Die Zahl der Geburten sinkt auch in Bozen seit Jahren deutlich. Kinder sind dadurch viel weniger präsent als noch vor Jahrzehnten. Unsere Gesellschaft altert und scheint weniger tolerant gegenüber Kinder geworden zu sein. „Man hat oft den Eindruck, sie stören“, meint die Boznerin Silvia Di Panfilo, Mutter von zwei Kindern, die beruflich im Familienverband tätig ist. Sie fragt sich zunehmend, wie Kindern im Alltag begegnet wird.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1340529_image" /></div> <BR /><BR /><b>Frau Di Panfilo, Sie kritisieren, dass unsere Gesellschaft wenig kinderfreundlich ist. Woran machen Sie das fest?</b><BR /><BR />Silvia Di Panfilo: Es geht nicht um einen einzelnen Vorfall, sondern um mehrere Alltagssituationen, die für sich genommen belanglos erscheinen mögen, gemeinsam aber ein Bild ergeben, das mich nicht mehr loslässt. Als Mutter frage ich mich immer öfter, ob wir als Gesellschaft Kindern noch den Platz zugestehen, den sie zum Aufwachsen brauchen. Die Erlebnisse haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen zwar besonders gehäuft, doch viele Eltern kennen ähnliche Situationen.<BR /><BR /><b>Was ist konkret passiert?</b><BR /><BR />Di Panfilo: An einem Nachmittag habe ich meinen Sohn bei der Sommerbetreuung an der Seilbahnstation abgeholt. Rund zehn Kinder wurden gleichzeitig von ihren Eltern abgeholt. Sie verabschiedeten sich, erzählten noch schnell von ihrem Tag und nach fünf oder zehn Minuten war der Eingangsbereich wieder leer. Es war ein heißer Sommertag, draußen brannte die Sonne. Trotzdem hieß es dann ein paar Tage später, die Übergabe solle künftig vor dem Gebäude stattfinden. Ich frage mich, ob dieselben Maßstäbe auch während der Stoßzeiten gelten, wenn sich der Eingangsbereich mit Touristinnen und Touristen füllt.<BR /><BR /><b>Welche weiteren Episoden, die Sie als kinderfeindlich empfanden, gab es?</b><BR /><BR />Di Panfilo: Ja. Ein paar Tage später war ich mit Freundinnen und unseren fünf Kindern in einer Bozner Bar. Als die Kinder ihr Eis aufgegessen hatten, standen sie auf und bewegten sich ein wenig zwischen den Tischen. Sie haben nicht geschrien, sie sind nicht herumgerannt und haben niemanden gestört. Außer uns saßen nur noch zwei weitere Gäste im Lokal. Trotzdem dauerte es keine zwei Minuten, bis die Kellnerin die Kinder mit den Worten „Wir sind hier nicht am Spielplatz. Bitte seid ruhig“ zurechtgewiesen hat. Am darauffolgenden Tag ist dann das Glas der Eingangstür unseres Kondominiums zerbrochen. Bevor überhaupt geklärt war, was passiert ist, fiel der Verdacht auf meine Kinder. Nicht etwa, weil jemand etwas gesehen hatte, sondern weil offenbar sofort angenommen wird, Kinder seien die Verursacher. Als ich dann erklärt habe, dass wir den ganzen Tag über nicht zu Hause gewesen waren, richtete sich der Verdacht ganz selbstverständlich gegen andere Kinder. Jede dieser Situationen für sich genommen mag unbedeutend erscheinen. Was mich beschäftigt, ist ihre Summe. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass Kinder möglichst leise sein, möglichst wenig Raum einnehmen und am besten gar nicht auffallen sollen.<BR /><BR /><b>Mancher würde sagen, dass Kinder eben nicht in einer Bar herumlaufen sollten.</b><BR /><BR />Di Panfilo: Selbstverständlich müssen Kinder lernen, Rücksicht zu nehmen. Eltern tragen die Verantwortung, ihnen Werte, Regeln und Respekt vorzuleben. Gleichzeitig können wir nicht erwarten, dass Kinder sich immer wie Erwachsene verhalten. Sie lachen, sie erzählen, sie bewegen sich und manchmal sind sie auch laut. Genau so entdecken sie die Welt und lernen, Teil unserer Gesellschaft zu werden. Familienfreundlichkeit zeigt sich nicht in Leitbildern oder Broschüren, sondern im Alltag. In Cafés, in Wohnhäusern, auf öffentlichen Plätzen und überall dort, wo Menschen einander begegnen.<BR /><BR /><b>Was ist Ihr Appell?</b><BR /><BR />Di Panfilo: Ich wünsche mir ein Bozen, in dem Kinder nicht zuerst als Störung wahrgenommen werden, sondern als selbstverständlicher Teil unserer Gemeinschaft. Denn vielleicht sollten wir uns nicht nur fragen, wie Kinder lernen können, sich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Vielleicht sollten wir Erwachsenen wieder lernen, Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen, um einfach Kinder sein zu dürfen.