„Ach geh, nenn mich doch bitte Paula“, wünscht sich Paula Morandell Atz gleich zu Beginn unseres Gesprächs in ihrem Zuhause im urigen Gebäude des Torgglkellers in Kaltern. <BR /><BR />Die 14-jährige Filmkomparsin Greta, die zusammen mit ihrer Mutter Michaela Eisenstecken zum Interviewtermin erschienen ist, wird von Paula einfach „Schwester“ genannt, für ihre fürsorgliche Schwiegertochter Manuela und weitere Anwesende hat sie allerlei freundliche Worte parat. Paula strahlt Zuversicht und Fröhlichkeit aus. <BR />Man merkt schnell, dass die 90-jährige Zeitzeugin im Hier und Jetzt lebt, die kleinen Dinge schätzt und sich noch sehr guter Gesundheit erfreut. Noch mehr erstaunt, wie detailliert, offen und zugleich distanziert sie über die Geschehnisse vor über 70 Jahren erzählt. Ungeheuerliche Geschehnisse. <BR /><BR />Im Zuge der Option entschieden sich Paulas Eltern Josef und Emma Ende der 1930er-Jahre fürs Gehen. Baden bei Wien wurde zu ihrer Heimat, ehe dort im April 1945 die sowjetischen Truppen einfielen. Paula, damals gerade mal 10 Jahre alt, wurde Zeugin von Gräueltaten, hatte zusammen mit ihrer Mutter und ihren 4 jüngeren Brüdern mehrmals den Tod vor Augen, doch das Schicksal meinte es gut mit ihnen. Die Rückkehr ins Überetsch wurde zur monatelangen Odyssee, geprägt von Ohnmacht, Hunger und purem Überlebensinstinkt. <BR /><BR /><BR />„Man weiß zwar, dass es die Menschen früher schwer hatten, aber es ist doch ganz etwas anderes, über einen Film selbst in diese Zeit einzutauchen“, sagt Greta (14), die im Film Paula als junges Mädchen darstellt. Auch Gretas Mutter Michaela hat im Film mitgewirkt, sie meint: „Für uns war es eine sehr emotionale Erfahrung, man bekommt einen anderen Zugang zur Geschichte.“ Schwiegertochter Manuela dagegen betont die Rolle der Frauen in jenen finsteren Zeiten: „Die Frauen haben damals alles zusammengehalten und nach dem Krieg damit begonnen, wieder alles aus dem Nichts aufzubauen. Die Männer waren ja weg – entweder tot oder in Gefangenschaft.“ Eine von diesen starken Frauen war Paula, selbst Mutter von 5 Kindern und vielen Enkelkindern. Mehrmals ist von ihr zu hören: „Wir hatten immer wieder großes Glück.“ Dabei ist sie durch die Hölle gegangen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1088697_image" /></div> <BR /><b>Paula, zuerst war das Buch „Der Milchkrug“ mit deiner Geschichte sehr gefragt, nun kommt der Film in die Kinos. Wie empfindest Du diesen Rummel um deine Person?</b><BR />Paula Morandell Atz: Ach, ich mache mir da gar nix draus. Es ist meiner Schwiegertochter, der Manuela, zuzuschreiben, dass es da so viel Interesse gibt. Sie hat das alles in die Wege geleitet. <BR /><BR /><b>Warum aber ist es wichtig, diese Geschichte zu erzählen, warum sollte die Öffentlichkeit davon erfahren?</b><BR />Paula Morandell Atz: Ich denke, dass es gut ist, wenn die Jungen davon erfahren, weil sie dann merken, wie es ist, wenn man nicht verwöhnt worden ist. Wir haben in unserem Leben viel mitgemacht, sind aber wohl gerade deshalb zufriedener als es heute viele Leute sind. Wenn ich oft höre, wie sich heute manch einer beklagt, er hätte zu wenig Geld oder bräuchte ein anderes Gewand, dann denke ich mir, bei uns hat es das nicht gegeben. Wir hatten schließlich gar nichts.<BR /><BR /><b>Paula, wenn man nur ein bisschen deine persönliche Geschichte kennt und dich heute so sieht, hat es den Anschein, als hättest du alle traumatischen Erlebnisse gut weggesteckt. Ist das so?</b><BR />Paula Morandell Atz: Ja, ich habe eigentlich kein Problem damit. Als ich aber nach meiner Rückkehr in Tramin zur Schule ging, war ich wie blockiert und habe nicht mehr lernen können. Ich war damals 12 Jahre alt. Der Lehrer sagte bloß: Du musst zum Doktor gehen, sonst kommst du hinunter nach Pergine. Er hat gesagt, dass ich reden muss. Ich konnte aber nicht. <BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Paula Morandell Atz: Wenn man ein Wort gesagt hat, bekam man von den Leuten die vielen Vorwürfe zu hören. Warum habt ihr euch für die Option entschieden? Die Leute damals waren sehr hart, und wir waren in ihrer Wahrnehmung nichts als Zigeuner. <BR /><BR /><b>Warum haben sich deine Eltern für die Option entschieden?</b><BR />Paula Morandell Atz: Mein Vater war ja bei der Bahn angestellt, das hatte er immer schon gewollt. Mit einem Schlag wurden dort aber die Leute mit Italienern von unten ausgetauscht. Er hätte nach Sizilien gehen können, aber die Mama wollte wegen der Kinder nicht. Bauer werden wollte er sowieso nicht. Wenig später gab es die Möglichkeit, nach Baden bei Wien zu gehen. Das war im April 1940. Tata und Mama waren beide einverstanden, wir bekamen dort eine wunderschöne Wohnung, hatten einen großen Garten und eine Parkanlage zum Spielen. Dann aber überrollten uns die Kriegsereignisse. Tata war in Jugoslawien in russische Kriegsgefangenschaft gekommen. Und bei uns in Baden gab es immer öfter Bombenabwürfe. Viele Bewohner flohen, unsere Mutter entschied sich, im Luftschutzkeller zu bleiben, weil wohin sollten wir denn auch fliehen? Und so kam es zu den schrecklichen Vorfällen mit den Russen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1088700_image" /></div> <BR /><b>Wann war das?</b><BR />Paula Morandell Atz: Das war 1945, zu Ostern. Wir haben mitansehen müssen, wie die Russen die Frauen gequält und vergewaltigt haben. Mehrmals nacheinander und dann haben sie sie einfach in eine Ecke geworfen. Viele haben das gar nicht überlebt. Es war schiach. Auch unserer Mutter ist das passiert, ich als Kind habe sie gefragt: Mama, was machen sie mit dir? Sie wollte dazu nichts sagen, sie hat sich natürlich geschämt. Vielen meiner Schulfreundinnen aus jener Zeit ist dasselbe widerfahren, viele haben dabei das Leben verloren. Schiach war das alles, richtig schiach. Das war der Grund, weshalb mich meine Mama für lange Zeit lang nie rausgehen ließ. <BR /><BR /><b>Waren diese Gräueltaten das Schlimmste, das Dir widerfahren ist?</b><BR />Paula Morandell Atz: Ja, das und die ständigen Bombardierungen. Eine Bombe ist auch bei uns in den Garten rein, aber nicht explodiert. Sonst wären wir nicht mehr hier. Wieder einmal sind wir davongekommen. Wir hatten großes Glück. Auch mit Juri, dem wir letzten Endes unser Leben zu verdanken hatten.<BR /><BR /><b>Wer war Juri?</b><BR />Paula Morandell Atz: Eines Tages hörten wir Klopfen an der Tür, ich sah einen russischen Soldaten, erkannte ihn an der typischen Pelzkappe, der Tschapka. In der Schule hatten wir gelernt, die Russen kommen nur als Feinde, sie bringen alle um. Aufmachen, hat er geschrien. Vor lauter Angst erstarrte ich. Er lud sein Gewehr und schrie nochmals: Aufmachen! Ich war endlich imstande, nach Mama zu rufen, sie ist herbeigeeilt und hat ihm aufgesperrt. Er hat sie am Hals gepackt und an die Wand gedrückt, dann ist sie am Boden gelegen. In dem Moment kamen die 4 kleinen Biablen herauf – 2, 4, 6 und 8 Jahre alt. Ich war damals 10. Da plötzlich sagte er: Was habe ich nur getan? Er ist zur Mama hin und hat sich entschuldig, wieder und immer wieder. Viele Russen haben ein gutes Deutsch gesprochen. Und dann hat er gesagt, er würde uns seine Geschichte erzählen – nicht mehr heute, aber morgen.<BR /><BR /><b>Hat er sie erzählt?</b><BR />Paula Atz: Ja, und ich durfte mit dabei sein. Er hat erzählt, wie die deutschen Soldaten gekommen waren, 10 an der Zahl. Sie haben ihn festgehalten, den Revolver an die Schläfe gedrückt. Dann haben sie seine Frau geholt und vor ihm vergewaltigt. Nacheinander, einfach brutal. Sie ist gestorben, sie haben sie einfach in eine Ecke geworfen. Dann haben sie seine 12-jährige Tochter geholt, wieder das gleiche. Und dann war noch der 3-jährige Bub, den haben sie einfach bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen. Schiach, einfach nur schiach. Und daraufhin hatte er sich freiwillig beim Militär gemeldet und sich geschworen: Die ersten Deutschen, die ich treffe, bringe ich eigenhändig um. Und wir, die am Bahnhof gelebt haben, waren die ersten Deutschen. Deshalb sage ich ja: Wieder Glück gehabt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1088703_image" /></div> <BR /><BR /><b>Juri hatte sich beim Anblick der 5 Kinder einfach erbarmt, oder?</b><BR />Paula Morandell Atz: Ja, er hat sich erbarmt und verstanden, dass wir auch nur arme Menschen sind. Dann hat er uns geholfen und uns gesagt, wo wir Zuflucht finden vor den anderen Russen. Andernfalls würden wir wohl nicht mehr da sein. Ich habe ihn danach nie mehr gesehen. Viele Jahre später bin ich mal raufgefahren bis nach St. Petersburg, habe für ihn eine Kerze angezündet und eine Messe lesen lassen, weil er uns das Leben gerettet hat. <BR /><BR /><b>Und nun, wie hat es sich angefühlt, mehr als 70 Jahre später an diese Schauplätze von damals zurückzukehren?</b><BR />Paula Atz Morandell: Die alten Erlebnisse sind zwar schon wieder hochgekommen, aber mir hat es eigentlich nichts ausgemacht. Was will man denn auch machen? Sogar die Kellerräume unseres ehemaligen Wohnhauses in Baden fanden wir noch so vor, wie wir sie damals verlassen hatten. Mit den Zeichnungen, die ich in die Mauern gekritzelt hatte. Damals, nach meiner Rückkehr, hatte mir ein Professor in Tramin geraten, alles aufzuschreiben, aber nichts zu lesen. Das habe ich getan, ich habe einfach alles aus meiner Erinnerung aufgeschrieben. Das war wohl das Beste, das ich tun konnte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1088706_image" /></div> <BR />Der Film „Mein Weg zurück“ von Hubert und Matthias Schönegger (Geos Film) beruht auf der Geschichte von Paula Morandell Atz. Die Zeitzeugin schildert im Film ihre Erlebnisse, zugleich wird die Handlung an vielen Originalschauplätzen von Schauspielern verkörpert. Unter anderem wurde in Baden, am Ritten, in Aldein und auf der Mendel gedreht. <b>Die Premiere erfolgt am 9. November im Kino von Kaltern (15.00, 17.00 und 18.15 Uhr).</b> Genau an jenem Ort, dem alten Bahnhof, hatte Paulas Vater Josef gearbeitet. Ticket-Reservierungen per E-Mail unter info@filmtreff-kaltern.it. <BR /><BR />Weitere Vorführungen gibt es in Kaltern am 15. und 16. Nov. jeweils um 17.30 Uhr sowie in Lienz (16. Nov.) und Bruneck (29. Nov. um 18.30 und 20.30 Uhr).