Donnerstag, 15. März 2018

Zeugin liefert entscheidenden Hinweis im Entführungsfall Würth

Ein Telefon-Mitschnitt seiner Stimme wurde dem mutmaßlichen Täter im Fall Würth zum Verhängnis. Fahndungserfolg der Polizei bei einer der spektakulärsten Entführungen in der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte: Der mutmaßliche Lösegeld-Erpresser sitzt in Gießen im Gefängnis.

Der Sohn von Schrauben-Millionär Reinhold Würth wurde im 2015 entführt. Jetzt konnte die Polizei den Täter überführen.
Der Sohn von Schrauben-Millionär Reinhold Würth wurde im 2015 entführt. Jetzt konnte die Polizei den Täter überführen. - Foto: © shutterstock

Am Mittwoch wurde er in Offenbach von Spezialkräften der Polizei in seiner Wohnung überwältigt und verhaftet. Es ist ein 48 Jahre alter Serbe, der im Juni 2015 den behinderten Milliardärssohn Markus Würth verschleppt haben soll. Würth lebte in der ländlichen Idylle des Hofguts Sassen in einer integrativen Wohngruppe in Schlitz, nahe dem osthessischen Fulda.

Erneuter Erpressungsversuch im vergangenen Jahr

Weil sein Plan scheiterte, drei Millionen Euro von dem Industriellen und „Schraubenkönig“ Reinhold Würth abzukassieren, soll der Tatverdächtige im vergangenen Jahr sogar einen erneuten Erpressungsversuch unternommen haben. Diesmal verlangte er umgerechnet 70 Millionen Euro in einer Kryptowährung. Er drohte damit, erneut Markus Würth (53) oder ein anderes Familienmitglied zu entführen, wie die Staatsanwaltschaft Gießen und die Polizei am Donnerstag in Fulda erklärten.

Die Familie Würth gehört zu einer der reichsten in Deutschland. Reinhold Würths geschätztes Vermögen beträgt nach Angaben des US-Magazins „Forbes“ 14,2 Milliarden US-Dollar.

Zeugin erkennt den Mann wieder

Doch zu einem erneuten Verbrechen kommt es nicht. Und der vom Erpresser, einem Handwerker, hergestellte E-Mail-Kontakt bricht wieder ab. Auf die Spur kommen die Ermittler dem Mann auch nicht. In seinen Mails lässt er zwar Täterwissen durchblicken, aber der Mailverkehr ist verschlüsselt. Die elektronische Post nach ihrem Weg durchs Daten-Labyrinth des Darknets zurückzuverfolgen, gelingt nicht. Um sich hinter verschlüsselten Mails zu verstecken, müsse man nicht mal sonderlich kundig sein, erklärt Staatsanwalt Thomas Hauburger.

Zum Durchbruch kommt es bei den letztlich rund 1000 Tage währenden Ermittlungen durch eine aufmerksame Zeugin aus dem Rhein-Main-Gebiet. Sie erkennt im Januar auf einem Fahndungsplakat mit einem Phantombild den Mann wieder.

Sie ruft die Polizei-Hotline an, um sich seine Stimme anzuhören. Dann wird ihr klar: Es ist der Mann, der in ihrem Haushalt schon als Handwerker tätig war. Sie alarmiert die Polizei. Die Beamten observieren den Verdächtigen – verheiratet, zwei Kinder, keine Vorstrafen – und schlagen zu, als sie sich sicher sind.

Im Fall der Verurteilung: 5 bis 15 Jahre Haft

Als die Ermittler den 48-Jährigen nach der Festnahme verhören und begutachten, staunen sie gleich mehrfach. „Er hat zehn Stunden dauer-gequatscht“, sagt Daniel Muth, Kriminaloberrat bei der Fuldaer Polizei.

Wortreich und ausschweifend habe sich der Tatverdächtige zwar auf die Gespräche mit den Beamten eingelassen, aber zu den Tatvorwürfen geschwiegen – also kein Geständnis abgelegt. Im Fall einer Verurteilung muss der Mann mit einer Haftstrafe zwischen 5 und 15 Jahren rechnen.

Und die Beamten erleben „verblüffende“ Übereinstimmungen zwischen dem aufgrund von Sprachanalysen erstellten Täterprofil und der Realität. Die Ermittler vermuteten, dass der Entführer zwischen 40 und 52 Jahren alt ist – der Verdächtige ist 48 Jahre alt. Sie vermuteten, dass der Mann beruflich viel Kontakt zu Menschen hat – als Handwerker durchaus. Die Ermittler konnten sogar die Region eingrenzen, wo er auf dem Balkan vermutlich lebte – und dass er wohl erst im Rhein-Main-Gebiet angekommen Deutsch lernte.

Grammatikalische Eigenarten verraten den Täter

Erstellt wurde das Täterprofil auf Grundlage von zwei Sprachgutachten, eines kam vom Bundeskriminalamt, ein anderes von Wissenschaftlern der Uni Marburg. Die Experten könnten zahlreiche Parameter heraushören und analysieren. Die Klangfarbe und die Tonalität seien nur zwei von vielen Punkten, erklären die Ermittler.

Aufschlussreich seien auch ganz individuelle Sprachmuster und grammatikalische Eigenarten. Ein Telefonat mit der Polizei beendete der Entführer mit den Worten: „Okay, ich trenne mich.“ Diese und andere Passagen wurden den TV-Zuschauern bei der Öffentlichkeitsfahndung in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ präsentiert.

Hunderte Hinweise gingen danach ein. Doch die berühmte heiße Spur war zunächst nicht dabei. Beweise erhoffen sich die Ermittler nun unter anderem durch die Auswertung des Handys und des Laptops des Festgenommenen.

Ob der Täter Komplizen hatte, bleibt ungeklärt

Der Täter hatte sein Opfer am Tag nach der Entführung ausgesetzt und der Polizei mitgeteilt, wo sie Markus Würth findet. Beamte entdeckten ihn mit Ketten an einen Baum gefesselt, aber unversehrt in einem Waldstück bei Würzburg.

Da Markus Würth der Polizei aufgrund seiner Behinderung bei der Jagd nach dem Täter nicht weiterhelfen konnte, wurde er wahrscheinlich am Leben gelassen. Auch dies mache den Fall neben vielen weiteren Facetten außergewöhnlich, sagte der Fuldaer Kriminalbeamte Muth.

Markus Würth wohnt nun an einem geheim gehaltenen Ort. Die Frau, die den entscheidenden Hinweis auf den mutmaßlichen Täter gab, kann sich im Fall einer Verurteilung Hoffnungen auf eine Belohnung machen.

30.000 Euro waren ausgelobt. Eine spannende Frage ist indes noch unbeantwortet: Hatte der Entführer Komplizen? Eine Allein-Täterschaft sei möglich. Dass es Mittäter gab, könne aber nicht ausgeschlossen werden, sagten die Ermittler der Deutschen Presse-Agentur.

dpa

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stol