Montag, 10. Mai 2021

Zurück in die Schule: Wenn das Kind den Nasenflügeltest will, die Eltern aber nicht

Das Coronavirus und seine Konsequenzen hat die Gesellschaft gespalten: In jene, die sich für das Impfen, Testen und alle anderen Maßnahmen aussprechen - oder zumindest nicht dagegen sind - und jene, die sich teils vehement dagegen aussprechen. Doch was, wenn plötzlich das Kind auf der einen, und die Eltern auf der anderen Seite stehen? STOL hat mit Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller über die Rechte der jungen Generationen besprochen.

Wer nicht testet, bleibt im Fernunterricht – doch oft sind es nicht die Kinder, die den Test verweigern, sondern deren Eltern.
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Wer nicht testet, bleibt im Fernunterricht – doch oft sind es nicht die Kinder, die den Test verweigern, sondern deren Eltern. - Foto: © shutterstock
Interview: Elisabeth Turker

STOL: Geschlossene Schulen, Nasenflügeltests, Maskenpflicht: Das Coronavirus hat nicht nur das gesellschaftliche, sondern auch das familiäre Leben ins Wanken gebracht. Wie erleben Sie diese Zeit?

Daniela Höller, Kinder- und Jugendanwältin: Es hat sich ein großes Spannungsfeld entwickelt. Noch nie in 32 Jahren Kinderrechtskonvention waren wir in der Situation, dass darin enthaltene Rechte scheinbar fast in Widerspruch zueinander stehen: Die Rechte auf Gesundheit, aber auch auf Bildung und Sozialisierung sind gleich wichtig und müssen in Einklang gebracht werden – ein schwieriger Spagat. Die Schließung der Schulen war ein gravierender Eingriff auf die soziale und psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen und darf nicht wiederholt werden, weshalb alles getan wurde, um den Präsenzunterricht mit nicht schmerzhaften Tests und der Einhaltung der AHA-Regeln zu garantieren.

STOL: Die meisten Kinder lassen sich mittlerweile testen, aber es gibt auch Eltern, die dies ihren Kindern verweigern. Was, wenn das Kind in die Schule will, die Eltern es aber verbieten?

Höller: Solange das Kind minderjährig ist, liegt die Verantwortung und die Entscheidung bei den Eltern. Dabei wird aber manchmal übersehen, dass jede Entscheidung im Interesse und zum Wohle des Kindes getroffen werden muss. Als Kinder- und Jugendanwaltschaft versuchen wir stets, die Kommunikation zwischen den Eltern und den Kindern herzustellen und zu vermitteln, was das Kind braucht oder will. Und Kinder wollen vor allem eines: Sie wollen den Kontakt mit ihren Freunden und Mitschülern, sie wollen ein möglichst normales Leben.



STOL: Was, wenn es keine Einsicht vonseiten der Eltern gibt?

Höller: Wenn beide Eltern geschlossen dagegen sind, dass das Kind sich testen lässt und zur Schule geht, dann sind die Handlungsmöglichkeiten begrenzt, außer die Situation ist so gravierend, dass die Behörden eingeschaltet werden müssen. Anders ist es, wenn die Eltern unterschiedlicher Meinung sind, wie es oft auch in Scheidungs- und Trennungssituationen der Fall ist, es aber die Zustimmung beider erfordert. Bei Meinungsverschiedenheit über Fragen von besonderer Wichtigkeit kann sich jeder Elternteil laut Zivilgesetzbuch mit einem Antrag unter Angabe der Maßnahmen, die er für die geeignetsten hält, an das Gericht wenden. Dann suchen wir das Gespräch und versuchen, eine Lösung zu finden, die im Interesse des Kindes liegt. Oft ist den Eltern einfach nicht bewusst, wie gravierend es für Kinder sein kann, wenn sie etwa keinen sozialen Kontakt zu ihren Gleichaltrigen haben können.



STOL: Ab welchem Alter können sich Kinder und Jugendliche selbst an euch wenden?

Höller: Sie können sich immer an uns wenden, egal, wie alt sie sind. Vor allem können Minderjährige auch ohne die Zustimmung der Eltern zu uns kommen, das ist gerade dann wichtig, wenn die jungen Menschen einen Konflikt mit ihren Eltern haben. Wir beraten die jungen Menschen und vermitteln. Jugendliche sind allerdings erst mit der Vollendung des 18. Lebensjahres handlungsfähig. Bis dahin handeln die Eltern stellvertretend für ihr Kind und treffen alle grundlegenden Entscheidungen (etwa im Bereich Bildung und Gesundheit), wobei sie aber wie gesagt stets das Interesse und Wohlergehen ihres Kindes vor Augen haben müssen. Wenn kein Kompromiss oder Umdenken vonseiten der Eltern passiert, gibt es wenig Spielraum. Uns geht es daher darum, dass Kinder und Jugendliche eine eigene Meinung haben – und diese auch sagen dürfen. Und wenn sie zu Hause auf taube Ohren stoßen, sollen sie sich an erwachsene Vertrauenspersonen wie etwa Lehrpersonen, Verwandte oder natürlich an uns wenden können, die ihnen in der Kommunikation mit den Eltern helfen.

STOL: Was sind denn derzeit Kernthemen für Kinder und Jugendliche?

Höller: Wichtig war, dass die Jugendarbeit wieder starten kann: Die Kinder und Jugendlichen brauchen den sozialen Kontakt, sie wollen ihre Freunde sehen, sie wollen ein normales Leben führen, innerhalb aber eben auch außerhalb der Schule. Auffällig ist, dass sich viele Jugendliche auch nach der Lockerung der Maßnahmen immer mehr zurückgezogen haben. Und was mich noch verwundert hat: Manche Schüler wollten auch nach der Öffnung der Schulen nicht mehr zurück. Wir wurden von mehreren Jugendlichen kontaktiert, die von einem wahren Prüfungsmarathon berichteten und erklärten, da blieben sie lieber daheim. Dabei darf die Leistungsbewertung jetzt nicht im Vordergrund stehen, die Schule muss gerade jetzt vor allem der sozialen und psychischen Entwicklung der Kinder dienen. Die meisten Schulen sind hier auch sehr sensibel, andere betonen hingegen, man brauche Noten für das Zeugnis. Das baut einen immensen Leistungsdruck auf, der gerade in diesen Zeiten nicht gut ist. Was wir außerdem beobachten: Während der Einschränkungsmaßnahmen hat die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zugenommen, auch weil die soziale Kontrolle gefehlt hat. Die jungen Menschen gingen nicht mehr in die Schule, nicht mehr zum Sport – diejenigen, denen sonst oft blaue Flecken und Missbrauch auffallen, sahen die Kinder und Jugendlichen nicht mehr. Die Fälle von Gewalt in der Familie steigen also in Zeiten des Eingeschlossenseins, sie werden aber viel seltener gemeldet.

STOL: Was glauben Sie: Wurden die Kinder und Jugendlichen vergessen?

Höller: Gerade während Corona haben wir uns, ebenso wie viele Haupt- und Ehrenamtliche aus dem Kinder- und Jugendbereich dafür stark gemacht, jungen Menschen mehr Gehör zu verschaffen und zu erreichen, dass sie mitreden können. Generell sollte man die Jugend viel mehr für sich selbst sprechen lassen und ihnen auch zuhören. Manchmal höre ich, dass Kinder unsere Zukunft sind. Dabei sind sie aber bereits heute ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft und haben gleichwertige Rechte. Es liegt an uns, dass sie diese auch tatsächlich ausüben können.

STOL: Was kann oder muss man als Erwachsener tun, um zu helfen?

Höller: Es ist wesentlich zu betonen: Kinder und Jugendliche lernen vielfach am Modell – und das sind die Erwachsenen. Dieser großen Verantwortung müssen wir uns bewusst sein. Kinder und Jugendliche haben sehr feine Antennen, sie nehmen ihre Umgebung und Spannungen sehr genau wahr. Das führt dazu, dass sie teilweise verunsichert und orientierungslos sind. Wenn sie am Beispiel der Erwachsenen erkennen mit einer ungewöhnlichen Situation umzugehen, kann ihnen ein Teil ihrer Unsicherheiten und Ängste genommen werden.

Die Kontakte der Kinder- und Jugendanwaltschaft .

liz