Wir sind der Frage nachgegangen, warum man sich damit so schwer tut und haben uns bei Ernährungsberaterin Ivonne Daurù Malsiner über die Wirkung und Folgen von erhöhtem Zuckerkonsum erkundigt. Dabei treten einige überraschende Einsichten zutage – etwa wie sich der Zuckerkonsum werdender Mütter auf deren Kind auswirkt. <BR /><BR />Nicht auf Schoko-Ostereier oder süßes Ostergebäck haben es die Befürworter der sogenannten Zuckersteuer abgesehen, sondern vielmehr auf gesüßte Getränke – also alle Arten von Soft-Drinks, Eistee, Energy-Drinks, Sirupe oder Instant-Getränkepulver. Reine Fruchtsäfte, Smoothies oder Getränke mit natürlichem Fruchtzucker ohne Zusatzstoffe sind davon ausdrücklich ausgenommen. <BR />Vorgesehen ist eine Verbrauchssteuer von 10 Euro pro Hektoliter, was 10 Cent pro Liter entspricht. Zusammen mit der Plastiksteuer auf Einwegprodukte gibt es das entsprechende Gesetz seit 2020 – in Kraft getreten ist es allerdings aufgrund mehrfacher Aufschiebungen noch immer nicht. Neu befeuert wird die gesundheitspolitische Debatte in Deutschland und Erfahrungswerten aus Ländern wie Großbritannien oder Mexiko, wo Zuckersteuern bereits bemerkenswerte Effekte gezeigt haben.<BR /><BR /><b>Gesetz x-mal verschoben</b><BR /><BR />Zu den prominentesten Befürwortern in Deutschland zählt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU), der eine bundesweite Abgabe auf Softdrinks durchsetzen will, weil „zu starker Zuckerkonsum erhebliche gesundheitliche Probleme und damit auch enorme gesellschaftliche Kosten“ verursache. Eine Simulationsstudie kommt zum Ergebnis, dass durch eine gestaffelte Besteuerung zuckerhaltiger Getränke rund 200.000 Fälle von Typ-2-Diabetes verhindert werden könnten und sich Gesundheitskosten in Milliardenhöhe einsparen ließen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297881_image" /></div> In Italien dagegen schwelt die Thematik bedächtig vor sich hin, jedoch ist ein unvermutetes Inkrafttreten der „Sugar Tax“ allemal denkbar. „Der politische Wille dafür ist in meinen Augen gegeben, da es in zweifacher Hinsicht positive Effekte geben würde – einerseits für die Gesundheit der Kinder, andererseits für die Staatskassen“, lässt die Südtiroler Parlamentarierin Renate Gebhard wissen. Derzeit handle es sich jedoch nicht um ein akutes Thema, und grundsätzlich wolle die Regierung wohl „nicht eine weitere Baustelle“ eröffnen. Dazu komme der Einfluss starker Interessensverbände. Stand heute sollten „Sugar Tax“ und „Plastic Tax“ mit 1. Jänner 2027 kommen, aber wohin die Reise tatsächlich geht, wird letztlich das Haushaltsgesetz zeigen. Zum x-ten Mal. <BR /><b><BR />Laut Renate Gebhard ist politischer Wille gegeben</b><BR /><BR />Die Gegner der Zuckersteuer argumentieren, man solle lieber in Prävention und Aufklärung investieren, anstatt in Bevormundungspolitik. Der gesamtstaatliche Verband der Getränkeproduzenten Assobibe spricht etwa von einer „ideologischen Steuer“. Dazu kommen Bedenken, welche bürokratischen Auswüchse die Umsetzung nach sich ziehen würde, auch manche unabhängigen Verbrauchermagazine wie etwa „Il Fatto Alimentare“ bezweifelten die Sinnhaftigkeit einer Zuckersteuer. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297884_image" /></div> <BR />Und wenn der Zweck einer Zuckersteuer die Gesundheit der Bevölkerung sei, dann könne man doch nicht alle anderen Süßwaren außen vor lassen, heißt es.Indes zeigen Erfahrungen aus Großbritannien, Mexiko oder Chile, dass eine Zuckersteuer ihre Wirkung nicht verfehlt hat: Viele Hersteller senkten den Zuckergehalt ihrer Produkte, Haushalte schränkten sich im Kauf von Softdrinks ein, in Großbritannien ermittelte eine Studie einen achtprozentigen Rückgang der Fettleibigkeit bei zehn- und elfjährigen Mädchen. Dagegen wurde eine zwischenzeitlich in Dänemark eingeführte Zuckersteuer wieder abgeschafft.<BR /><BR /><b>Fettleibigkeit bei Kindern ist großes Problem</b><BR /><BR />Ungeachtet der Positionen zu einer Zuckersteuer steigt der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen immer weiter an. Die gemeinnützige Gesundheitsstiftung und Forschungseinrichtung Auxologico bezeichnet Übergewicht bei Kindern als eines der weltweit größten Probleme der öffentlichen Gesundheitsversorgung. <BR />Nach deren Daten seien in Italien derzeit 39 Prozent der achtjährigen Kinder von Übergewicht betroffen, fast jedes fünfte Kind leide unter Adipositas. Ohne Therapien riskieren 70 bis 80 Prozent der betroffenen Kinder, ihr Leiden das gesamte Erwachsenenleben mitzuschleppen – mit all den verbundenen Gesundheitsrisiken.<BR /><BR /><BR /><b>Ernährungswissenschaftlerin Ivonne Daurù Malsiner im Interview</b><BR /><BR /><BR />Die achtsame und gesunde Ernährung ist die Kernkompetenz der Ernährungsberaterin und -wissenschaftlerin Ivonne Daurù Malsiner. Im Interview geht sie der Wirkung und den Folgen des Zuckers auf den Grund. Gegen eine empfohlene Tagesdosis an Zucker sei nichts einzuwenden, allerdings werde der Zuckergehalt vieler Lebensmittel unterschätzt.<BR /><BR /><BR /><b>Frau Daurù, würden Sie zustimmen, dass das Gesundheitsbewusstsein in der Südtiroler Bevölkerung eine ansteigende Tendenz aufweist?</b><BR />Ivonne Daurù: Ich kann zwar keine belastbaren Zahlen ins Feld führen, aber meiner subjektiven Wahrnehmung zufolge achten die Menschen immer mehr auf eine gesunde Ernährung. Damit einher geht der Wunsch, Krankheiten vorzubeugen und bis ins hohe Alter fit zu bleiben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297887_image" /></div> <BR /><b>Zugleich nehmen Übergewicht und damit verbundene Beschwerden zu. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?</b><BR />Daurù: Nur etwa 20 Prozent unseres Essverhaltens werden bewusst gesteuert, der große Rest unterliegt dagegen Emotionen, Gewohnheiten und spontanen Gelüsten. Wenn etwa viele Menschen zwischen den Hauptmahlzeiten zu einem zuckerreichen Snack greifen, dann verleiht das einen schnellen Energieschub und wirkt auf das Belohnungszentrum im Gehirn. Anders gesagt: Man beschert sich ein Glücksgefühl. Somit wirkt sich das Wissen über gesunde Ernährung nicht unbedingt auf das tatsächliche Verhalten aus. <BR /><BR /><b>Wird gemeinhin der Zuckergehalt in vielen Lebensmitteln unterschätzt?</b><BR />Daurù: Ich möchte betonen, dass Zucker per se nicht schlecht ist, es aber von der konsumierten Menge abhängt. In dieser Frage kann man sich an der empfohlenen Menge der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung orientieren. Diese besagt, dass freier Zucker nicht mehr als 10 Prozent der benötigten Gesamtenergie ausmachen soll. Zur Orientierung: Das sind zwischen 25 bis 50 Gramm Zucker pro Tag. Ein halber Liter Limonade enthält bereits etwa 50 Gramm Zucker, was wiederum 15 bis 18 Stück Würfelzucker entspricht. <BR /><BR /><b>Was ist hingegen mit Fruchtzucker oder mit alternativen Süßstoffen?</b><BR />Daurù: Letztlich sind jegliche Süßstoffe, die süß schmecken, keine gesunde Alternative zum klassischen Zucker. Wenngleich die Süßstoffe Xylit (Birkenzucker) oder Erythrit keine Kalorien liefern, so sind sie nicht gut für die Herzgesundheit. Genauso verhält es sich mit den derzeit beliebten hochkonzentrierten Früchtepürees („Quetschies“), die viele Eltern ihren Kindern geben. Die ganze Frucht ist und bleibt immer noch die beste Wahl. Um somit Ihre vorherige Frage zu beantworten: Ja, der Zuckergehalt vieler Lebensmittel wird unterschätzt. <BR /><BR /><b>Haben Sie einen guten Tipp, um den eigenen Zuckerkonsum zu reduzieren?</b><BR />Daurù: Da gibt es so einiges. Etwa sich abgewöhnen, zwei Mahlzeiten mit einem Snack zu überbrücken. Wenn einem der Sinn nach Süßem steht, lieber zu frischem Obst der Saison anstatt zu zuckerhaltigen Desserts zu greifen. Oder es mal mit einer 30-tägigen zuckerfreien Phase zu versuchen. Das steigert das Bewusstsein und ändert oft das Verhalten, denn viele berichten, auf diese Weise die natürliche Süße in Lebensmitteln viel stärker wahrzunehmen. Und einen Punkt finde ich für werdende Eltern besonders interessant.<BR /><BR /><b>Für werdende Eltern?</b><BR />Daurù: Das Verlangen nach Süßem wird in den ersten 1.000 Tagen des Lebens ausgebildet – in der Schwangerschaft und in den ersten beiden Lebensjahren. Mit einer zuckerarmen Ernährung kann die Mutter also die Geschmackspräferenzen ihres Kindes für das gesamte Leben beeinflussen. Wie die entsprechende Studie aufzeigt, wirkt sich das schützend auf die Herzgesundheit von Mutter und Kind aus.