Dienstag, 27. Juli 2021

Zweifel: Hat Benno Neumair die Wahrheit gesagt?

Wie tickt ein Mensch, der erst seine Eltern umbringt, deren Leichen verschwinden lässt und dann zu seiner Freundin fährt? Ein Blick in die 140 Seiten umfassenden Gutachten der Experten, die für Gericht, Anklage und Zivilkläger Benno Neumairs Psyche unter die Lupe genommen haben, lässt einem Betrachter die Haare zu Berge stehen.

Benno Neumair
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Benno Neumair - Foto: © Marlene Bleicher
Wie berichtet, waren die von Untersuchungsrichterin Carla Scheidle beauftragten Amtsgutachter zum Schluss gekommen, dass Benno Neumair an einer akuten und schweren Persönlichkeitsstörung leidet. Zum selben Schluss sind auch die von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gutachter, Psychiater Dr. Renato Ariatti, die auf klinische Kriminologie spezialisierte Psychiaterin Dr. Ilaria Rossetto und Neuropsychologe Dr. Stefano Zago vom Poliklinikum Mailand, gekommen. Demnach leidet Benno Neumair an einer massiven narzisstischen Störung.

Dem 30-Jährigen wird bekanntlich zur Last gelegt, am 4. Jänner dieses Jahres erst seinen Vater Peter Neumair und kurz darauf seine Mutter Laura Perselli in deren Wohnung getötet zu haben. Deren Leichen soll er dann bei Pfatten in die Etsch geworfen haben.

War Benno Neumair bei der Tat zurechnungsfähig?

Uneins sind sich die Experten über die Auswirkungen auf Benno Neumairs Zurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt. Während die Amtsgutachter von einer zweigeteilten Zurechnungsfähigkeit sprechen – demnach soll der 30-Jährige beim Mord am Vater nicht, beim Mord an der Mutter schon zurechnungsfähig gewesen sein – ist für die Experten der Verteidigung klar, dass Benno Neumairs Zurechnungsfähigkeit nicht eingeschränkt war. Ebenso wie die Gutachter der Zivilpartei, Dr. Anna Palleschi, Spezialistin in forensischer Psychologie und Dr. Claudio Rago, Spezialist für klinische Kriminologie, kommen sie zur Auffassung, dass Benno Neumair die Taten begangen haben dürfte, um sein Selbstwertgefühl wieder ins Lot zu bringen.

Die Experten ziehen daraus den Schluss, dass der 30-Jährige wegen seiner psychischen Störung gemeingefährlich ist, räumt er doch, stark vereinfacht ausgedrückt, alles und jeden aus dem Weg, der seiner Meinung nach schuld an seinem Unwohlbefinden ist. Demnach stelle er für seine Schwester Madè ebenso eine Gefahr dar, wie für andere Verwandte.

Und auch in einem weiteren Punkt sind die Gutachter von Anklage und Nebenklägern nicht einer Meinung mit den Amtsgutachtern. Während Letztere keinen Anhaltspunkt dafür gefunden haben, dass Benno Neumair in seinen Aussagen zum Tathergang nicht die Wahrheit gesagt haben könnte, kommen die Experten der Anklage zum Schluss, dass der 30-Jährige selbst bei den Aussagen den Ermittlern und der Staatsanwaltschaft gegenüber nicht die Wahrheit gesagt haben dürfte – vor allem was Auslöser und Motiv zum ersten Mord – jenem an seinem Vater anlangt.

em