<BR /><BR /><b> Sie konnten viele Musiker verpflichten, die ihr Debüt mit dem Haydn-Orchester feiern. Sie haben viele Stücke im Programm, die in Bozen noch nie oder lange nicht mehr gespielt wurden. Auf welchen Programmpunkt sind Sie besonders stolz?</b><BR />André Comploi: Ich würde nicht sagen stolz – aber es macht mich sehr glücklich, dieses Gesamtspektrum, diese Pluralität an Programmen, Künstlerinnen und Künstlern, Formaten zu sehen. Die Mischung aus bekannten Namen und neuen Entdeckungen, aus noch nie oder selten gespielten Werken von vergessenen, zeitgenössischen oder aber auch von zentralen Komponisten des Repertoires. Diese Offenheit entspricht auch der Idee der Saison als gemeinsame Entdeckungsreise zwischen unserem großartigen Orchester und unserem geschätzten Publikum: Ich baue sehr auf die Neugier unseres Stammpublikums – und zugleich auf die Lust neuer Zuhörerinnen und Zuhörer, dieses Angebot gemeinsam zu entdecken. Persönlich habe ich natürlich auch einige Favoriten, aber die werde ich nicht verraten (lächelt).<BR /><BR /><b> Sie sind erst seit kurzem künstlerischer Leiter des Orchesters. Nun stellen Sie ein Programm vor, das von Ideen und Emotionen sprüht. Wie hilfreich waren Ihre internationalen Beziehungen – Sie waren an der Staatsoper in Wien und an der Scala in Mailand?</b><BR />Comploi: Natürlich hat mein über viele Jahre gewachsenes Netzwerk wesentlich dazu beigetragen. Die Zusammenarbeit mit Dirigentinnen und Dirigenten wie Ivor Bolton, Ingo Metzmacher, Robert Trevino, Christophe Rousset, Clelia Cafiero, Nicola Luisotti, Anna Sryleva und Solistinnen wie Francesca Aspromonte oder Anneleen Lenaerts basiert auf gewachsenem Vertrauen. Dass sie jetzt nach Bozen kommen, hat viel mit dieser gemeinsamen Vergangenheit zu tun. Diese Verbindungen ermöglichen es uns, ein Programm zu realisieren, das sowohl international hochkarätig als auch künstlerisch sehr differenziert ist.<BR /><BR /><b> Sie bezeichnen die Konzertsaison als gemeinsame Reise von Orchester und Publikum. Dabei haben Sie auch einen Schwerpunkt auf Künstler aus Südtirol gelegt, so wird etwas Andrea Götsch mit dem Orchester auftreten. Wie wichtig ist es Ihnen, dass das Programm auch lokal verankert ist?</b><BR />Comploi: Diese ist mir – gerade im Zusammenspiel mit der internationalen Öffnung – sehr wichtig. Wir wollen ein „Haydn für alle“ sein. Dazu gehört für mich ganz selbstverständlich auch die Valorisierung der internen Kräfte, also unserer eigenen Orchestermusikerinnen und -musiker, ebenso wie die gezielte Einbindung von Künstlerinnen und Künstlern aus der Region. Ein schönes Beispiel ist Andrea Götsch genauso wie Julian Kainrath, der im Rahmen eines institutionellen Konzerts erstmals mit dem Orchester als Solist zu erleben sein wird. Darauf freue ich mich sehr – wie auch auf die Uraufführung eines Werks von Gerd Hermann Ortler oder auf ein Orchesterwerk von Niccolò Castiglioni, der in der Region gewirkt hat. Diese Verbindung von internationaler Perspektive und lokaler Verankerung ist für mich kein Widerspruch, sondern ein zentrales Element unserer künstlerischen Identität.<BR /><BR /><b>Sie setzen auch auf Zusammenarbeit mit den Kulturvereinen vor Ort und mit dem Konservatorium. So gibt es heuer erstmals eine Zusammenarbeit mit dem Konzertverein. Was ist das Besondere an diesem Schwerpunkt?</b><BR />Comploi: Ich bin dem Konzertverein Bozen wirklich sehr dankbar für diese Synergie – sie ist in dieser Form eine echte Neuerung. Die „Haydn Matinée“ schließt aus meiner Sicht auch eine musikalische Marktlücke: fürs Erste vier Termine pro Jahr, sonntags um 11 Uhr im Merkantilgebäude. Dabei verfolgen wir zwei zentrale Ideen: Zum einen geben wir unseren Orchestermusikerinnen und -musikern die Möglichkeit, sich kammermusikalisch zu betätigen, was sich zweifelsohne positiv auf das gemeinsame Musizieren im Orchester auswirkt. Zum anderen entsteht gemeinsam mit dem Konzertverein ein Publikumsaustausch – ein Mehrwert für beide Seiten. Und wir hoffen sehr, dieses Format auch ins Trentino tragen zu können – da sind wir derzeit noch auf der Suche nach Partnern.<BR /><BR /><b>Ein Höhepunkt ist das „Konzert für den Frieden“ am Domplatz in Brixen. Chöre aus ganz Südtirol werden mitsingen. Wie kann ein so großes Projekt gelingen?</b><BR />Comploi: Unsere Region versteht sich ja als eine Art kleines Laboratorium Europas – und genau diese Idee spiegelt sich in diesem Projekt wider. Dieses Konzert hat bewusst eine europäische Dimension, verstärkt durch Beethovens Neunte, aus der die „Ode an die Freude“ zur europäischen Hymne wurde. Wenn Laienchöre aus dem gesamten Euregio-Raum gemeinsam mit dem Orchester unter der Leitung unseres Chefdirigenten Alessandro Bonato und einem internationalen Solistenensemble auftreten, entsteht eine ganz besondere Form der Teilhabe – und aus Sicht der Stiftung Haydn auch ein neuer, aktiver Zugang zu den unterschiedlichen Realitäten unseres Territoriums. Ein solches Projekt kann natürlich nur durch die Zusammenarbeit vieler Partner gelingen – Gemeinde, Land und Region, mit dem Südtiroler Chorverband und mit Rai Südtirol als wichtigem Multiplikator. Wobei die eigentliche Kraft aus der gemeinsamen Erfahrung und aus der Vernetzung entsteht: Menschen kommen zusammen, singen gemeinsam und erleben Musik als verbindendes Element – punktgenau am Internationalen Tag des Dialogs der Kulturen.<BR /><BR /><b>Die Opernsaison bringt Klassiker und zeitgenössische Oper auf die Bühne – warum haben Sie sich für die Oper „La Bohemé“ entschieden?</b><BR />Comploi: Die Antwort mit einem Augenzwinkern: Es kann nie genug „Bohème“ geben<i>(lächelt).</i> Die andere ist: Unser Chefdirigent Alessandro Bonato und unser Artist in Residence Fabio Cherstich waren sehr stark auf dieses Werk ausgerichtet. Da diese Konstellation für mich künstlerisch sehr vielversprechend ist, wollte ich es ermöglichen: Ich glaube, dass die beiden einen neuen, sehr zeitgemäßen Blick auf dieses bekannte Werk geben können – einen, der die Geschichte von Liebe, Empathie und Verlust erzählt und das Publikum sehr unmittelbar berühren wird. „Emotions included!“, wie unsere Kommunikationskampagne lautet.