<b>von Pierluca Lanzilotta</b><BR /><BR />Leiter der Accademia Bizantina in Ravenna seit 1996, Musikdirektor des Haydn Orchesters und der Innsbrucker Festwochen Alter Musik seit 2024, um nur einige seiner Verpflichtungen zu nennen: Ottavio Dantone, seit 2021 Chefdirigent des Haydn Orchesters, genießt derzeit einen wohlverdienten Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn.<BR /><BR /> Begonnen hat der Nordapulier einst als Organist und Cembalist und hat seitdem sein Repertoire ständig erweitert. Beim jüngsten Konzert mit dem Haydn Orchester im Bozner Konzerthaus gehörte keiner der aufgeführten Komponisten dem Barock an, und trotzdem hatten alle irgendwie damit zu tun.<BR /><BR />Am wenigsten könnte eigentlich der Neapolitaner Giuseppe Martucci (1856-1909) in diesem Zusammenhang genannt werden: Der Spätromantiker und größte italienische Orchesterkomponist des 19. Jahrhunderts mit zwei Brahmsschen Sinfonien auf seinem Konto schrieb dieses kurze Nachtstück („Notturno op. 70/1“) ursprünglich für Klavier. Schumann, Wagner und Brahms lassen grüßen, typisch italienische (d. h. neapolitanische) Melodik schimmert in den ausgedehnten Instrumentalsoli immer wieder hindurch.<BR /><BR />Haydns Symphonie Nr. 102 (von insgesamt 104) gehört zum Zyklus der zwölf Londoner Sinfonien und wurde Anfang 1795, gut drei Jahre nach Mozarts Tod in Wien, in London uraufgeführt. Natürlich ist Mozarts Einfluss bemerkbar, angefangen mit dem ersten Klang des Werkes, einem einzigen Ton im Orchestertutti mit Paukenuntermalung, der das einleitende Largo eröffnet. <BR /><BR />Nach der Pause ließen die Namen zweier russischer Komponisten des 20. Jahrhunderts aufhorchen: Hat Dantone sein Repertoire nun sogar auf die Moderne erweitert? Mitnichten! Beim Hören konnte man kaum glauben, dass diese zwei Stücke ungefähr erst 100 Jahre alt sind. Das ist natürlich eine derbe Übertreibung des Rezensenten. <BR /><BR />Stravinskijs „Danses concertantes“ aus dem Kriegsjahr 1942, als der alternde und doch rüstige Komponist in sicheren Verhältnissen in Los Angeles lebte, sind seit den ersten Tönen unverkennbar: Seit gut 20 Jahren schon konnte er sich dem Genuss widmen, Klänge aus einer fernen, beruhigenden Vergangenheit herauszudestillieren und seinen bewundernden Zeitgenossen zu servieren, wobei es keinem Hörer oder Hörerin – sei es auch nur für einen einzigen Augenblick – gestattet war, zu vergessen, dass diese Klänge nur von Stravinskij sein konnten!<BR /><BR />Mit Prokofjev spielte Dantone aber ein unfaires Spiel. Dessen „Symphonie classique“ aus den Kriegsjahren 1916/17 war das Ergebnis des eisernen Vorhabens seines Schöpfers, der schon ein paar Mal mit seinen wilden, freitonalen Jugendwerken Anstoß erregt hatte, um einmal wie die Großen der Vergangenheit zu schreiben. Er solle einmal bitte <i>„gesittet, wie es aus dem Lehrbuch komponieren“</i> (Johannes Streicher)! Und das tat er in einem Werk, das man ebenso gut als erste postmoderne Stilübung der Musikgeschichte bezeichnen könnte.<BR /><BR />Wie viel Musikgeschichte der letzten zweihundert Jahre darf aus Haydn abgeleitet werden? Dem Namensgeber unseres Orchesters würde das jedenfalls gut gefallen. Ob wir heute in Kriegszeiten solche Beruhigungsmittel brauchen oder nicht etwa aufrüttelnde, tiefgründigere, den Zeitgeist widerspiegelnde Werke, wäre trotzdem eine Untersuchung wert. Ja, würden die einen sagen, zumal diese Stücke so tadellos, wie es Dantone tut, dirigiert werden, mit durchsichtiger Präzision und unmissverständlichen Gesten, mit seiner legendär gewordenen Bühnenpräsenz und dem Können aus jahrzehntelanger Erfahrung. Nein, würden andere – wie auch der Rezensent – sagen, der nach einer Stunde dieser harmlosen, unproblematischen Klänge eine unbändige Lust etwa nach einem nicht minder handwerklich soliden aber umso profunderen zwölftönigen Stückes eines Arnold Schönberg bekommen hat.<BR /><BR /><b>Nächstes symphonisches Konzert des Haydn Orchesters:</b><BR /><BR />17.11., 20.30 Uhr Teatro sociale, Trient<BR />18.11., 20 Uhr, Konzerthaus Bozen<BR />20.11., 20 Uhr, Kurhaus Meran – Alessandro Bonato dirigiert Verdi, Rachmaninov und Meacci (UA eines Auftragswerks) mit Arsenii Moon am Klavier.<BR /><b><BR />Eröffnung der Opernspielzeit 2025/26:</b><BR /><BR />7.11., 20 Uhr und 9.11., 16 Uhr, Stadttheater Bozen – L’elisir d’amore von Gaetano Donizetti