Mittwoch, 03. Februar 2021

„Zum Extremfall darf es nicht kommen“

„Wir haben noch Kapazität in den Spitälern für den Extremfall – dazu darf es aber nicht kommen“, warnt Gesundheitslandesrat Thomas Widmann im Interview mit dem Tagblatt „Dolomiten“ am Mittwoch.

Gesundheitslandesrat Thomas Widmann im Interview. - Foto: © screenshot lpa
„Wir müssen jetzt die Infektionszahlen eindämmen – und dazu braucht es die Bevölkerung, die mitmacht“, betont Widmann.

„Die Botschaft, dass wir jetzt noch Luft bei den Krankenhausbetten haben, wäre eine falsche. Bereits jetzt steht das gesamte Gesundheitssystem unter einer riesengroßen Belastung. Denn jeder Covid-Patient wird von Personal gepflegt und versorgt, welches ansonsten Normal-Leistungen für die Bürger erbringt.“

Interview: Stephan Pfeifhofer

„D“: Ist die Situation in den Südtiroler Spitälern bereits besorgniserregend? In Bruneck ist die Intensiv-Abteilung voll, Patienten müssen woanders hingebracht werden und die Zahl der Betten in der Normalstation muss um 10 aufgestockt werden...

Thomas Widmann: Das sind Momentaufnahmen und Bruneck ist ein Krankenhaus. Wir haben einen dynamischen Bettenplan und Kapazität für fast 500 Betten – davon werden derzeit über 200 genutzt, und von 100 möglichen Intensiv-Plätzen sind 35 besetzt. Wir müssen aber wieder auf die aktuelle Lage hinweisen: Die Situation ist absolut nicht gut, sehr schwierig und extrem – aber nicht nur, was die Krankenhäuser betrifft, sondern was das soziale Leben betrifft, die Schule, die Wirtschaft – alles. Für das Gesundheitssystem ist das ein Riesen-Kraftakt.

„D“: Inwiefern?

Widmann: Wenn sich 30 Covid-Patienten auf der Intensivstation befinden, dann ist das mehr, als in einer normalen Nicht-Covid-Zeit je dort liegen würden. Das verstehen die Bürger bisher nicht. Wir hatten in den vergangenen 10 Jahren immer 37 Intensiv-Betten, aber diese Betten nie voll. Das muss endlich in die Köpfe hinein: Das Gesundheitssystem ist belastet – und auch mit 20 Covid-Betten ist es belastet. Covid-Betten müssen irgendwo herausgeholt werden – und alles andere leidet deshalb.

Es werden weniger chirurgische Eingriffe gemacht, es wird weniger operiert – nur mehr so viel, wie noch möglich ist. Wenn ein Patient mit einem Polytrauma ins Spital eingeliefert wird, dann entsteht dadurch schon ein kleines Problem. Wenn ich sage, die Situation ist noch unter Kontrolle, dann heißt das nichts anderes, als dass die derzeitige Zahl an Intensiv-Patienten noch nicht so hoch ist, um Alarm zu schlagen. Am 8. November haben wir gesagt: Stopp, wir müssen zumachen!



In einer Woche ist die Zahl der Intensivpatienten von 23 auf 41 gestiegen – kontinuierlich. Wenn sich die Situation dann noch 10 Tage so weiterentwickelt hätte, dann wären wir bei 77 Intensiv-Patienten gewesen.

In so einem Fall muss man Alarm schlagen – sonst überlebt das Gesundheitssystem die nächsten 14 Tage nicht. Wir haben nun aber auch gesagt: Wir testen so viel wie möglich, um so viel wie möglich offen halten zu können. Das ist eine sehr hohe Belastung. Wir testen so viel, um ein Gegengewicht zu haben zu den Infektionszahlen, die sehr hoch sind. Wenn wir weniger testen, dann haben wir mehr Druck auf die Krankenhäuser. Testen wir mehr, werden wir bei der Einstufung bestraft. Deshalb brauchen wir einen Pakt mit der Bevölkerung. Wenn man sich weniger ansteckt, dann können wir noch mehr aufmachen und werden zur gelben Zone erklärt. Und was ganz wichtig ist: Haben wir weniger Infizierte, dann müssen wir weniger testen – und dann werden wir auch anders eingestuft.

„D“: Südtirol hat eine Bettenkapazität für 100 Intensiv-Patienten – aber haben wir dafür auch ausreichend Ärzte und Pfleger?
Widmann: Ja, die haben wir. Aber die müssen wir dann irgendwo abziehen. Dieses Personal wartet ja nicht irgendwo herum auf dass ein Intensiv-Patient auftaucht.

hof

Schlagwörter: