Freitag, 04. März 2016

Zu Gast im Trauercafé: Wozu das gut sein soll

Wer trauert ist in der heutigen Gesellschaft fehl am Platz. Denn Trauernde brauchen Verständnis, Raum und Zeit - und das ist weder produktiv, noch angenehm - für niemanden. Ein Plausch bei Kaffee und Kuchen klingt da schon verlockender. Und gerade darin liegt das Konzept der Trauercafès in Südtirol. Denn: "Trauer braucht keine Behandlung, sondern Ausdruck", weiß einer, der es wissen muss.

Im Trauercafè erfahren Trauernde Verständnis für ihre jeweilige Situation, achtsamen Umgang untereinander und die Möglichkeit, sich mitzuteilen oder einfach nur zuzuhören.
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Im Trauercafè erfahren Trauernde Verständnis für ihre jeweilige Situation, achtsamen Umgang untereinander und die Möglichkeit, sich mitzuteilen oder einfach nur zuzuhören. - Foto: © shutterstock

Südtirol Online: In Südtirol gibt es Trauercafés - wozu soll das gut sein - und woher stammt die Idee? 
Günther Rederlechner, Leiter der Caritas Hospizbewegung: Die Idee des Trauercafés stammt von unseren deutschsprachigen Nachbarn und Kollegen in Österreich und Deutschland. Grundsätzlich ist unsere Erfahrung, dass wir in Südtirol niederschwellige Angebote für Trauernde brauchen, in denen sie mit anderen Betroffenen zusammenkommen und sich austauschen können.
Derzeit gibt es in Bruneck, Brixen, Kastelruth, Bozen, Lana, Meran und Mals diese Trauercafés.

STOL: Aber Café steht eher für einen gesellig-lustigen Austausch bei Kaffee und Kuchen ...
Rederlechner: Es braucht dabei eine Atmosphäre, in der sich die Trauernden wohlfühlen und auch die Zeit und den Raum für diese Auseinandersetzung bekommen. Das Trauercafè bietet genau diesen Rahmen.
Es soll eine lockere Atmosphäre geschaffen werden - daher auch Kaffee und Kuchen. Damit möchten wir ein Zeichen setzten, dass die Trauer nicht vordergründig professionelle Begleitung braucht, sondern oft einfach „nur“ Platz zum Leben. Trauer geschieht somit in Lebenssituationen, die alltäglich sind – eben auch beim Zusammensitzen mit Kaffee und Kuchen. 

STOL: Und wozu soll ein Besuch im Trauercafé gut sein?
Rederlechner: Trauernde wissen oft nicht, wie sie ihre Trauer ausdrücken und leben können. Ein Austausch mit anderen trauernden Menschen kann da hilfreich sein. In geschützter Atmosphäre können Betroffene über ihre Gedanken und Gefühle sprechen. Den Inhalt bestimmen sie selbst. Natürlich ist es jedem selbst überlassen, ob er etwas erzählen möchten oder einfach nur mal zuhört. 
Ein Trauercafè ist keine Trauergruppenbegleitung, sondern ein offener Treffpunkt, bei dem ein Kommen und Gehen zu jeder Zeit möglich ist. Es ist auch egal, wie lange der Verlust zurückliegt. Alles darf seinen Platz haben.

STOL: Die Trauernden erfahren aber auch professionelle Hilfe?
Rederlechner: Ehrenamtliche Trauerbegleiter der Caritas-Hospizbewegung sind immer auch vor Ort und „gesellen“ sich zu den Trauernden. Wenn notwendig, dann führen sie auch Einzelgespräche und unterstützen den einzelnen.
Auch Freunde von Trauernden können gerne dabei sein und die Betroffenen begleiten.

Nicht alleine sein - mit sich und der Trauer: Ziel der Treffen ist es, die Trauernden untereinander ins Gespräch zu bringen. Dieser wertvolle Austausch ist eine wichtige Säule der Trauercafès. - Foto: shutterstock

STOL: Wie kann ich mit Trauer umgehen, um sie zu überwinden?
Rederlechner: Das Erleben und Zulassen der schmerzhaften Trauer sind gleichzeitig die Schlüssel zur Bewältigung. Damit meine ich den Umstand, da ich die Trauer nur dann überwinden und bearbeiten kann, wenn ich Raum und Zeit für mein Trauer habe; sie zulassen kann. Nur daraus kann sich Trost entwickeln.
Trauernde brauchen Ermutigung, die Trauer zu leben. Menschen, die Trauernde begleiten wollen, müssen dafür sorgen, dass diese Trauer auch ihren Platz bekommt. Das erfordert Achtsamkeit und Feingefühl.

STOL: Trauer muss also ihren Platz bekommen. Aber welchen Raum und Stellenwert nimmt Trauer in der Gesellschaft überhaupt ein?
Rederlechner: In unserer heutigen Gesellschaft beobachte ich drei bedeutende Phänomene: Zum einen wird der Trauer wenig Zeit und Raum zugesprochen und sie somit an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wo Trauer wie eine Handbremse empfunden wird. Trauer ist sozusagen in unserer gesellschaftlichen Ebenen nichts Produktives; nichts, durch die ein Gewinn herausschaut. Daher wird sie auch aus der Gesellschaft und somit aus dem Leben verdrängt und nicht zugelassen.

Das zweite Phänomen der Trauer in unserer Gesellschaft ist der Umstand, dass das Thema Trauer im Gegensatz zum, oben beschriebenen Phänomen manchmal auch dafür genutzt wird, um daraus ein Geschäft zu machen.

Und: Eine große Professionalisierungstendenz macht sich breit. Die Trauer, die einst als „normal“ und „zum Leben dazugehörig“ galt, wird in unserer heutigen Gesellschaft als Störung wahrgenommen. Sie ist etwas geworden, die nicht nur begleitet, sondern fast schon behandelt werden muss. Doch gerade durch diese Botschaft und Haltung wird den trauernden Menschen zunehmend vermittelt, dass diese ihre Trauer nicht „normal“ ist und deshalb professionell begleitet werden muss.

Trauer ist und bleibt ein komplexes Phänomen, das eine guten Kenntnis und ein achtsames Mitgehen erfordert. Es geht nicht um Professionalisierung, sondern vielmehr um ein Sich-Einlassen auf den betroffenen Menschen. Trauer braucht in erster Linie keine „Behandlung“, sondern Ausdruck.

STOL: Stellt sich die generelle Frage - was genau ist Trauer eigentlich?
Die Trauer ist ein gesamtmenschlicher Ausdruck von Verlusterfahrungen. Der Verlust eines lieben Menschen berührt im tiefsten Inneren. Durch diese schmerzliche Erfahrung durchleben die Betroffenen vielfältige Gefühle. Die Trauer stürzt sie in Dimensionen, die sie so in dieser Form vorher nicht kannten. Dies macht Angst und unsicher. 
Der Gedanke daran, dass diese Reaktionen nicht normal sind, belastet. Und dennoch gilt, dass dieser Ausdruck von Trauer zunächst ganz normale Reaktionen sind.

Es braucht Zeit, Raum und Verständnis für Trauer und besonders für das Trauererleben, das sehr unterschiedlich sein kann. Wenn diese Rahmenbedingungen gegeben sind, dann finden die Menschen die besten Voraussetzungen, um Ihre Trauer zu verarbeiten. - Foto: shutterstock

STOL: Wie äußert sich Trauer – sichtbar oder auch nicht?
Rederlechner: Trauer äußert sich auf der körperlichen Seite. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Erschöpfung können dabei auftreten. Zudem kann es zu Atembeschwerden, Magen- Darmbeschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder aber auch zu einer allgemeinen Infektanfälligkeit kommen. Die körperlichen Beschwerden können vielfältig sein.

Trauer äußert sich aber auch auf der psychischen und sozialen Seite. Das Leitgefühl ist die Traurigkeit. Trauernde fühlen sich traurig, weinen viel, sind wütend oder fühlen sich leer oder hilflos. Manchmal empfinden Trauernde auch Schuldgefühle, Sehnsucht oder gar Erleichterung. Sie ziehen sich auch oft zurück - aus eigenem Schutz vor „gut gemeinten“ Ratschlägen des Umfeldes oder einfach aus dem Gefühl heraus, allein sein zu wollen.

Trauer äußert sich auch in spiritueller Hinsicht. Trauernde fragen nach dem „Warum?“ und stellen den Sinn des Lebens in Frage. Sie begeben sich auch auf eine Suche nach Antworten.
Dann gibt es auch Unterschiede im Trauererleben zwischen Mann und Frau. Beispielsweise stürzt sich den Mann vermehrt in Aktion und arbeitet plötzlich viel und die Frau sucht nach Gesprächspartner um die Trauer auszudrücken.

STOL: Warum trauen wir eigentlich?
Rederlechner: Wir trauern, weil wir lieben. Trauer ist also der Ausdruck von tiefer Verbundenheit und Liebe zu dem Menschen, der plötzlich nicht mehr da ist.
Trauer ist wie bereits erwähnt eine Reaktion auf Verlusterfahrungen, Verluste gibt es viele im Leben. Dabei geht es nicht nur um den Tod eines lieben Menschen. Hier könnte man vieles aufzählen:

  • Bei Kindern kann der Verlust eines Spielzeuges bzw. wenn etwas kaputt geht Trauer auslösen
  • Wenn eine Paarbeziehung in Brüche geht
  • Wenn ich zunehmend an Selbstständigkeit – vor allem im Alter – verliere und demzufolge angewiesen bin auf fremde Hilfe. Auch das löst Trauer aus.
  • Und vieles mehr..

STOL: Wann wird Trauer zum Problem?
Rederlechner: Trauer wird dann zum Problem, wenn sie keine Ausdrucksmöglichkeit bekommt. Zudem ist es problematisch, wenn Trauernde Depressionen entwickeln. Ein Problem ist auch dann gegeben, wenn trauernde Menschen sich zunehmend zurückziehen und vereinsamen.
Grundsätzlich ist jedoch zu sagen, dass viele dieser Reaktionen am Beginn der Trauer ganz normale Reaktionen sind. Es geht immer darum zu überlegen, wie lange diese Reaktionen in welcher Intensität anhalten und ob sie nicht allmählich im Laufe der Zeit abnehmen.

STOL: Wie lange ist das Trauern also „in Ordnung“?
Rederlechner: Grundsätzlich gilt, dass jemand so lange trauern kann, wie er es braucht. Man kann nicht einfach sagen, dass alles, was länger als ein Jahr dauert, nicht mehr in Ordnung sei. Manchmal brauchen Trauernde auch mehrere Jahre. Die Dauer hängt immer auch von der Intensität der Trauer ab.
Manchmal kann das Gefühl, dass die Trauer niemals zu Ende geht, da sein. Es kann aber auch sein, dass trauernde Menschen ihre Trauer erst nach Monaten oder gar Jahren wirklich spüren. So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich ist die Tiefe und Dauer der Trauer.

Eine Verlusterfahrung schmerzt oft über einen langen Zeitraum und dennoch machen Trauernde die Erfahrung,  dass sich ihre Trauerreaktionen im Laufe der Zeit verändern. 
Das „scheinbar“ Verlorengegangene ist nicht verloren, sondern bekommt einen anderen besonderen Platz im Leben. Dadurch kann ein Neubeginn starten und der weitere Lebensweg kann durch neue Lebensfreude gestärkt werden.

Im Trauercafè treffen sich Trauernde unabhängig davon, wie lange ein Verlust zurückliegt. Begleitet werden die Treffen von ehrenamtlichen Trauerbegleitern der Caritas Hospizbewegung. - Foto: shutterstock

STOL: Wenn Trauer überwunden scheint, kann sie einen wieder einholen – etwa an Jahrestagen oder wenn ähnliche Vorfälle passieren?
Rederlechner: Die Trauer ist nicht etwas, das dann einfach weg ist, wenn ich den Verlust überwunden habe. Jahrestage oder sich an den Verlust, den Verstorbenen erinnern, löst natürlich immer wieder auch die Erinnerung an die Verlusterfahrungen aus. 
Ich denke, dass Trauernde gerade bei solchen Erinnerungstagen ihre Trauer spüren. Aber auch das ist gut so und hilft, einen weiteren Schritt in Richtung Bewältigung zu gehen. Es braucht allerdings wiederum den Platz, wo diese Trauerreaktionen sein dürfen.

STOL: Warum fällt uns das Loslassen so schwer?
Rederlechner: Loslassen ist ein Begriff, der gerade in der Trauerarbeit nicht mehr vorkommen sollte. Wie kann ich etwas loslassen, das ich liebe? 
Es geht vielmehr um ein Sich-Lösen von bestimmten Bindungen. Das ist sehr schwer - auch deshalb, weil mich vieles mit dem Verstorbenen verbindet. Abschied nehmen von diesen Beziehungen ist schwerste Arbeit. Deshalb spricht man ja gerade in der Trauer von „Trauerarbeit“. 

Mir schient es hier schon wichtig zu sagen, dass wir achtsam mit der Äußerung „Du musst mal loslassen“ umzugehen müssen. Das ist in diesem Verständnis kein Trost. Vielmehr geht es darum, einen trauernden Menschen darin zu unterstützen, nicht loszulassen, sondern dem Verstorbenen einen anderen besonderen Platz im Leben zu geben.

STOL: Warum ist es so schwer Worte zu finden, wenn Menschen trauern?
Rederlechner: Wenn ich trauernden Menschen begegne, dann bin ich auch in irgendeiner Weise betroffen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Anbieten von Lösungen hohe Priorität hat.
Und gerade in der Begegnung mit Trauernden wird uns schnell bewusst, dass wir nie Lösungen für das Schicksal der Trauernden haben. Einfach nur Da-Sein – ohne Lösungsansätze – macht uns ohnmächtig und hilflos. Es geht darum, sich an den Bedürfnissen und Themen der trauernden Menschen zu orientieren und keine Lösungen anzubieten.
Das heißt, es geht um das Aushalten der Situation und um ein Sich-Einlassen bzw. auch ein Zulassen der Trauer.

Manchmal beobachte ich auch, dass Menschen Antworten auf Fragen bzw. Situationen von Trauernden suchen und geben dabei „zwar gutgemeinte“ aber „nicht passende“ Ratschläge. Es ist in vielen Situation besser, mit den Betroffenen zu schweigen, als die Betroffenen mit Angeboten und Ratschlägen zu überhäufen.

Interview: Petra Kerschbaumer

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Die Caritas Hospizbewegung organisiert in verschiedenen Ortschaften und Bezirken des Landes (Bozen, Meran, Brixen, Bruneck, Lana, Mals und Kastelruth) sogenannte Trauercafés. Die Treffen dauern im Schnitt eineinhalb bis zwei Stunden. Die Teilnahme ist kostenlos. Interessierte können sich an Tel. 0471/304370 oder [email protected] wenden.

stol