Vor knapp zwei Jahren habe er sich bei der zuständigen Ombudstelle der Diözese Bozen-Brixen gemeldet. Mittlerweile sei der Fall jedoch zu den Akten gewandert. Die Missbrauchsfälle haben sich ereignet, als er zwölf Jahre jung war, erzählt Martin. Als Bub sei er damals mit seiner Familie von Bozen in eine ländliche Gemeinde gezogen. Martin wuchs in einem sehr gläubigen Haushalt auf, wurde christlich erzogen. Daher freute man sich in seiner Familie darüber, dass der örtliche Priester zu Hause regelmäßige Besuche abstattete, blickt Martin zurück.<BR /><BR />Immer, wenn der Priester das Zuhause der Familie wieder verließ, soll er den jungen Martin gebeten haben, ihn die Treppe hinunter in den Eingangsbereich zu begleiten. „Dem hat man natürlich nicht widersprochen, denn der Priester war eine Respektperson. Vor allem in einer gläubigen Familie“, sagt der heute 49-Jährige. Unten, in Abwesenheit der Eltern, soll es dann zu den sexuellen Übergriffen auf den Zwölfjährigen gekommen sein – immer wieder nach demselben Muster, wie Martin berichtet.<BR /><BR />Sogar als er die Sommerferien auf einem nahe gelegenen Bergbauernhof verbrachte, habe ihn der Priester regelmäßig besucht, wie Martin weiter erzählt. Als der Priester dort war, soll er den Bub wiederholt auf eine Autofahrt eingeladen haben. Als Zwölfjähriger habe er sich auch hier nicht getraut, das Angebot abzulehnen, und sei mitgefahren. Laut Martin haben sie eine kurze Strecke zurückgelegt und irgendwann am Straßenrand angehalten. Dort sei es laut Martin erneut zu Übergriffen gekommen. „Bis ich mich eines Tages losgerissen, aus dem abgestellten Fahrzeug befreit habe und zurück zum Bergbauernhof geflüchtet bin“, erinnert er sich. Als er nach diesem letzten Vorfall am Ende der Ferien zurück nach Hause kehrte und die Schule wieder begann, sei er vom Priester fortan ignoriert worden. „Den Fehler habe ich bei mir selbst gesucht“, sagt Martin. Ein Umstand, der auch sein Verhältnis zu Gott nachhaltig negativ beeinflusst habe. Die Vorfälle beschäftigen ihn bis heute. Wie Martin erzählt, ist er noch immer in psychologischer Betreuung. <h3> Wandte sich im Mai 2024 an Ombudsstelle für Missbrauchsfälle </h3>Über 35 Jahre sind seit den mutmaßlichen Missbrauchsfällen vergangen. Im Mai 2024 hatte Martin all seinen Mut zusammengenommen und sich gemeinsam mit seinem Anwalt und einer Psychologin an die Ombudsstelle für Missbrauchsfälle gewandt, wie von der Diözese Bozen-Brixen in solchen Fällen empfohlen.<BR /><BR />Wenige Monate später habe er dann aus heiterem Himmel einen Anruf von der Bozner Quästur erhalten und sei zu einer Anhörung vorgeladen worden, berichtet Martin. „In der Quästur bin ich als Zeuge angehört worden. Die Anzeige selbst hatte die Diözese erstattet“, sagt Martin. Ihm selbst sei somit die Möglichkeit, Anzeige zu erstatten, verwehrt geblieben, bemängelt er. <BR /><BR />Für den heute 49-Jährigen bleibt ein bitterer Beigeschmack. „So, als hätte mir die Diözese eine persönliche Anzeige vorenthalten wollen“, so Martin. Nach seiner Aussage bei der Polizei sei er über seinen Fall weitestgehend im Dunkeln gelassen worden, habe über lange Zeit keine weiteren Hinweise erhalten. „Ich hatte keine Ahnung, was sich im Hintergrund abspielte, welche Maßnahmen die Diözese ergreift“, sagt Martin. Bis zum Dezember 2025: Da sei er darüber informiert worden, dass sein Fall vorerst archiviert wurde, so Martin. „Derweil ist der Priester, der dem Deutschen Orden angehört, weiterhin im Amt.“ Martin stellt sich die Frage, warum es in jedem anderen Gericht Ermittlungen gibt, bei denen der Betroffene angehört wird. In seinem Fall sei das durch die Diözese jedoch nicht erfolgt. <BR /><h3> Generalvikar: Martins Fall wird neu bewertet</h3>Auf Anfrage bezieht Generalvikar Eugen Runggaldier Stellung zu Martins Vorwürfen. Wie er erzählt, habe die Diözese nicht zu Martins Fall selbst Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet, sondern gegen den beschuldigten Priester. Es bestand nämlich nach wie vor der Verdacht, dass von diesem eine Gefahr ausgehen könne. „Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den Priester aufgenommen“, so Runggaldier. Diese hätten mehrere Monate lang gedauert. „Während der Ermittlungen galt für uns Schweigepflicht. <BR /><BR />Daher hat Martin vorerst keine Nachricht erhalten.“ Er sei als Zeuge vorgeladen worden, da es bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht um seinen eigenen Fall ging, sondern um den Verdacht gegen den Priester generell. Die Ermittlungen gegen den Priester habe die Staatsanwaltschaft schlussendlich eingestellt, da keine Auffälligkeiten festgestellt worden seien. Was den Fall von Martin betrifft, so Runggaldier weiter, habe man diesen „sorgfältig und nach den strengen Vorgaben“ geprüft. „Als die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen waren, hat die kanonische Voruntersuchung begonnen“, so Runggaldier. Er habe sowohl den beschuldigten Priester als auch dessen Ordensoberen zur Rede gestellt. <BR /><BR />Die Unterlagen seien gesammelt und nach Rom geschickt worden. „Der Rest lag in der Entscheidungsgewalt des Vatikans“, so Runggaldier. In Rom habe man die Unterlagen überprüft und sei zum Entschluss gekommen, dass die „vorgeworfenen Taten unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit blieben“ und nicht „mit der erforderlichen Sicherheit nachgewiesen“ werden konnten. Damit war der Fall vorerst erledigt. Den „Dolomiten“ teilt Runggaldier nun mit, dass Martins Fall neu bewertet werden soll. Sobald die neue Interventionsordnung (siehe eigenen Bericht) fertig ist, werde sich die Diözese auch andere Fälle erneut anschauen.