<b>„Sind Sie mutig Frau Ghetta? Denn was hat Sie vor fast 20 Jahren angetrieben – oder besser gesagt, welche Tarantel hat Sie gestochen –, diesen Parcours zeitgenössischer Kunst mitten in den Dolomiten ins Leben zu rufen? <BR /></b>Doris Ghetta: (lacht) Die Biennale entstand aus dem Wunsch, eine Umgebung zu schaffen, wo zeitgenössische Kunst in einen echten Dialog mit der besonderen kulturellen, sprachlichen und landschaftlichen Identität Grödens treten kann. Damals gab es hier keine Plattform für internationale Gegenwartskunst. Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, dass gerade ein Ort wie Gröden – mit seiner starken Tradition, mit seinen Künstlerinnen und Künstlern, seiner Geschichte des Handwerks und seiner komplexen Identität – ein enormes Potenzial für zeitgenössische künstlerische Reflexion birgt. Mich hat interessiert, auszutesten, was passiert, wenn Kunst nicht in einem neutralen White Cube gezeigt wird, sondern mitten im öffentlichen Raum, in einer alpinen Landschaft, in einem lebendigen sozialen Gefüge. <BR /><BR /><b>Dann würden Sie es noch einmal machen? <BR /></b>Ghetta: Ja, trotz aller Schwierigkeiten würde ich es wieder tun, wahrscheinlich bewusster als damals. Natürlich gab es Momente großer Unsicherheit, auch finanzieller und organisatorischer Natur, aber die Biennale Gherdëina hat gezeigt, dass aus einer zunächst fast utopischen Idee tatsächlich ein nachhaltiger kultureller Raum entstehen kann. Das ist etwas sehr Wertvolles. Dafür bin ich sehr dankbar und möchte mich bei all den Leuten bedanken, die an dieses Projekt geglaubt und über die Jahre unterstützt haben.<BR /><BR /><b>Was waren in all den Jahren die prägendsten Momente und Wendepunkte in der Entwicklung des Projekts? <BR /></b>Ghetta: Ein entscheidender Wendepunkt war, als das erste Mal ein internationaler Kurator mitgewirkt hat: Adam Budak. Er hat drei Editionen kuratiert und dadurch haben internationale Künstlerinnen und Kuratoren begonnen, die Biennale Gherdëina nicht mehr nur als „kleines regionales Projekt“, sondern als ernstzunehmende Plattform wahrzunehmen. Ebenso prägend war die zunehmende Einbindung ortsspezifischer Arbeiten im öffentlichen Raum. Dadurch wurde die Beziehung zwischen Kunst, Landschaft und Bevölkerung viel unmittelbarer. Diese Zusammenarbeiten haben die Perspektive der Biennale stark erweitert und ihr neue Netzwerke eröffnet. <BR /><BR /><BR /><i>Sehen Sie hier die Bilder der 10. Biennale Gherdëina „(Future) Paradise Gardens“:<BR /></i><embed id="dtext86-74978620_gallery" /><BR /><BR /><BR /><b>Und welche Herausforderungen gab es auf dem Weg? <BR /></b>Ghetta: Die größte Herausforderung war wahrscheinlich, Kontinuität zu schaffen – finanziell, strukturell und institutionell. Eine Biennale, in einem alpinen Gebiet zu organisieren, bedeutet immer auch gegen geografische und infrastrukturelle Grenzen zu arbeiten. Hinzu kam, insbesondere anfangs, eine gewisse Skepsis gegenüber zeitgenössischer Kunst. Viele Menschen konnten sich schwer vorstellen, warum gerade hier eine internationale Biennale stattfinden sollte, wo bereits viele Touristinnen und Touristen sind. Genau deshalb ist es für die lokale Bevölkerung so wichtig, sich mit der großen Bedeutung von Kultur auseinanderzusetzen. Reibung ist letztlich produktiv und wichtig.<BR /><BR /><b>Allerdings. Nun hat sich die Biennale in diesen 20 Jahren von einer lokalen Initiative zu einer international anerkannten Plattform entwickelt – was war der Schlüssel zu diesem Wachstum? <BR /></b>Ghetta: Ich glaube, der Schlüssel war, dass die Biennale Gherdëina nie versucht hat, andere große internationale Formate zu imitieren. Ihre Stärke lag immer schon in ihrer spezifischen Identität. Die Verbindung zwischen lokaler Kultur, ladinischer Geschichte, Landschaft und globalen Fragestellungen macht die Biennale Gherdëina einzigartig. Gleichzeitig war es wichtig, konsequent auf Qualität zu setzen – sowohl bei den geladenen Künstlerinnen und Künstlern als auch bei den kuratorischen Konzepten.<BR /><BR /><b>Wenn Sie die Künstlerinnen und Künstler, die in all den Jahren mitgemacht haben, beobachten, wie hat sich deren Rolle verändert?<BR /></b> Ghetta: Heute arbeiten viele stärker prozessbezogen und ortsspezifisch. Früher wurden Werke häufiger einfach „platziert“. Heute entsteht eine längere Auseinandersetzung mit dem Territorium, mit lokalen Geschichten und Gemeinschaften. Künstlerinnen und Künstler interessieren sich für soziale, ökologische und politische Zusammenhänge, und die Biennale Gherdëina bietet dafür einen sehr offenen Kontext.<BR /><BR /><b>Und wie hat sich der Zugang der Kuratoren oder Kuratorinnen gewandelt?<BR /></b> Ghetta: Ich glaube, deren Rolle ist heute wesentlich „dialogischer“ geworden. Es geht weniger darum, eine starre Ausstellungsidee durchzusetzen, sondern vielmehr darum, Verbindungen herzustellen – zwischen Künstlerinnen und Künstlern, Orten, Themen und Publikum . Gerade in einem Kontext wie Gröden braucht es Sensibilität für lokale Dynamiken und gleichzeitig eine internationale Perspektive .<BR /><BR /><b>Wer hat das geschafft. Wer bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?</b><BR />Ghetta: Es gibt viele Begegnungen, die mich geprägt haben. Besonders in Erinnerung bleiben mir jene, die sich wirklich auf den Ort eingelassen haben – nicht oberflächlich, sondern mit echtem Interesse an Sprache, Geschichte und Menschen. Oft waren es genau diese Begegnungen, die gezeigt haben, dass zeitgenössische Kunst Brücken bauen kann, auch zwischen sehr unterschiedlichen kulturellen Welten.<BR /><BR /><b>„Nemo propheta in patria“: Das gilt auch für die Biennale Gherdëina. Nicht von Anfang an wurde die Kunstschau in Gröden von der Bevölkerung positiv aufgenommen. Welche Akzeptanz erfährt sie heute, nach 20 Jahren? <BR /></b>Ghetta: Die Akzeptanz hat sich stark verbessert: Natürlich gibt es weiterhin unterschiedliche Meinungen – und das ist auch gut so. Heute wird die Biennale Gherdëina viel stärker als Teil der kulturellen Identität des Tales wahrgenommen. Viele Menschen haben erlebt, dass die Biennale internationale Aufmerksamkeit nach Gröden bringt und gleichzeitig lokale Themen sichtbar macht. So ist über die Jahre Vertrauen entstanden. <BR /><BR /><b>Wie schaffen Sie die Vermittlung vor Ort bzw. in Südtirol? <BR /></b>Ghetta: Neben den klassischen Vermittlungsformen, die sich über Kommunikations- und Mediationsmaßnahmen erstrecken, haben sich über die Jahre vor allem die Kollaborationen mit lokalen Partnerinnen und Partnern als wirksam erwiesen. Das kulturelle Ökosystem in Südtirol ist zwar klein, aber vielseitig. Dadurch entstehen spannende Möglichkeiten der Zusammenarbeit: MUSEION, ARGE/Kunst, Bolzano Danza, MUSE, Fondazione dalle Nogare uvw. haben dazu beigetragen, dass sich die Reichweite der Biennale über das Grödnertal hinaus bewegt hat. Mittlerweile sind auch viele weitere internationale Partner dazu gekommen, dieses Jahr z.B. die Kaunas Biennale aus Litauen oder die Zusammenarbeit mit dem Italian Council. <BR />Zudem schaffen Rankings einen Überblick im heutigen Dschungel der unterschiedlichsten Medien: Vor kurzem habe ich auf einer Kunstplattform gelesen, dass die Biennale Gherdëina zu den zehn spannendsten Schauen gehört, die man im Sommer nicht versäumen darf. Solche Anerkennungen freuen uns natürlich sehr, weil sie zeigen, dass die Biennale Gherdëina auch international wahrgenommen wird. Gleichzeitig war es nie unser Ziel, Trends zu folgen oder spektakulär zu sein. Entscheidend bleibt für uns die inhaltliche Qualität und die Authentizität des Projekts. <BR /><BR /><b>Vor Kurzem haben Sie die Sonderpublikation „BG1–10. Biennale Gherdëina Anniversary“ vorgestellt: Welche Rolle spielt die Publikation für die Aufarbeitung und Darstellung der Geschichte der Biennale?<BR /></b> Ghetta: Sie ist für uns ein wichtiges Instrument der Erinnerung und Reflexion. Nach neun Ausgaben war es notwendig, die Entwicklung der Biennale Gherdëina sichtbar zu machen – nicht nur dokumentarisch, sondern auch kritisch und erzählerisch. Sie zeigt, wie sich Themen, künstlerische Ansätze und gesellschaftliche Fragestellungen im Laufe der Jahre verändert haben.<BR /><BR /><b>Wenn Sie nun zurückblicken: Welche Entwicklung hat die BiennaleGherdëina seit der Gründung 2008 durchlaufen? Wie Sie erklärten war und ist es Ihnen ein Hauptanliegen, den Dialog zwischen ladinischen Traditionen und internationalen künstlerischen Positionen zu fördern. Ist die Formel aufgegangen? <BR /></b>Ghetta: Ich denke schon. Gerade dieser Dialog hat die Biennale Gherdëina besonders gemacht. Die lokale Dimension wurde nie folkloristisch verstanden, sondern als lebendiger kultureller Kontext. Viele internationale Künstlerinnen und Künstler haben hier Themen entdeckt, die weit über die Region hinaus relevant sind: Fragen von Identität, Sprache, Erinnerung, Tourismus, Landschaft oder ökologischer Veränderung. Dadurch ist ein Austausch entstanden, der beide Seiten bereichern konnte.<BR /><BR /><b>Und umgekehrt: Inwiefern hat sich die Biennale Gherdëina zu einer international anerkannten Plattform entwickelt, ohne ihre lokale Verankerung in Gröden zu verlieren? <BR /></b>Ghetta: Indem sie nie versucht hat, ihre Herkunft zu verleugnen. Die Biennale Gherdëina ist gerade deshalb international interessant geworden, weil sie von einem sehr spezifischen Ort ausgehend denkt und agiert. Die lokale Verankerung war nie ein Hindernis, sondern immer die eigentliche Stärke des Projekts.<BR /><BR /><b>Grundsätzlich: Welche gesellschaftliche Bedeutung schreiben Sie der Biennale und der Kunst im Allgemeinen zu? <BR /></b>Ghetta: Kunst kann keine einfachen Lösungen liefern, aber Räume für neue Perspektiven öffnen. Sie kann Fragen stellen, Komplexität sichtbar machen und gesellschaftliche Prozesse sensibel begleiten. Gerade heute halte ich Orte des kulturellen Austauschs und der kritischen Reflexion für wichtiger denn je.<BR /><BR /><b> Am Samstag wird die 10. Ausgabe eröffnet. Alles steht bereit. Sind Sie schon am überlegen wohin der Weg der Biennale in Zukunft führen soll? <BR /></b>Ghetta: Ich wünsche mir, dass die Biennale Gherdëina weiterhin ein Ort des Experimentierens bleibt – offen, mutig und unabhängig. Gleichzeitig soll sie ihre Beziehung zum Territorium weiter vertiefen und verstärkt internationale Netzwerke aufbauen. Die Herausforderung wird sein, weiterhin relevant zu bleiben, ohne die eigene Identität zu verlieren. Genau darin liegt aber auch die große Chance der Biennale Gherdëina. Eva Bernhard<BR /><BR /><b>Teilnehmende</b>: Chanelle Adams (1992, US) – Andrius Arutiunian (1991, ARM/LT) – Jacopo Belloni (1992, IT) – Alice Bucknell (1993, UK/US) – Leonardo Bürgi Tenorio (1994, MX/CH) – Giulia Cenci (1988, IT) – Sandra Knecht (1968, CH) – Dorota Gaweda & Eglè Kul- bokaitè (1987, LT, 1986, PL) – Ju- dith Neunhäuserer (1990, IT) – Walter Niedermayr (1952, IT) – Masatoshi Noguchi (1988, JP/IT) – Gabriela Oberkofler (1975, IT) – Lydia Ourahmane (1992, DZ) – Gregor Prugger & Leonora Prugger (1954, IT, 1995, IT) – Ana Prvacki (1976, YU/RO) – Augustas Serapinas (1990, LT) – Bas Smets + Eliane Le Roux (1975, BE, 1983, FR) – Bosco Sodi (1970, MX) – Con- stantin Thun Kelly Tissot (1995, FR) – Álvaro Urbano (1983, ESP) – Yuyan Wang (1989, CN) – Evelyn Taocheng Wang (1981, CN) – Pedro Abu Wirz & Michael Marder (1981, BR/CH, 1980, CA/PT).Eine ausführliche Besprechung der Biennale Gherdëina folgt.<BR /><BR /><b>Mehr zum Event:<BR /><BR /></b>(Future) Paradise Gardens vereint 24 Projekte von 28 lokalen und internationalen Künstlerinnen und erstreckt sich über drei zentrale Ausstellungsorte: die Ortszentren von St. Ulrich und St. Christina sowie den Hof Pilat.<BR /><BR /><b>Eröffnung , 30</b>. Mai: 10-11 Uhr: Begrüßung und institutionelle Präsentation vor der Sala Trenker, Stetteneckplatz, St. Ulrich<BR /><BR /><b>11-13 Uhr</b>: Kuratorenführung durch die Ausstellungen in St. Ulrich (getrennte Gruppen in Englisch, Deutsch und Italienisch)<BR /><BR /><b>13-14</b><b>Uhr:</b> Kulinarische Intervention des Biennale-Künstlers Leonardo Bürgi Tenorio , Piazza S. Antonio, St. Ulrich<BR /><BR /><b>14.27</b><b>Uhr und 14.57</b> Uhr: Transfer nach St. Christina(individuell oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln – Bus Nr. 350 oder 360 ab Piazza S. Antonio)1<BR /><BR /><b>5-16 Uhr:</b> Kuratorenführung durch die Ausstellung in St. Christina (getrennte Gruppen in Englisch, Deutsch und Italienisch), Dorfplatz, St. Christina<BR /><b><BR />16-16.30 Uhr:</b> Applied Honey Proverbs. A folkloric dip into proverbs from around the world. Where ecology meets language, and wisdom accumulates, Live-Performance der Biennale-Künstlerin Ana Prvacki , Dorfplatz, St. ChristinaWanderung nach Pilat <BR /><BR /><b>18-19.30 Uhr</b>: Treffpunkt Talstation Seiser-Alm-Bahn (St. Ulrich) – Pilat kann nur zu Fuß oder via Shuttle erreicht werden. Eine Zufahrt mit privaten Fahrzeugen ist nicht möglich. <BR /><BR /><b>18 Uhr:</b> Kuratorische Führung zu den Kunstwerken am Pilat (verschiedene Gruppen für Deutsch, Italienisch und Englisch). Die Wanderung führt über den Weg Nr. 15 und dauert etwa 45 Minuten bergauf (geeignetes Schuhwerk tragen).Für Personen, die den Aufstieg nicht bewältigen können, steht zwischen 18 und 18.30 Uhr ein Shuttle-Service zur Verfügung. Anmeldung erforderlich, Transfer buchen; biennalegherdeina.org<BR /><b><BR />19.30- 21.30 Uhr:</b> Fest, Open-Air-Abend mit Essen, Getränken, Musik DJ Davide Piras <BR /><BR />.<b>21.30-22.30 Uhr:</b> Rückfahrt mit Shuttletransfer für alle von Pilat nach St. Ulrich, zur Talstation Seiser-Alm-Bahn, da nachts der Weg nicht beleuchtet ist. Termin: 31.5 bis 13.9.