<b>Der MGV Bozen feiert heuer sein 150-Jahr-Jubiläum. Ist so viel Tradition Bürde oder Freude?</b><BR />Andreas Albarello: Es überwiegt die Freude. Sicher ist ein Jubiläumsjahr immer auch zeit- und arbeitsintensiv für Mitglieder und Vorstand. Aber es ist ein positiver Stress für alle Beteiligten. Ich habe bei den Proben zu unseren Jubiläumskonzerten nur freudige und erwartungsfrohe Gesichter gesehen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311894_image" /></div> <BR /><BR /><b>Frohe Gesichter, die es am Gründungstag des Männergesangvereins auch gegeben hat?</b><BR />Albarello: Über das genaue Gründungsdatum gehen die Meinungen auseinander. Fest steht, dass sich am 11. Mai 1876 die Mitglieder der damaligen Bozner Liedertafel im ehemaligen Gasthof „Schgraffer“ zusammengesetzt und den Männergesangverein Bozen aus der Taufe gehoben haben. Ob die Entscheidung vor oder nach Mitternacht gefallen ist, ist offen. Offiziell wurde der Gründungsakt am 12. Mai 1876 hinterlegt. Insofern ist laut Archiv dieser Tag die offizielle Geburtsstunde des MGV.<BR /><BR /><b>Heute sorgt der MGV immer wieder für Verwirrung beim Publikum, wenn, wie am Wochenende bei den Konzerten, Frauen auftreten. </b><BR />Albarello: Diesbezüglich ist der MGV zweifelsohne ein Unikum im Land. Dass es im MGV einen Frauenchor gibt, hat geschichtliche Gründe. In den 1970er-Jahren gründete der MGV Bozen eine der ersten Musikschulen in der Stadt Bozen. Aus dieser entstand ein Mädchenchor, der immer auch bei den Konzerten des Männergesangvereins auftrat. Aus den Mädchen sind Frauen geworden. Seit rund zehn Jahren treten Männer und Frauen so gut wie nur mehr in gemischter Formation auf. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311897_image" /></div> <BR /><b>Fehlt es dem MGV mittlerweile an Männern?</b><BR />Albarello: In den vergangenen 20 Jahren ist es immer schwieriger geworden, Männer zum Singen zu animieren. Die Freizeitaktivitäten haben sich stark verändert und v.a. Männer stark in ihren Bann gezogen. Zudem will sich kaum mehr jemand zur wöchentlichen Chorprobe verpflichten – unabhängig ob Mann oder Frau. <BR /><BR /><b> Und früher wurde wohl allgemein mehr gesungen – auch außerhalb eines Chores.</b><BR />Albarello: Fakt ist, dass bei den Chören im Land eine starke Professionalisierung stattgefunden hat. In den vergangenen 15 Jahren ist in den allermeisten Chören die Musik zur Haupt-, das Vereinswesen zur Nebensache geworden. Dadurch fühlen sich wohl vermehrt nur jene Menschen angesprochen, die ernsthaft Musik machen wollen. Einfach singen um des Singens Lust, egal wie es klingt, ist in den Hintergrund getreten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1311900_image" /></div> <BR /><b>Das heißt, auch der MGV ist heute ein völlig anderer Chor als bei seiner Gründung?</b><BR />Albarello: Absolut. Er hat sich musikalisch gesteigert und weiterentwickelt. Dadurch sind natürlich auch Sängerinnen und Sänger ausgestiegen.<BR /><BR /><b>Muss man umdenken, um wieder neue Sängerinnen und Sänger zu gewinnen?</b><BR />Albarello: Nicht unbedingt. Im Vordergrund soll der Spaß stehen. Wenn es nur mehr darum geht, Noten und Takte zu pauken, geht die Freude verloren. Niemand will sich das nach einem strengen Arbeitstag auch in der Freizeit noch antun. Den Spagat zwischen klanglicher Qualität bei gleichzeitigem Spaß zu schaffen, ist sicher eine Herausforderung. Ich bin aber zuversichtlich, dass immer wieder Menschen den Weg zu uns finden, denen es darum geht, gemeinsam gute Musik zu machen – und sich nach Probe oder Konzert in geselliger Runde zusammenzusetzen. Denn auch das gehört nach wie vor zur guten Tradition des MGV Bozen.