Wohnen in Südtirol ist teuer – das ist bekannt. Wie teuer, das zeigte zuletzt im Juni eine neue Studie der italienischen Plattform „Ener2crowd“: Demnach brauchen junge Menschen in Bozen nahezu ein ganzes Leben – 63,1 Jahre –, um ein Darlehen für das Eigenheim abzubezahlen. So viel wie sonst nirgends in Italien.<BR /><BR />Konfrontiert man Evi Kerschbaumer mit diesen Zahlen, hat sie nur ein müdes Lächeln übrig. „Wir zahlen heute eine kleinere Kreditrate für unser Haus mit Garten als früher Miete für die Wobi-Wohnung.“ Die 31-jährige Mutter von vier Kindern kommt aus Girlan, ihr Mann aus Bozen. Für eine 100-Quadratmeter-Wohnung in der Landeshauptstadt zahlt man laut Studie momentan 448.500 Euro. Stellt man dies einem durchschnittlichen Nettolohn von 1777 Euro monatlich gegenüber, muss man kein großer Rechner sein, um zu verstehen, dass es für junge Familien ohne finanziellen Hintergrund kaum noch möglich ist, in Südtirol ein Eigenheim zu erwerben. Und auch der Mietmarkt scheint leer gefegt – zumindest für eine Familie mit vier Kindern und drei Hunden – so wie im Fall von Evi und ihrem Mann. <BR /><BR />Viele Jahre versuchte das junge Paar, ein geeignetes Nest für sich und seine Nachkommen zu finden – ausreichend groß und bestmöglich mit Garten und etwas Privatsphäre. Von Girlan ging es darum recht bald ins etwas günstigere Mölten. <BR /><BR />Um sich die Miete zu sparen, zogen die Vollzeit-Mama und der ehemalige Hausmeister schließlich zur Großmutter nach Eppan – und von dort 2020 in eine Mietwohnung des Wohnbauinstituts. „Es waren 84 Quadratmeter in einem Kondominium. Mal waren die Kinder zu laut, dann wiederum fühlten sich die Nachbarn von unseren Hunden belästigt. Obendrein war es einfach extrem eng für uns“, beschreibt Evi die damalige Situation. <BR /><BR />Die Familie liebt die Natur, frisches Gemüse aus dem eigenen Garten, Haustiere und Ruhe. Doch all das war weit weg von der Realität im Kondominium. Fieberhaft suchte das Paar nach Alternativen in Südtirol. Landwirtschaftliche Gründe zum Pachten gab es so gut wie nicht, für 100 Quadratmeter Schrebergarten wurden 1000 Euro im Jahr verlangt und auch die Suche nach Arbeit mit Unterkunft auf einem Hof in Südtirol lief ins Leere. <BR /><BR />„Irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass es in unserer Heimat für unseren gesellschaftlichen Stand nichts Leistbares gibt, das unseren Vorstellungen von Lebensqualität gerecht wird“, sagt Evi Kerschbaumer heute. <h3> Das neue Leben im Umland von Verona</h3>In der Pandemie schließlich wurde der Leidensdruck so groß, dass die junge Familie anfing, Möglichkeiten im Ausland in Betracht zu ziehen. „Wir verglichen Grundstückspreise, Gehälter, Lebenshaltungskosten und Lebensqualität und setzten unser Hauptaugenmerk schließlich auf die Nachbarprovinzen: nicht ganz weit weg von unseren Herkunftsfamilien und doch weit genug, um günstiger leben zu können.“<BR /><BR />Insgesamt 30 Häuser besichtigten die Kerschbaumers in den Jahren 2021 und 2022 in der Provinz Verona. Es war keine einfache Entscheidung, irgendwo in der Fremde neu anzufangen und die geliebte Umgebung hinter sich zu lassen. Im Sommer 2022 aber war es dann soweit. Evi und ihr Mann unterschrieben den Kaufvertrag für ein Haus, Baujahr 1975, 300 Quadratmeter Wohnfläche, ein Hektar Garten (siehe Bild groß) mit einer kleinen Reb-Anlage, 160 Quadratmeter Magazin, ein Keller und überdachte Autoabstellplätze – und das zu einem Preis, für den man in Südtirol keine Einzimmerwohnung bekommt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="918571_image" /></div> <BR /><BR />Obschon noch Renovierungsarbeiten anstehen, fühlt sich die Familie im neuen Zuhause bereits nach acht Monaten wohl. Jedes Kind habe sein eigenes Zimmer, könne mit dem Rad ums Haus fahren und im Garten Natur und Tiere entdecken. „Wir haben hier Fasane oder Erdkröten, und in den Wassergräben findet man Fische und Muscheln.“ <BR /><BR />Die Familie lebt im Ort Boschi Sant'Anna – einem 1300-Seelendorf in der Provinz Verona, inmitten von Wein-, Mais-, und Getreidefeldern. Es gebe Nachbarn, aber so weit entfernt, dass man sich kenne, aber nicht störe, erzählt Kerschbaumer. „Die Menschen sind extrem nett hier. Sie kommen mit Tomaten und Marillen vorbei und helfen, wenn man es braucht.“ Neid, so wie sie ihn in Südtirol erlebt habe, spüre sie hier nicht. <BR /><BR />Evis Kinder – mittlerweile knapp ein, vier, sechs und acht Jahre alt – besuchen Kindergarten und Schule im Ort. „Sie werden daheim vom Bus abgeholt und wieder gebracht, auch die Betreuungszeiten sind länger. Das ist eine enorme Erleichterung gegenüber Südtirol, wo es ein täglicher Drahtseilakt war, welche Oma wann und wie mithelfen kann.“ Auch ihr Mann fand ohne Probleme eine neue Arbeit als Maschinenwart – mit 200 Euro mehr Monatsgehalt bei deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten, zählt Evi einige Vorteile auf. Gewiss, man müsse die Abgeschiedenheit mögen, doch Evi genießt ihr neues Leben. Einmal im Monat geht es noch für zwei Autostunden zurück nach Südtirol. Die Kinder sollen den Kontakt zu den Großeltern nicht verlieren. Und was vermisst sie selbst an der alten Heimat? Bis auf ihre Lieben nichts, sagt Evi. Nur eines bereue sie: diesen Schritt nicht eher gewagt zu haben.