Freitag, 30. Oktober 2015

Zum Tod von Franz Thaler: "War wichtiger Zeitzeuge"

Am Donnerstag ist mit Franz Thaler ein weiterer Überlebender des Nationalsozialismus gestorben. Zahlreiche Südtiroler Institutionen nahmen am Freitag in Presseaussendungen von Thaler Abschied.

Der KZ-Überlebende Franz Thaler ist im stolzen Alter von 90 Jahren verstorben.
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Der KZ-Überlebende Franz Thaler ist im stolzen Alter von 90 Jahren verstorben. - Foto: © D

„Franz Thaler hat in jungen Jahren leidvolle Erfahrungen unter der Herrschaft des Nationalsozialismus gemacht und hat darüber nicht geschwiegen. Thaler war ein wichtiger Zeitzeuge eines dunklen Kapitels unserer Geschichte“, betonte etwa SVP-Obmann Philipp Achammer. 

„Er hat durch das Aufzeichnen seiner Lebenserinnerungen ein bedeutendes Dokument geschaffen, das es auch der heutigen Jugend ermöglicht, das erfahrene Leid und Unrecht der Zeit von Faschismus und Nationalsozialismus nachzuempfinden“, so Achammer weiter. Thaler habe zudem gezeigt, dass man seine Menschlichkeit nicht verlieren dürfe und auch seinen ehemaligen Feinden verzeihen können müsse.

„Vergessen kann man nicht, aber verzeihen schon“, sagte der Sarner KZ-Überlebende in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag im März dieses Jahres. „Gerade diese Haltung ist es, die Franz Thaler zu einem Vorbild nicht nur für die Jugend macht. Unser Beileid gilt der Trauerfamilie“, schloss der SVP-Obmann.

"Thaler war Südtiroler Kronzeuge für die Kraft der Erinnerung"

Und auch die Grünen nehmen Abschied: "70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, 100 Jahre nach Beginn des Großen Krieges auch in Tirol hat ein großer Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts sein Leben beendet", schreiben die Landtagsabgeordneten Hans Heiss, Brigitte Foppa und Riccardo Dello Sbarba. 
"Franz Thaler ist einer der letzten Kronzeugen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Südtirol, dessen brutale Verfolgung er als 19-jähriger Wehrdienstverweigerer im Konzentrationslager Dachau in aller Härte erleben musste. Aus der furchtbaren Jugenderfahrung machte er das Beste, was nur möglich war: Er trug seine Erinnerungen und Überzeugungen in die Öffentlichkeit und legte sie in einem Buch nieder, das zu den wichtigsten Südtirols zählt." 
"Die Glaubwürdigkeit Thalers rührte auch daraus, dass er keine öffentliche Person war, kein Intellektueller, sondern ein einfacher Federkielsticker, dessen Erinnerungskraft, Wille zur Wahrheit und Versöhnungsbereitschaft tief überzeugend wirkten. Diesem Ziel blieb er verpflichtet: 'Ich hab mir meine Meinung nie nehmen lassen. Es war mit immer wichtig, die Wahrheit zu sagen.'"
Der bescheidene Mann aus dem Sarntal bleibe einer der Großen unseres Landes, das ihm zu bleibender Dankbarkeit verpflichtet bleibt, so die Grünen Landtagsabgeordneten. "Auch seiner Familie, seiner Frau und den Töchtern, die die Ideale von Franz Thaler überzeugt mitgetragen haben, gilt unsere herzliche Anteilnahme."

"Danke und Pfiati, Franz Thaler"

Auch die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Jugenddienste ließen es sich nicht nehmen, einem der ganz Großen die letzte Ehre zu erweisen. "Als sich 150 Jugendliche vor fünf Jahren im Rahmen des Projektes 'Zug der Erinnerung' das erste Mal auf den Weg machten um sich gemeinsam mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, war auch Franz Thaler bei der Verabschiedung mit dabei. Eine sehr wertvolle Begegnung, denn Franz Thaler hat in seiner stillen Art einen großen Beitrag geleistet", so die agjd.

"Das (Mitdabei)-Sein bei der Verabschiedung und darüber hinaus hat den Jugendlichen Mut gemacht – in vielerlei Hinsicht. 'Unvergessen' wirst du deshalb auch für uns bleiben. Danke Franz!"

"Großes Vorbild ist von uns gegangen"

„Mit Franz Thaler ist ein großes Vorbild von uns gegangen", erklärte Landeshauptmann Kompatscher am Freitag in einer Aussendung, „sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sein Durchhalten in der KZ-Gefangenschaft, sein Ansatz des Verzeihens aber nicht des Vergessens waren und sind beispielgebend."

Für den Landeshauptmann hat Franz Thaler einen wesentlichen Beitrag zur Aufarbeitung der Südtiroler Zeitgeschichte geleistet. „Die Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte bleibt auch weiterhin Aufgabe und Verpflichtung", so Landeshauptmann Kompatscher. Dies sei nur Schritt für Schritt möglich, wie sich auch jüngst bei der Tagung „Autonomie und Widerstand" auf Schloss Tirol gezeigt habe.

Als Botschafter des stillen Widerstands und der Zivilcourage solle Franz Thaler „unvergessen" bleiben, so der Wunsch des Landeshauptmanns, der auch den Angehörigen seine Anteilnahme ausdrückt.

"Symbol des Widerstandes, aber auch der Versöhnung und des Friedens unter den Sprachgruppen"

Die Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft trauert mit den Angehörigen um Franz Thaler, den Zeitzeugen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, der die große und seltene Tugend der Zivilcourage gelebt hat, während der Zeit der NS-Diktatur, aber auch nach 1945.

"Franz Thaler wurde von der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft zur Persönlichkeit des Jahres 2012 gewählt, weil er für die demokratische Kultur Südtirols einen einzigartigen Beitrag geleistet hat, durch sein Bekenntnis, seine Erinnerungen, durch seine Bescheidenheit und Authentizität", schreibt der Präsident der Gesellschaft, Günther Pallaver.

Franz Thaler sei ein Symbol der Dableiber, der Deserteure, des Widerstandes, gegen das Vergessen, aber für das Verzeihen und die Völkerverständigung. "Er ist und bleibt ein Symbol für den Widerstand gegen die Verletzung der Menschenwürde. Aber er ist auch Symbol für die Versöhnung und Völkerverständigung. Seine Botschaft der Verständigung genoss kraft seiner Authentizität, Offenheit und Integrität vor allem unter den Jugendlichen aller Sprachgruppen eine hohe Glaubwürdigkeit."

"Zeuge sein, wie man in schlechten Zeiten seinem Gewissen folgt"

Die Caritas Bozen schreibt am Samstag: " 'Zeugnis geben ist heute unsere einzige, schlagkräftigste Waffe. Seltsam genug. Nicht Schwert, nicht Gewalt, nicht Geld, nicht einmal den Einfluss geistigen Könnens, geistiger Macht…'. 'Etwas ganz Bescheidenes und doch viel Wichtigeres hat uns der Herr geboten: Zeugen zu sein'. So Josef Mayr-Nusser 1938. So war auch Franz Thaler für uns alle ein Zeuge davon, dass man auch in schlechten Zeiten seinem Gewissen folgen kann und soll."

stol

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