Es war ein Jugendspiel, wie es an jedem Wochenende in Südtirol stattfindet – und endete in einer schockierenden Eskalation. Nach dem A-Jugend-Match des ASV Freienfeld gegen Oberau in Bozen kam es am vergangenen Sonntag zu bedrohlichen Szenen: Spieler wurden von den Tribünen aus beleidigt, nach dem Abpfiff drangen Jugendliche – darunter gegnerische Spieler und Zuschauer – in die Kabine der Gäste ein, wo sie die Mannschaft und den Trainer direkt bedrohten. Selbst beim Abfahren wurde der Mannschaftsbus noch attackiert, die Carabinieri mussten eingreifen. Die Spieler: gerade einmal 14 bis 16 Jahre alt.<BR /><BR />Was sich in Bozen abspielte, ist kein Einzelfall. In Südtirol häufen sich Berichte über Pöbeleien, Drohungen und Übergriffe im Amateur- und Jugendfußball – nicht nur zwischen Spielern, sondern auch von den Rängen. Funktionäre und Fachleute sprechen von einem alarmierenden Trend.<h3>„Die Aggressivität im Amateurfußball hat spürbar zugenommen“</h3>VSS-Obmann Paul Romen zeigt sich über die jüngsten Vorfälle besorgt: „Solche Situationen kennen wir leider – sie kommen relativ häufig vor.“ Aggressives Verhalten sei sowohl auf dem Spielfeld als auch von den Zuschauerrängen zu beobachten. Besonders problematisch sei, dass unfaire Worte und beleidigende Rufe längst zum „Sonntagsgeschäft“ geworden seien.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1237764_image" /></div> <BR /><BR />Nicht nur Zuschauer, auch Spieler und Betreuer würden sich immer wieder im Ton vergreifen. „Eine gewisse verbale Aggressivität ist leider Teil des Spiels geworden“, sagt Romen. Besonders oft seien Schiedsrichter Zielscheibe von Beschimpfungen – und das nicht nur im Fußball, sondern auch in anderen Sportarten.<BR /><BR />Der VSS versucht seit Jahren gemeinsam mit dem Landesfußballverband gegenzusteuern – mit Plakataktionen, Rundschreiben, Workshops und Fair-Play-Kampagnen. Doch der Einfluss sei begrenzt. „Zuschauer sind oft unberechenbar, und als Verband haben wir da nur begrenzt Handlungsspielraum“, sagt Romen. Die Vereine würden regelmäßig darauf hingewiesen, bei Spielen auch außerhalb des Spielfelds Präsenz zu zeigen und deeskalierend zu wirken.<BR /><BR />Ein weiteres Problem sieht Romen darin, dass sportlicher und finanzieller Druck in manchen Vereinen Fehlverhalten fördert: „Wenn Mannschaften um Aufstiege oder Prämien spielen, wird der Ton schnell härter.“ Auch das Verhalten gegenüber jungen Schiedsrichtern bereitet ihm Sorgen: „Unsere Nachwuchsreferees sind oft erst 13 oder 14 Jahre alt. Sie dürfen und sollen Fehler machen und lernen. Wenn sie auf dem Platz beschimpft werden, ist das fatal.“<BR /><BR />Dass die Aggressivität zugenommen hat, steht für Romen außer Frage. „Früher gab es auch hitzige Szenen, aber die Hemmschwelle ist heute deutlich gesunken“, sagt er. Eine eindeutige Erklärung gebe es nicht – „der Umgangston hat sich in der Gesellschaft insgesamt verändert“.<BR /><BR />Die bisherigen Präventionsmaßnahmen seien zwar sichtbar, würden aber zu wenig verinnerlicht: „Die Botschaften sind da, aber sie werden oft nicht wirklich aufgenommen.“ Trotzdem bleibe der VSS dran: „Wir können das Problem nicht von heute auf morgen lösen, aber wir müssen konsequent weitermachen – und alle Beteiligten ins Boot holen: Vereine, Trainer, Eltern und Spieler.“<h3>„Eltern übertragen ihren Leistungsdruck auf die Kinder“</h3>Für Dr. Martin Volgger, Sportpsychologe vom Netzwerk für Sportpsychologie und Mentaltraining, liegt die Wurzel des Problems tiefer. „Das Leistungsdenken ist in vielen Bereichen des Sports übermächtig geworden – selbst dort, wo es eigentlich um Freude und Entwicklung gehen sollte.“<BR /><BR />Er arbeitet regelmäßig mit Eltern, Trainern und Vereinsvorständen zusammen, um ein Umdenken anzustoßen. „Gerade im Jugendbereich muss der Sport Spaß machen. Natürlich ist es schön zu gewinnen, aber das darf nie der einzige Maßstab sein. Entscheidend ist, dass Kinder ihre eigene Leistung anerkennen und akzeptieren, wenn jemand anderer besser ist.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1237767_image" /></div> <BR /><BR />Dieses gesunde Verständnis von Leistung sei nicht nur im Sport wichtig, sondern auch für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen. „Wer lernt, mit Erfolgen und Niederlagen umzugehen, wird auch im späteren Leben resilienter. Aber viele Erwachsene machen genau das Gegenteil: Sie übertragen ihren eigenen Leistungsdruck auf die Kinder und Jugendlichen – und erzeugen so enormen Stress auf und neben dem Spielfeld.“<BR /><BR />Der Sportpsychologe beobachtet, dass die Atmosphäre in vielen Vereinen angespannter wird. Aus der Überfokussierung auf Ergebnisse und Punkte entstünden oft unruhige oder aggressive Situationen, bis hin zu verbalen Attacken gegen Schiedsrichter oder Gegner.<BR /><BR />Volgger sieht darin ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen: „Fair Play ist für viele kein Wert mehr an erster Stelle. Stattdessen gilt: Hauptsache gewinnen. Das ist fatal – und gefährlich.“<BR /><BR />Um gegenzusteuern, brauche es klare Leitbilder und verbindliche Regeln: „Einige Vereine in Südtirol – etwa das Team Vier im Pustertal - haben bereits ein eigenes Leitbild erarbeitet. Darin steht genau, wofür der Verein steht, welches Verhalten auf und neben dem Platz erwünscht ist – und was nicht. Solche Modelle sind enorm wertvoll, weil sie Orientierung geben.“<BR /><BR />Volgger fordert, Fair Play wieder aktiv vorzuleben – nicht nur über Plakate, sondern im direkten Gespräch: „Trainer, Eltern und Vereinsverantwortliche sollten gemeinsam definieren, welche Werte sie vermitteln wollen. Das muss Teil der Vereinsidentität werden.“<BR /><BR />Am guten Willen mangele es nicht, wohl aber an der Umsetzung. „In einer Umfrage unter mehr als 240 Trainern, Vereinsverantwortlichen und Eltern sagten fast alle: Wir wollen Fair Play. Aber es wird noch zu wenig getan, um das tatsächlich zu leben.“<BR /><BR />Sein Fazit: „Sport darf kein Ventil für Frust oder Druck sein. Wenn Kinder lernen, mit Freude, Respekt und Anstand zu gewinnen oder zu verlieren, dann haben wir im Sport alles richtig gemacht.“<h3>„Notfalls müssen wir Eltern von der Tribüne ausschließen“</h3>Auch Klaus Schuster, Präsident des Südtiroler Fußballverbandes FIGC, warnt vor einer gefährlichen Entwicklung. „In letzter Zeit häufen sich unliebsame Vorfälle. Die Situation hat sich verschärft“, sagt er.<BR />Der Fall Freienfeld–Oberau werde derzeit von Sportrichtern und dem Schiedsgericht des Verbandes (Procura) untersucht. „Wir haben Berichte von beiden Vereinen, die sich in wesentlichen Punkten widersprechen. Das wird nun genau geprüft“, so Schuster.<BR /><BR />Doch unabhängig vom konkreten Fall ist für ihn klar: „Gerade in den unteren Ligen herrscht oft eine übertriebene sportliche Verbissenheit. Manche Vereine stellen den Ehrgeiz über den Fairnessgedanken.“ Die gemeinsame Fair-Play-Kampagne mit dem VSS habe zwar Aufmerksamkeit geschaffen, aber noch nicht die gewünschte Wirkung entfaltet.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1237770_image" /></div> <BR /><BR />Besonders beunruhigend findet Schuster das Verhalten auf den Tribünen. „Vor allem bei Jugendspielen beobachten wir zunehmend aggressive Eltern. Erwachsene Menschen schreien Schiedsrichter oder sogar Kinder an – das ist inakzeptabel.“ Das Phänomen sei bekannt, aber schwer zu bekämpfen. „In der Masse fühlen sich manche anonym und glauben, sich Dinge erlauben zu können, die sie sich allein nie trauen würden.“<BR /><BR />Für den Verband sei klar, dass die Verantwortung zunächst bei den Vereinen liege. „Die Vereine sind für das Geschehen auf dem Platz und auf der Tribüne verantwortlich. Wenn dort Grenzen überschritten werden, müssen sie reagieren.“<BR /><BR />Bei schwerwiegenden Fällen greifen die Organe des Verbandes: „Unsere Sportrichter und das Schiedsgericht des Verbandes (Procura) haben durchaus Handlungsmöglichkeiten – von Geldstrafen über Spielsperren bis hin zu Platzsperren. Ich bin dafür, dass in der aktuellen Lage harte Strafen zur Anwendung kommen.“<BR /><BR />Auch Ausschlüsse von Zuschauern kann er sich durchwegs vorstellen: „Wenn Eltern oder Zuschauer sich wiederholt danebenbenehmen, muss man ernsthaft überlegen, sie vom Platz auszuschließen.“ Er selbst spüre, dass die Lage seit der Pandemie schwieriger geworden sei. „Direkt nach Covid war alles ruhiger – die Leute waren einfach froh, dass sie wieder spielen durften. Aber seither ist das Klima rauer geworden. Wir beobachten diese Entwicklung genau.“<BR /><BR />Im Vergleich zu anderen Regionen in Italien stehe Südtirol laut Schuster zwar „noch relativ gut da“, doch das dürfe kein Grund zur Selbstzufriedenheit sein: „Wir dürfen nicht zuschauen, wie sich diese Atmosphäre weiter verschlechtert. Es braucht mehr Respekt, mehr Selbstkontrolle und ein klares Nein zu Gewalt und Beleidigungen – egal, ob auf dem Platz oder daneben.“