„Menschen überschätzen ihre Bereitschaft zur Zivilcourage“, sagt der Psychiatrie-Primar Dr. Andreas Conca. Aber: Zivilcourage kann man lernen. <BR /><BR />Anlass für unsere Recherche ist ein gewaltsamer Vorfall, der sich kürzlich angeblich in Bozen ereignet hat. In der Nähe des Obstmarktes – einer stark frequentierten Zone in der Altstadt – sollen an einem Samstagabend zwei junge Sanitäter des Roten Kreuzes zuerst verbal und dann physisch attackiert worden sein, während sie einer Patientin Erste Hilfe leisteten. Die Frage drängt sich auf, wieso die vielen Beobachter, die an jenem Samstagabend in der Bozner Altstadt vor Ort waren, nicht eingeschritten sind.<BR /><BR />Menschen würden die eigene Bereitschaft zur Zivilcourage häufig überschätzen, meint dazu auf Anfrage der Bozner Psychiatrie-Primar Dr. Andreas Conca.<BR /><BR /> Eine Studie des deutschen Max-Planck-Instituts gibt ihm recht. In dieser Studie gaben alle Befragten an, sie würden sich in eine entsprechende Situation einmischen. Aber bei darauf folgenden praxisbezogenen Tests griff maximal ein Viertel der befragten Personen tatsächlich ein. <h3> Schon ein Gedanke ist einer zu viel </h3>Ob Menschen einschreiten oder nicht, hängt laut Primar Conca von Persönlichkeitsmerkmalen, Erziehung sowie von dem sozialen und kulturellen Umfeld ab. Gleichzeitig stellt Dr. Conca das Prinzip „One thought too many“ in den Raum - zu Deutsch „Ein Gedanke zu viel“. „In kritischen Situationen kann bereits ein zusätzlicher Gedanke dazu führen, dass man nicht mehr handelt“, sagt Dr. Conca. Wer beginnt, Risiken, Konsequenzen oder die eigene Rolle ausführlich abzuwägen, verliert oft den entscheidenden Moment zum Handeln. <BR /><BR />Hinzu kommt der sogenannte Zuschauereffekt. Je mehr Menschen anwesend sind, desto stärker orientiert sich der Einzelne am Verhalten der anderen. Greift niemand ein, sinkt damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst aktiv wird. <BR /><BR />Laut dem Psychiatrie-Primar ist es in den meisten Fällen aber auch besser, erst mal ruhige Hand zu bewahren. „Wir müssen weg von der Vorstellung, Zivilcourage mit einer heldenhaften Tat zu verbinden“, sagt er. Es hat zum Beispiel wenig Sinn, sich völlig gedankenlos auf einen bewaffneten Täter zu stürzen. „Zivilcourage beginnt dann, wenn man mit den Möglichkeiten, die man hat, versucht zu helfen“, unterstreicht Dr. Conca.<h3> Bei Schlägerei zunächst auf Distanz bleiben</h3>Lukas Schwienbacher ist der Koordinator der Fachstelle Gewaltprävention im Forum Prävention und weiß, wie man sich angemessen verhält, wenn es einmal brenzlig wird. <BR /><BR />Er schlägt in dieselbe Kerbe wie Primar Dr. Conca. „Wer anderen helfen möchte, muss zuerst auf die eigene Sicherheit achten“, sagt Schwienbacher.<BR /><BR /> Wird man Zeuge einer Schlägerei, gilt es zunächst, auf Distanz zu bleiben. Um die Situation nicht weiter zu eskalieren, sollte auch auf einen verbalen oder körperlichen Angriff auf den Täter verzichtet werden, führt Schwienbacher aus. Auch der Versuch, ihn aufzuhalten oder gar zu verfolgen, kann zusätzliche Risiken bergen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1337535_image" /></div> <BR /><BR />Stattdessen ist Hilfe suchen angesagt. Ob es das Wählen des Notrufs ist oder der Versuch, andere Personen auf die Situation aufmerksam zu machen – gemeinsam ist man auf jeden Fall stärker. Wichtig ist auch, dem Opfer Beistand zu leisten und es zu beruhigen, bis Polizei oder Carabinieri am Tatort eintreffen. Die Zeugenaussage bei den Behörden zählt genauso zur Zivilcourage. „Handelt man überlegt, ist in der Regel viel mehr geholfen, als wenn man sich einfach ins Geschehen stürzt“, so Schwienbacher. <BR /><BR />Das Gefühl, dass Zivilcourage in der Gesellschaft an Bedeutung verliert, teilt der Experte nur bedingt. „Es gibt genügend Fälle, wo Menschen in kritischen Situationen einschreiten und Hilfe holen. Nur werden diese Taten nicht immer bekannt“, sagt Schwienbacher. Meistens braucht es nicht viel: Zivilcourage beginnt, wenn hin- anstatt wegsieht. Gar nichts zu tun, bedeutet, Gewalt zu dulden.