Sexualkunde soll künftig nur noch an Oberschulen stattfinden – und das auch nur auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern. Dieser Vorschlag der Lega sorgt derzeit für heftige Diskussionen. Fachleute warnen davor, Aufklärungsthemen ins Internet zu verlagern: Kinder und Jugendliche seien durch soziale Medien und Online-Plattformen schon früh mit Sexualität konfrontiert – oft mit verzerrten oder problematischen Bildern. <BR /><BR />Wie gut können junge Menschen solche Inhalte überhaupt einordnen? Wie steht es um die Medienkompetenz in Südtirol – also die Fähigkeit, digitale Informationen kritisch zu bewerten und verantwortungsvoll mit Medien umzugehen?<BR /><BR />Darüber haben wir mit Manuel Oberkalmsteiner, Sozialpädagoge im Bereich digitale Lebenswelten beim Forum Prävention, gesprochen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1229673_image" /></div> <BR /><b><BR />STOL: Wie bewerten Sie die Medienkompetenz von Südtiroler Jugendlichen?</b><BR /><b>Manuel Oberkalmsteiner:</b> Grundsätzlich gibt es dazu keine verlässlichen Daten. Wir sprechen also aus Erfahrung. Je jünger die Jugendlichen und je weniger Medienerfahrung sie haben, desto geringer ist ihre Medienkompetenz. Das gilt für Mittel- oder Grundschüler, aber auch für ältere Menschen, die wenig Erfahrung mit digitalen Medien haben. Meist steht bei den Jugendlichen „learning by doing“ im Fokus. Sie entwickeln vor allem Nutzungskompetenz – sie wissen, wie Geräte und Apps funktionieren. Aber zu verstehen, wie Algorithmen Inhalte steuern, wer Informationen erstellt oder wie man Phishing-Mails erkennt, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Mit zunehmendem Alter sammeln Jugendliche mehr Erfahrung und können Inhalte besser einordnen.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Defizite beobachten Sie besonders?</b><BR /><b>Oberkalmsteiner:</b> Die Bandbreite ist groß und sehr individuell. Besonders herausfordernd ist das Verständnis von Algorithmen – zum Beispiel, warum Inhalte im TikTok-Feed erscheinen. Ein weiteres Problem ist, zwischen Meinung und Fakten zu unterscheiden. Gerade auf TikTok gibt es viele Beiträge, die persönliche Meinung darstellen, viele Jugendliche sehen darin aber Expertenwissen. Auch der Umgang mit persönlichen Daten und Datenschutz ist oft mangelhaft. Bei jüngeren Kindern sind unangemessene Kontaktaufnahmen eine Gefahr. Dazu kommen Themen wie aggressives Verhalten in Online-Spielen oder sozialen Netzwerken – Jugendliche können das oft nur schwer einordnen. Mädchen stoßen zudem häufiger auf sexualisierte Inhalte. <BR /><BR /><b>STOL: Viele Jugendliche informieren sich heute über Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube. Können solche Plattformen auch positive Lernorte sein – oder überwiegen die Risiken?</b><BR /><b>Oberkalmsteiner:</b> TikTok wird von rund 60 bis 70 Prozent der Jugendlichen wie eine Suchmaschine genutzt – sei es für politische Inhalte oder für Schulaufgaben. Je älter die Jugendlichen werden, desto besser können sie gute von schlechten Informationen unterscheiden. Aktuell lernen Jugendliche vor allem durch Nutzungserfahrung. Aber wir müssen Medienkompetenz gezielt fördern – nicht nur in Schulen, sondern auch bei Erwachsenen, um gesellschaftliche Risiken wie Falschinformationen oder Demokratieschwächen zu adressieren. <a href="https://www.start-smart.it/de/smartphonefuehrerschein-1449.html" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Ein Beispiel dafür ist der Smartphone-Führerschein des Forum Prävention.</a> Hier werden Lehrpersonen geschult, erhalten Unterrichtsmaterial und können das Wissen an Schülerinnen und Schüler weitergeben. Parallel gibt es ein Elternportal, sodass alle drei Zielgruppen – Lehrpersonen, Eltern und Jugendliche – fit gemacht werden. So wird Medienkompetenz strukturiert in das System eingebettet, statt nur durch Einzelworkshops vermittelt.<BR /><BR /><b>STOL: Wie läuft das konkret ab?</b><BR /><b>Oberkalmsteiner:</b> Das Projekt besteht aus fünf Modulen, zum Beispiel zu Datenschutz, Rechten im Netz, digitalem Wohlbefinden oder sicher Surfen. Lehrpersonen werden ausgebildet, erhalten Materialien und können die Inhalte direkt im Unterricht umsetzen. Am Ende absolvieren die Jugendlichen ein Quiz und erhalten einen Smartphone-Führerschein.<BR /><BR /><b>STOL: Wie wird dieses Angebot aufgenommen?</b><BR /><b>Oberkalmsteiner:</b> Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Die Jugendlichen merken, dass Erwachsene ihre digitale Welt ernst nehmen. Bei Themen, die sie vorher langweilig fanden – etwa Rechte im Internet – finden sie plötzlich interessante Aspekte mit Mehrwert. Auch die Lehrpersonen sind begeistert: Sie sehen, dass die Materialien praxisnah und leicht umzusetzen sind. Viele Lehrpersonen beteiligen sich aktiv. Sie schätzen, dass die Inhalte gut aufbereitet sind und sich einfach in den Unterricht integrieren lassen. <BR /><BR /><b>STOL: Wie kann Medienkompetenz nachhaltig gefördert werden?</b><BR /><b>Oberkalmsteiner:</b> Gesellschaftlich ist es wichtig, alle Menschen mitzunehmen – von Jung bis Alt – und Unterstützungsangebote zu schaffen. Dazu gehören nicht nur schulische Inhalte, sondern auch Hilfe bei Themen wie Online-Banking oder grundlegender digitaler Kompetenz. In Südtirol entsteht zudem ein Netzwerk für Medienkompetenz, das alle Akteure an einen Tisch bringt, um Angebote zu koordinieren, Ressourcen zu bündeln und eine Strategie für nachhaltige Medienbildung zu entwickeln. Auf EU-Ebene braucht es außerdem bessere gesetzliche Regelungen, etwa für Kinderschutz und Altersverifikation auf Plattformen.<BR /><BR /><b>STOL: Wie sieht es speziell im Kontext von Sexualkunde und Internet aus?</b><BR /><b>Oberkalmsteiner:</b> Wir dürfen nicht darauf vertrauen, dass Kinder und Jugendliche sich im Internet automatisch gut informieren. Digitale Inhalte sind oft nicht geprüft, jeder kann seine Meinung veröffentlichen. Besonders gefährdet sind jüngere oder besonders schutzbedürftige Gruppen. Sie brauchen gut aufbereitete, wissenschaftlich fundierte Informationen – das gilt für den Bereich Sexualkunde genauso wie für andere Lebensbereiche.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Tipps geben Sie Eltern, wenn sie merken, dass ihre Kinder problematische Seiten besuchen?</b><BR />Oberkalmsteiner: In Südtirol gibt es das Netzwerk Eltern-Medienfit, das das Forum Prävention gemeinsam mit der Familienagentur und 16 Südtiroler Organisationen gebildet hat. Dort finden Eltern FAQs, Hilfsangebote und persönliche Beratung – alles kostenlos. Außerdem können Eltern seriöse Quellen recherchieren, etwa medienpädagogische Plattformen, die fundierte Tipps geben. KI kann ebenfalls hilfreich sein, solange sie nicht die einzige Informationsquelle ist, sondern beim Einordnen von Inhalten unterstützt.<BR /><BR /><b>STOL: Wie können Erwachsene Kinder beim Umgang mit digitalen Medien und KI begleiten?</b><BR /><b>Oberkalmsteiner:</b> Je jünger die Kinder, desto weniger sollten sie digitale Medien allein nutzen. Erwachsene müssen sie begleiten und sicherstellen, dass sie jederzeit auf vertrauenswürdige Ansprechpartner zugreifen können. KI kann im besten Fall gemeinsam mit Erwachsenen genutzt werden, um Fragen zu beantworten. Entscheidend ist, dass Eltern, Schule und andere Bezugspersonen aktiv begleiten und offen auf die Fragen der Kinder eingehen. Wir dürfen uns als Erwachsene nicht verstecken, sondern müssen die digitale Welt gemeinsam mit den Kindern entdecken und die Fragen, die sie haben, begleiten.