?</b><BR />Prof. Reinhard Haller: Es ist davon auszugehen, dass es sich dabei um die klassische Pyromanie handelt, die Lust am Feuer legen. Es handelt sich in der Regel <i>nicht </i>um eine Geisteskrankheit – also nicht um Schizophrenie oder Wahnsinn, sondern um die Störung der Impulskontrolle – wie bei der Kleptomanie. In der Regel sind es junge Männer, die sich emotional vernachlässigt fühlen, weil sie keine Freundin haben oder viele Zurückweisungen erlebt haben oder dergleichen. In der Regel haben sie auch ein psychisches, leichtes Handicap. Sie leben in dieser Krise – haben kein Selbstwertgefühl, bekommen keine emotionale Zuwendung und fühlen sich in der Regel eher einsam. Sie legen Feuer aus einer Art Protest heraus.<BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Haller: Feuer ist etwas sehr Aufsehen erregendes: Alle Blicke sind darauf gerichtet. Gleichzeitig ist das Feuer auch ein Symbol – für Leidenschaft und Wärme, auch für die emotionale Wärme, die diesen Menschen fehlt. Diese Menschen fühlen sich zu kurz gekommen. Ein Feuer zu legen gibt diesen Menschen auch ein gewisses Allmachtsgefühl. Sie leiden unter Minderwertigkeitskomplexen. Alle fragen sich: Wer ist der Feuerteufel? Und der Pyromane sagt sich: „Nur ich weiß es. Da bin ich allen anderen weit überlegen.“ Es ist ein Protest gegen die Minderwertigkeitsgefühle, gegen die fehlende Wertschätzung und gegen die fehlende Zuwendung. Manchmal ist dann in der aktuellen Situation auch noch Alkohol im Spiel, der enthemmt – oder eine akute Kränkung. In vielen Fällen sind diese Menschen selbst bei der Feuerwehr oder bei einem feuernahen Beruf. Als Pyromane sucht man die Nähe des Feuers. 70 Prozent der Pyromanen sind bei der Feuerwehr.<BR /><BR /><b>Was sagen die angezündeten Objekte über einen Täter aus?</b><BR />Haller: Es besteht ein wesentlicher Unterschied, ob die angezündeten Objekte von Menschen bewohnt sind und somit auch Menschen in Gefahr gebracht werden – oder nicht. Im ersten Fall würde es sich um psychopathische Menschen handeln – ohne Mitleid und ohne Einfühlungsvermögen. Im zweiten Fall geht es diesen Menschen eher um Protest, um Aufschrei – um einen Schrei nach Liebe letztlich – und um eine gewisse Selbsterhöhung.<BR /><BR /><b>Sie hatten einmal mit einem tragischen Fall zu tun...</b><BR />Haller: Ich habe einen Pyromanen über viele Jahre begutachtet – dieser hat viele verschiedene Therapien erhalten. Immer wieder hat er etwas angezündet. Eines Tages sagte er mir: Er habe nur ein einziges Lebensziel, einen einzigen Lebenstraum – sich selbst ins Feuer zu stürzen und so den Tod zu finden. Und so ist es dann auch gekommen. Dies zeigt, dass es sich oft um eine sehr tief verankerte Störung handelt. <BR /><BR /><b>Wie kann ein Pyromane therapiert werden?</b><BR />Haller: Die Behandlung ist schwierig. Man kann Pyromanie nicht wegspritzen oder weghypnotisieren. Man kann nur die Basisstörung – das Minderwertigkeitsgefühl – psychotherapeutisch behandeln. Diese Psychotherapie ist auf Selbstwertstärkung ausgerichtet. Gegen die Impulse gibt es Medikamente – diese dämpfen die Impulse.<BR /><BR /><b>Sind Pyromanen ein Leben lang gefährdet, es wieder zu tun, so wie ein trockener Alkoholiker?</b><BR />Haller: Genau. Sie werden beim Prozess in Therapieanstalten eingewiesen, weil sie gefährlich sind – und rezidiv gefährdet. Sie brauchen eine langfristige therapeutische Kontrolle – anders geht es nicht.<BR /><BR /><b>Ist es dann der falsche Weg, solche Menschen ins Gefängnis zu stecken?</b><BR />Haller: Das allein genügt jedenfalls nicht. Dadurch werden diese Menschen in ihrem Selbstwertgefühl noch weiter unterminiert und sie werden erst recht das Bedürfnis haben, sich wieder aufzuplustern durch Brandlegungen. Es ist auf jeden Fall dringend erforderlich, auch im Hinblick auf die Kriminalprognose und weitere Rückfälle, dass diese Menschen intensive Therapie bekommen.<BR /><BR /><b>Legen auch Frauen solche Brände?</b><BR />Haller: Ja, aber weniger serienhaft. Junge Männer haben mehr als Frauen Probleme mit dem Gefühlsausdruck. Frauen leben das anders aus. Bei jungen Männern ist zudem das Aggressionspotenzial generell sehr hoch. Und wer einen Brand legen will, der muss auch körperlich sehr gut drauf sein – weil man ja danach davonrennen muss. Darum ist es ein Phänomen, das vor allem junge Männer betrifft.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />